taz-Serie Flüchtlinge und Fußball

Willkommen in der Kreisklasse

Das Flüchtlingsteam von Welcome United will mehr sein als nur ein Auffangbecken von fußballbegeisterten Zuwanderern.

Die Spieler von Welcome United im Flutlicht

Welcome United beim Training. Foto: Sebastian Wells

Es ist eine Geschichte voller Unwahrscheinlichkeiten und Unwägbarkeiten, die an einem Sonntagmorgen Ende September auf einer Fußballanlage in Stahnsdorf erzählt wird.

Stahnsdorf ist eine kleine Gemeinde im Kreis Potsdam-Mittelmark. Der Verein, der auf dem Fußballplatz spielt, heißt Eintracht Teltow; die von frühherbstlicher Sonne beschienene Anlage, auf der die vierte Mannschaft des Klubs heute spielen soll, liegt im Grünen und verfügt über die wesentlichen Einrichtungen, ohne die das deutsche Vereinswesen nicht das deutsche Vereinswesen wäre: ein Klubhaus, einen Bratwurstgrill, einen Platzwart und einen Rentner mit grauem Haar und grauem Schnäuzer, der die Thermoskannen Kaffee bereitgestellt hat. Kleine, muffige Umkleiden gibt es auch.

In einem dieser Umkleideräume sitzen heute Abdi, Gigi, Hassan und die anderen. Sie wühlen in einer roten Plastikkiste, aus der sie blau-weiße Trikots, Hosen, Schienbeinschoner und Stutzen fischen. Abdi, Gigi, Hassan und die anderen sind aus Babelsberg angereist, sie werden gegen Eintracht Teltow antreten. Eigentlich haben sie kompliziertere Namen, aber jeder nennt sie hier nur bei ihrem Kurznamen. „Come on, guys, hurry, hurry“, ruft Trainer Sven George jetzt in die Kabine hinein, „twenty minutes left“. Um 10.30 Uhr ist Anstoß. Auch Sven hat hier, wir sind ja beim Fußball, nur einen Vornamen. Gerade noch läuft Sven aufgeregt zwischen Kabine und Parkplatz hin und her, meist das Smartphone am Ohr. Sein Team ist noch nicht komplett.

Es ist der 4. Spieltag in der 2. Kreisklasse C des Fußball-Landesverbandes Brandenburg. Und es ist keine ganz gewöhnliche Partie in dieser Spielklasse; das merkt man auch daran, dass eine kleine Ultragruppe angereist ist, die am Spielfeldrand Banner befestigt hat (“Ultras Babelsberg“, „Wir wollen Bier umsonst“) und die während des Spiels Stimmung macht. Das Team, das sie anfeuern und in dem die Jungs von Trainer Sven spielen, heißt Welcome United.

Welcome United ist eine Mannschaft, die ausschließlich aus Flüchtlingen besteht. Im Juni 2014 hat der Verein Babelsberg 03 das Team gegründet, es war das erste seiner Art in Deutschland. Inzwischen gibt es einige weitere, bis in bayerische Kleinstädte hinein. Richtig los ging es für die Babelsberger Pioniere aber eigentlich erst kürzlich: Seit Beginn dieser Saison nimmt die Mannschaft, mit einem Kader von 22 Spielern, am offiziellen Spielbetrieb teil. Mit drei Siegen in drei Spielen sind sie gestartet. Der heutige Gegner hat bislang noch keine Partie gewonnen.

