Heimat in neuen Arrangements

JAZZ Die Altsaxofonistin Kathrin Lemke leitet ein Oktett zu Ehren des legendären Bandleaders und Komponisten Sun Ra. In „My Personal Heimat“ arrangiert sie Lieder ihrer Kindheit

„Ich habe mich immer mehr in den Jazz verliebt“: Kathrin Lemke Foto: Manuel Miethe

Wer wagt, gewinnt: Dieser sprichwörtliche Ansporn, sich auf Unbekanntes einzulassen, ist für JazzmusikerInnen essenziell. Kathrin Lemke weiß inzwischen genau, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die eigene Musik oder Arrangements anderer Kompositionen für eines ihrer Ensembles auszuarbeiten. Vor wenigen Wochen war sie mit ihrem Quartett für die Einspielung fremder, aber ihr sehr vertrauter Stücke unter dem Obertitel „My Personal Heimat“ im Aufnahmestudio, Ende Juli hat sie zum ersten Mal mit 30 MusikerInnen gearbeitet.

Obwohl sie im Big-Band-Format überaus erfahren ist, war die Leitung des Workshops bei den alljährlich vom Jazzinstitut Darmstadt ausgerichteten „Jazz Conceptions“ eine echte Herausforderung. Die große Gruppe ambitionierter Amateure zwischen 40 und 83 Jahren ließ sich nur zu gern darauf ein, Stücke von Sun Ra und von Lemke zu spielen: „Das ist so toll, wenn du 30 Leute vor dir hast und die dann so einen guten Geist zusammen haben, das ist Wahnsinn,“ schwärmt Lemke im Gespräch. „Es geht nicht um Übungen am Instrument, sondern darum, dass man zusammen Musik macht und sich Stücke gemeinsam erarbeitet, eben nicht zu akademisch.“

So hat Kathrin Lemke auch ihr Instrument, das Altsaxofon gelernt. Obwohl sie als Kind Akkordeonistin werden wollte. Denn von der Musik der Roma, die sie in den Urlauben mit den Eltern am ungarischen Plattensee hört, ist sie sehr fasziniert. Doch in Heidelberg, wo sie geboren ist und aufwächst, lernt sie zunächst Klavier.

Das klassische Repertoire sagt ihr nicht zu, eher begeistern sie die Konzerte der U.S. Army Big Band, die in Heidelberg bei zahlreichen Festen aufspielt. Mit 13 Jahren sucht sich Lemke an der Musikschule das Altsaxofon aus: „Ich hatte einfach Lust, ein Instrument zu lernen, das man in der Gruppe spielen kann, nicht nur im Duo wie mit dem Klavier. Die Tragweite kam erst hinterher, als ich entdeckte, was es alles für tolle Musik gibt.“

Zwischen Wald und Bolle

Bereits nach drei Wochen Unterricht spielt sie im Orchesterverein Heidelberg-Handschuhsheim, dessen Repertoire Blasmusik und populäre Lieder umfasst. Mit 16 bekommt sie Unterricht von „so coolen Jazztypen in einer ollen, ungelüfteten Wohnung in der Altstadt“, wie sie sagt. Doch nach dem Abi­tur studiert sie Philosophie, Soziologie und Politik, dann Germanistik und Musikwissenschaft.

„Ich hatte nicht beschlossen, Musikerin zu werden. Aber ich habe mich immer mehr in den Jazz verliebt, so ein Gefühl war das wirklich.“ Lemke studiert an der Frankfurter Musikwerkstatt Saxofon, wohnt in Mannheim und gründet ihre ersten eigenen Bands, ein Sextett mit drei Bläsern, Bass, Klavier und Schlagzeug, dann ein Quintett mit Rhythm-Section und Vibrafon.

Die Tenorsaxofonistin Esther-Maria Stumm wird ihre Mentorin: „Ohne sie wäre ich heute gar nicht, wo ich bin. Weil ich mich immer so gefürchtet habe vor allem und sie gesagt hat ,Mach mal!‚„ Stumm ermutigt Lemke zur Teilnahme an einem Workshop in Kanada. Nach zwei Wochen intensiver Proben und abendlichen Konzerten kehrt Lemke begeistert zurück, die Jazzwelt in Mannheim und Umgebung wird ihr aber zu klein.

Ihr Quartett JazzXclamation führt sie in Berlin fort, bis 2011 veröffentlicht die Band vier CDs. Ein Jahr später erscheint das erste Album ihres Oktetts, für das sie Kompositionen von Sun Ra arrangiert und eigene Stücke im Geiste des Jazz-Mystikers schreibt. „Heliocentric Counterblast“ ist nach wie vor aktiv, die zweite CD, „Planetary Tunes“, erschien in diesem Jahr.

Lemkes aktuelles Projekt, „My Personal Heimat“, ist ihr eine echte Herzensangelegenheit. Für das Quartett mit dem Pianisten Niko Meinhold, den Bassisten Adam Pultz Melbye und dem Schlagzeuger Michael Grie­ner arrangiert sie Lieder, mit denen sie aufgewachsen ist. Zum Beispiel „House of the Rising Sun“, das ihr Vater sang und auf der Gitarre spielte, oder „Am Rio Jarama“ aus den „Liedern des spanischen Bürgerkriegs“ von Ernst Busch.

Zwischen „Abschied vom Walde“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy und dem Berliner Volkslied „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ liegen viele persönliche Erinnerungen, die Lemke offen mit ihrem Publikum teilt.

„Es geht um musikalische Sozialisation, wo man ein Gefühl von Heimat hat. Ein Ziel ist, dass Hörende auch was erkennen, dass es so eine Vertrautheit gibt und andererseits eine Irritation. Die Songs nur zu reharmonisieren oder einen anderen Groove drunterzulegen, reicht nicht. Das Arrangement ist schwierig, aber der Ausdruck ergibt sich dann von selbst.“

Wieder ein Vorhaben, das Kathrin Lemke mit Bravour gelingt.