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Nachrichten aus der hedonistischen Tretmühle: Die Entwicklung des Glücks von der Utopie zur Wissenschaft

Eines weiß man mittlerweile: Wirtschaftswachstum, allgemeine Wohlstandsgewinne und Konsum machen nicht glücklicher

Wir erleben einen Aufschwung der Glücksforschung. Das hat natürlich mit Fortschritten der neurologischen Wissenschaften zu tun – dem Umstand etwa, dass man Glücksempfinden heutzutage exakt messen kann. Aber nicht nur. Die eigentliche Ursache ist der Niedergang der Großutopien, der eine seltsame Bewegung auslöste. Die Großutopien versprachen Emanzipation und mussten sich um lächerliche persönliche Emotionen wie das Glücksgefühl nicht scheren. Dass man im Kapitalismus nicht glücklich sein kann, verstand sich von selbst – und dass im Kommunismus schon alle glücklich sein würden, ebenso.

Als diese Zukunftshoffnung blass wurde, stiegen zunächst die individuellen Wege zum Glück steil in ihrem Kurs. Es begann die große Zeit der Ratgeberliteratur („Neun Wege zum täglichen Glück“), der Psychogurus und der Glückspillen.

Mit der Entwicklung des Glücks von der individuellen Utopie zur Wissenschaft geraten in den letzten Jahren aber wiederum die gesellschaftlichen Bedingungen fürs Glücklichsein ins Blickfeld – was gewissermaßen zu einer Repolitisierung des Glücksstrebens führt. Hierzulande war dem Buch „Die glückliche Gesellschaft“ des britischen Ökonomen Richard Layard im Frühjahr eine durchaus breite Rezeption beschieden, und in London diskutierten in diesem Sommer Wissenschaftler verschiedener Branchen die Frage: Was macht Menschen glücklich? Welche Schlüsse muss die Politik daraus ziehen?

Denn eines weiß man mittlerweile: Wirtschaftswachstum, allgemeine Wohlstandsgewinne und Konsum machen nicht glücklicher. Das heißt nicht, dass Geld nicht glücklich macht, wie das der Volksmund sagt. Aber ab einem bestimmten Wohlstandsniveau führen Zuwächse nicht notwendigerweise zu einer Verbreiterung der Glücksgefühle. „Moderne Menschen sind wie Hamster im Rad“, schreibt die Sunday Times. Die Glücksforscher nennen das die „hedonistische Tretmühle“. An den erreichten Standard gewöhnen wir uns schnell.

Solche Thesen könnten natürlich ein Einfallstor für ein bekanntes kulturkonservatives Eh-schon-Wissen sein, sind sie aber nicht: Denn es folgt daraus keineswegs, dass allgemeine Wohlfahrt und Glücksempfinden voneinander unabhängig sind. Es folgt daraus etwas anderes: Wie hoch mein Einkommen und mein Lebensstandard in absoluten Zahlen sind, ist für mein Glücksempfinden weniger relevant als die Frage, wie es im Verhältnis zu anderen steht. „Je gleichmäßiger das Einkommen verteilt ist, desto glücklicher werden die Menschen eines Landes im Schnitt sein“, schreibt Layard. Einkommenszuwächse machen Arme glücklicher, Wohlhabende nicht unbedingt. Alle Untersuchungen zeigen, dass die Menschen heute nicht glücklicher sind als vor 50 Jahren, aber dass die Menschen am glücklichsten in Skandinavien sind, in den klassenlosesten Gesellschaften der Welt.

Neben diesen allgemeinen Großerkenntnissen der neuesten Glücksforschung gibt es noch einige interessante Fakten und auch Thesen, deren Stichhaltigkeit ich nicht zu beurteilen vermag, die aber in jedem Fall unterhaltsam sind. So wissen wir, was Menschen glücklich macht: heiraten macht glücklich, Haustiere machen glücklich, Kinder zu bekommen erstaunlicherweise (entgegen dem, was wir annehmen würden) ganz offensichtlich nicht. Dass uns eine erfüllte, kreative Arbeit glücklich macht, haben wir schon geahnt – dass in Großbritannien diejenigen Beamten, die die meisten Routinearbeiten zu erledigen haben, am ehesten unter Arterienverstopfungen leiden und früher sterben, bestätigt uns in diesem Wissen. In einer Langzeitstudie haben US-Wissenschaftler herausgefunden, dass von den Menschen einer Stichprobe, die vor Jahrzehnten als „glücklich“ identifiziert wurden, mit 85 Jahren noch beinahe alle lebten, während vom unglücklichsten Viertel zwei Drittel dieses Alter nie erreichten.

Weil glückliche, optimistische Menschen eher das Wagnis einer Emigration auf sich nehmen, gibt es sogar eher depressive Gesellschaften. Das sind die, aus denen alle Optimisten ausgewandert sind. Schottland soll ein Exempel für eine solche Miesepeter-Society sein: eine wahre Depressionszone. Politik kann mit Hilfe dieser Daten gewiss Glück fördern. Aber nur bis zu einem gewissen Grad, wenden Hirnforscher ein. Denn unser Gehirn sei von der Evolution darauf getrimmt, eher Unangenehmes wahrzunehmen als Angenehmes. Bei Gefahren schrillt es „Achtung“, während es bei Glück auf Phlegma stellt: „Alles okay, lass es so laufen, wie es ist.“

Ich liebe ja originelle Thesen, und diese hat wirklich etwas, auch wenn ich nicht so sicher bin, ob ich mich, wenn ich das nächste Mal depressiv bin, bei den Steinzeitmenschen beschweren soll – weil die ja meine zuständigen Gehirnlappen auf Gefahrenabwehr programmiert haben statt auf Glücksgenuss. Solcher neuroevolutionärer Positivismus tendiert schließlich dazu, gerade die gesellschaftliche Konstruktion der modernen Psyche zu dementieren, die die repolitisierte Glücksforschung ins Blickfeld rückt. Die aber kann, in homöopathischen Dosen genossen, durchaus helfen, den eigentlichen Sinn von Gesellschaftspolitik im Auge zu behalten: so viel Glück wie möglich für so viele Menschen wie möglich zu schaffen. ROBERT MISIK