„Ende der autoritären Politik“

Der Grünen-Politiker Werner Schulz sieht in der ostdeutschen Doppelspitze Platzeck/Merkel ein Signal für mehr Dialog, Offenheit und Kompetenz

taz: Herr Schulz, beide Volksparteien werden jetzt von Politikern aus dem Osten geführt. Sehen Sie Parallelen zwischen Matthias Platzeck und Angela Merkel?

Werner Schulz: Der Osten kommt jetzt weit nach vorn, das sehe ich mit Freude und Vergnügen. Zu Platzeck und Merkel kommt noch der neue Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der einen ähnlichen Werdegang hat. Alle drei sind Naturwissenschaftler oder Techniker, keine Politologen, Juristen oder Soziologen. Sie sprechen kein Parteichinesisch, sondern mehr oder weniger Klartext. Sie sind auf Sachlichkeit orientiert. Offensichtlich gibt es ein Bedürfnis in den Parteien, sich an solchen Persönlichkeiten auszurichten.

Warum?

Die autoritäre Politik, wie sie etwa von Franz Müntefering verkörpert wird, ist an ihr Ende angelangt. Dieses Veraltete, Verknöcherte, diese Unfähigkeit zu Dialog und Konflikt – das hat Müntefering letztlich zu Fall gebracht.

Das wird nun besser?

Es ist eine glückliche Fügung für unser Land, dass jetzt Merkel und Platzeck die Geschicke in die Hand nehmen. Ich habe bei beiden das Gefühl, dass sie wirklich Verantwortung für unsere Republik übernehmen und nicht nur durch persönliche Ambitionen an diese Stelle gekommen sind. Sie sind durch eine gewisse Bescheidenheit aufgefallen, durch Leistung, Engagement und Kompetenz. Das braucht unser Land in dieser Phase. Wir haben einen großen Problemberg abzuräumen. Mit ihrem Einsatz 1989/90 haben beide gezeigt, dass sie dazu in der Lage sind.

Sie meinen, das Chaos ist auch eine Chance?

Jedes Chaos birgt eine Chance. Platzeck und Merkel sind Politiker, die das Chaos schon mal bewältigt haben. Sie haben den Zusammenbruch eines ganzen Landes erlebt, und sie haben in dieser Zeit Einsatz gezeigt. Sie haben von ostdeutscher Seite mit dafür gesorgt, dass die deutsche Einheit zustande kam.

Viele Bundesbürger hätten weit eher Gerhard Schröder oder Edmund Stoiber den Weg aus der Krise zugetraut.

Bei Politikern wie Stoiber oder Schröder rangiert die Eitelkeit vor der Verantwortung. Nehmen Sie dagegen Merkel. Sie hat mit Anstand das Beste aus dem enttäuschenden Wahlausgang gemacht. Sie lässt den Kopf nicht hängen oder läuft weg. Auch Platzeck musste jetzt nicht ewig überlegen, ob er den SPD-Vorsitz übernimmt. Er ist nicht wie Stoiber getürmt und hat erst mal über Ausflüchte gebrütet, warum er es vielleicht doch nicht machen kann.

Aber er hat Rufe nach Berlin schon mehrfach abgelehnt.

Damals haben das viele nicht verstanden. Jetzt wird klar: Der Mann kann offensichtlich unterscheiden, wann es sich um eine echte Aufgabe handelt, der er sich nicht entziehen kann. Das zeigt doch gerade, dass Platzeck nicht nur in Karrieredimensionen denkt.

Und Schröder hat das nicht verstanden?

Weil er anders tickt, und zwar nach der Methode: Ich mache Ihnen ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können. Und ist dann verblüfft, wenn das nicht aufgeht.

Sie wollen allen Ernstes behaupten, Platzeck habe nie an seine Karriere gedacht?

Natürlich hat er auch nach anspruchsvollen Aufgaben gesucht. Aber das Oder-Hochwasser konnte er nicht einplanen. Das war eine Situation, in der man die Reaktionsfähigkeit und das Engagement eines Politikers erleben kann. Platzeck war zu DDR-Zeiten in der Kreishygieneinspektion. Da musste er sich den Problemen stellen. Da musste man eine Lösung finden. Da konnte man nicht weggucken, da konnte man auch nicht weglaufen. Da musste man rangehen. Diese Tatkraft, dieses Offensive und zugleich auch Fröhliche – das brauchen wir in dieser Situation.

Fühlen Sie sich durch das Debakel dieser Tage in Ihren Warnungen vor der Neuwahl bestätigt?

Ganz so drastisch, wie es sich jetzt ereignet, konnte man es nicht ahnen. Aber ich war mir damals bewusst, dass ein negativer Dominoeffekt ausgelöst wird, der diesen Staat noch erschüttern wird. Letztlich sind Schröder und Müntefering auf ihrem Egotrip gestolpert. Sie haben das Land in eine kritische Situation gebracht, auch ihre eigene Partei. Am Ende schmeißen sie alles hin, jeder macht für sich den Lafontaine. Diese Truppe ist verantwortungslos.