Kommentar Gedenken an Jitzhak Rabin

Vom Frieden redet kaum noch wer

Jitzhak Rabin kämpfte für die Zwei-Staaten-Lösung. Beim Gedenken an seine Ermordung interessiert das kaum noch jemanden.

Menschen halten Schilder in der Hand, auf dem einen sind zwei Männer: der vor 20 Jahren ermordete Jitzhak Rabin und der heutige Regierungschef Netanjahu

Unter den Teilnehmer_innen gibt es Kritik an der aktuellen Politik (hier wird Netanjahu als „Feigling“ bezeichnet), auf der Bühne nicht. Foto: dpa

Mindestens zwei Leute, die am Samstagabend in Tel Aviv während der Gedenkveranstaltung für den vor 20 Jahren ermordeten Regierungschef Jitzhak Rabin zu der Menge sprachen, wussten nicht genau, worum es ging. US-Präsident Barack Obama und sein Vorgänger im Weißen Haus, Bill Clinton, konzentrierten ihre Reden auf den Friedensprozess mit den Palästinensern, der einst mit Rabin und mit PLO-Chef Jassir Arafat begann. Die Gedenkveranstaltung galt indes keineswegs Rabins politischem Erbe. Stattdessen lautete die Mission: landesinnerer Frieden und Demokratie.

Die beiden Amerikaner und Jonathan Ben-Artzi, ein Enkel des ermordeten Regierungschefs, fanden allenfalls bei den Linken ein offenes Ohr. Bei denen also, die sich schon vor 20 Jahren im Namen des Friedens versammelten und die jetzt zusammenrücken müssen, um Platz zu machen, für Leute, die anders denken. 20 Jahre nach Rabins Tod spricht nur noch eine Minderheit über den Frieden.

Nicht Rabins Weggefährte Schimon Peres, der als eigentlicher Architekt der Osloer Prinzipienerklärung gilt, durfte ans Rednerpult, sondern sein Nachfolger Reuven Rivlin. Mehr als jeder andere war der amtierende Staatspräsident für die Rede prädestiniert. Von Beginn seiner Amtszeit an predigt Rivlin das friedliche Miteinander der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen im Land. Dass Rivlin auch der erste israelische Politiker war, der offen die Zweistaatenlösung ausschloss, spielte keine Rolle.

Sogar eine israelische Siedlerin durfte ans Rednerpult, weil ihr Sohn vor wenigen Monaten bei einem Terroranschlag ums Leben kam. Eine Zweistaatenlösung, die sie selbst und ihre Familie zum Umzug nach Israel zwingen würde, lehnt die bedauernswerte Mutter ab. Ein kleines, aber jüdisches Israel, das Seite an Seite mit Palästina in Frieden existieren würde, schwebte Rabin vor, aber das interessiert heute niemanden mehr.

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Hier verfolgen wir die jahrzehntelangen Bemühungen um dauerhaften Frieden zwischen Israelis und Palästinensern.

Seit 1999 taz-Nahostkorrespondentin in Israel und Palästina, Jahrgang 1961

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