Privates bleibt draußen

Auf dem Platz haben sich derweil elf Spieler im Kreis um Trainer Sven gruppiert. Sie sind inzwischen komplett, die meisten aber waren nicht pünktlich. Deshalb wird das Spiel zehn Minuten später angepfiffen. Sven ist wütend. „So geht das nicht, Leute“, sagt er auf Englisch. Er blickt sich in der Runde um. Die Spieler haben die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Sie blicken zu Boden. „Verhaltet euch wie eine Mannschaft!“, ruft Sven. „Es geht darum, dass ihr eure Privatangelegenheiten für das Team zurückstellt. Ihr macht es eurem Gegner sehr leicht, sein erstes Spiel zu gewinnen.“

Um 10.41 Uhr beginnt das Spiel. Eintracht Teltow stößt an. Seit es Welcome United gibt, haben sich Medien, auch die taz, mit dem Team beschäftigt; es ist fast zu einem Medienphänomen geworden, das sich gut in den Reigen der Willkommenssagas fügt, die derzeit erzählt werden. Gründerin Manja Thieme, die in der Flüchtlingshilfe gearbeitet und die die Kicker und den Klub zusammengebracht hat, war kürzlich gemeinsam mit Abdihafid Ahmed, dem Abdi aus der Kabine, im Aktuellen Sportstudio des ZDF. Das Erste zeigte eine Doku über Welcome United. Auch in Stahnsdorf sitzt neben der taz noch eine Radioreporterin mit Mikrofon am Spielfeldrand.

Zu verklären, zu romantisieren gibt es wenig im Fall von Welcome United. Die Geschichten, die die Spieler erzählen, sind krass. Abdi, der Kapitän von Welcome United, der nun elegant durchs Mittelfeld dribbelt, war IT-Student in Somalia, erzählt er. Er sei dort vor der Al-Shabaab-Miliz geflohen, die seinen Vater und seine Bruder umgebracht habe und hinter ihm her gewesen sei. In Somalia war er wohl einst im Kreis der Nationalmannschaft. Auf der Flucht übers Mittelmeer sei er knapp dem Ertrinken entkommen. Ein anderer, ein junger Albaner, erzählt, in seiner Heimat Shkodra sei er von Blutrache bedroht, einem archaischen Prinzip, mit dem Familien aneinander Vergeltung üben.

Der Plan: Welcome United ist im Juni 2014 gegründet worden. Es war seinerzeit die erste Mannschaft Deutschlands, die ausschließlich aus Flüchtlingen bestand. In dieser Saison tritt das Team in der Kreisklasse C in Brandenburg an. Mittlerweile haben viele Medien übers Team berichtet. Allerdings sieht der Alltag der Spieler oft anders aus als das Bild, das erzeugt wird, wenn man nur einen Blick auf ein Flüchtlingsteam wirft. Deshalb wollen wir die Mannschaft fortan in regelmäßigen Abständen besuchen. Wir wollen sehen, wie Welcome United sich im deutschen Amateurfußball schlägt – aber auch, wie es den Spielern in ihrem täglichen Leben ergeht.

Die meisten Spieler leben heute in einem Wohnheim in Potsdam, sind arbeitslos oder dürfen nicht arbeiten. Ihr Alltag verläuft von Spiel zu Spiel, von Frist zu Frist, von Aufenthaltsgenehmigung zu Aufenthaltsgenehmigung.

Angst vor der Abschiebung

Für Hassan, der neben der Trainerbank auf dem silbernen Mannschaftskoffer Platz genommen hat, in dem sich Verbandszeug und Kühlpacks befinden, ist der 1. Dezember so eine Frist. Dann, so hofft er, wird seine Duldung für weitere drei Monate genehmigt – und auch die seiner Frau, seiner zwei kleinen Töchter und seines 14-jährigen Sohnes Elir, der im blauen Polyester-Trainingsanzug neben ihm steht. Hassan hat Angst vor der Abschiebung; seit September vergangenen Jahres gilt Mazedonien als sicherer Herkunftsstaat. Gerade hat er einen Job als Bauhelfer in Aussicht.

Hassan, 35 Jahre, ist Co-Trainer, Betreuer, Versorger des Teams. Bald will er auch selbst wieder spielen. Derzeit ist er noch bei einem anderen Potsdamer Verein gemeldet, für Welcome United darf er nicht auflaufen. Ab und an gibt Hassan während des Trainings oder während der Spiele auch den Schlichter: „Manchmal sind die Spieler außer Kontrolle, dann rasten sie aus“, sagt er, „aber das lasse ich nicht zu.“

Auf dem Platz läuft es heute zunächst schlecht für Welcome United. 0:3 steht’s zur Pause, obwohl die Babelsberger, etwa die Hälfte davon mit schwarzer Hautfarbe, ihrem Gegner technisch überlegen sind, Ball und Spiel kontrollieren. Eine knappe halbe Stunde vor Abpfiff steht es 1:4. Abdi hat sich nach einem heftigen Foul an ihn fast zu einer Tätlichkeit hinreißen lassen. Nur dieses eine Tor von Mazen, dem Syrer, gibt Hoffnung.

Hassan hat in Potsdam zum ersten Mal überhaupt in einem Verein gespielt. „Ich bin eigentlich Straßenfußballer“, erzählt er. Sein eigentlicher Name ist Zahirat Juseinov, aber als der gebürtige Mazedonier 2010 mit seiner Familie nach Deutschland kam, hat er sich als „Hassan“ angemeldet. Seit 2011 lebt er mit seiner Familie in der brandenburgischen Landeshauptstadt. Zuerst im Wohnheim, seit Kurzem in einer Wohnung. Mit seinen Eltern hat er als Kind während des Jugoslawienkrieges Anfang der Neunziger in Cuxhaven gelebt, 1994 mussten sie zurück nach Mazedonien. Hassan spricht fließend Deutsch, sein Sohn auch.

Langeweile im Wohnheim

Straßenfußballer war Hassan nicht freiwillig. In seiner Heimatstadt Vinica, einer Kleinstadt im Osten Mazedoniens, wollte er dem Verein Sloga Vinica beitreten. „Wir haben Schläge bekommen, als wir dort aufgekreuzt sind“, erzählt er. Weil er Rom ist und Muslim. Vinica ist kein guter Ort für Roma, sagt er. Fortan spielten die Roma untereinander Turniere aus. Auf Asphaltplätzen.

Hassan, dessen dunkelbraunes Haar zu einem Seitenscheitel gegelt ist und der eine etwas zu große, künstlich abgewetzte Jeans und Turnschuhe trägt, gehört mit Manja Thieme zur Gründungscrew von Welcome United. „Manja und Thoralf haben mich angesprochen und gefragt, ob ich Trainer eines Flüchtlingsteams werden will.“ Thoralf, das ist Thoralf Höntze, der Marketingchef von Babelsberg 03. Gemeinsam mit Manja Thieme machte er Hassan zum Trainer. Der fragte in den Potsdamer Flüchtlingsheimen, wer Fußball spielen wolle. „Die meisten hatten Langeweile im Wohnheim“, sagt er, „wir hatten schnell ein Team beisammen.“ Später lotste Hassan selbst den neuen Trainer Sven George zu Welcome United.

Sven läuft die Auslinie auf und ab, hüpft zwischendurch hoch oder gestikuliert mit den Armen. Spät, sehr spät, dreht sein Team doch noch auf. Es gibt einen Elfmeter für Welcome United, den Abdi verwandelt. Kurz vor Ende gelingt der Anschlusstreffer. Die Ultras grölen und jubeln. Doch es bleibt dabei: 4:3 für Eintracht Teltow.

„Ganz ehrlich?“, fragt Sven rhetorisch, „vielleicht war es richtig so, dass wir heute mal verloren haben. Die Jungs müssen sehen, dass es so nicht geht.“ Aber eigentlich sei „alles gut“. Er deutet mit dem Arm hinüber. Dort sitzen Abdi, Gigi und die anderen auf einem Fleckchen Gras neben dem Bratwurststand in der Sonne.

 

Weltweit sind mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Verfolgung und Armut. Im Mittelmeer sterben Zehntausende. Und die EU setzt auf Abschottung.

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