: Wir sprechen uns vor Gericht
SPRACHLOSIGKEIT Nach dem Baustopp für eine Flüchtlingsunterkunft in Klein Borstel redet der Senat nicht mit den Klägern – dabei könnten sich weitere Bauvorhaben verzögern
Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
von Marco Carini
„Fehlende Dialogbereitschaft“ wirft die Initiative „Lebenswertes Klein Borstel“ dem Senat vor. Die Initiative hatte mit einer Klage eine Flüchtlingsunterkunft mit 700 Plätzen in ihrem Stadtteil vorläufig verhindert. Auch nach dem vergangene Woche vom Verwaltungsgericht im Eilverfahren verfügten Baustopp lehne die zuständige Sozialbehörde ihr Gesprächsangebot, so die Initiative, und verhindere damit eine „gebietsverträgliche Lösung im Interesse der Flüchtlinge und Anwohner“.
Man bezweifle, dass die Behörden, die nun vor dem Oberverwaltungsgericht Beschwerde gegen den Baustopp eingelegt haben und an einer Änderung des bestehenden Bebauungsplanes arbeiten, „den schnellsten Weg gewählt“ hätten, „um den Flüchtlingen zu helfen“.
In der Behörde aber stellt man sich stur. „Klagen oder reden – da muss sich die Initiative entscheiden“, gibt Sozialbehördensprecher Marcel Schweitzer den Klein Borstelern mit auf den Weg: „Die Gesprächskultur findet derzeit vor Gericht statt.“ Dass der Senat in der Vergangenheit bei juristischen Konflikten mit Bürgergruppen, gleichzeitig das Gespräch suchte, um noch zu einem Vergleich zu kommen, verschweigt Schweitzer. Der Initiative gehe es zudem „nicht um Einigung, sondern um Verhinderung“, geht Schweitzer die Klägergruppe frontal an.
Die aber kontert: „Wir sind keine Totalverweigerer.“ Die Initiative will – wie die meisten ihrer Geschwisterinitiativen – keine „Massenunterkünfte“, sondern eine reduzierte Flüchtlingsunterbringung, die eine Integration besser gewährleisten könne. Der Senat hingegen steht auf dem Standpunkt, aufgrund des hohen Flüchtlingszuzugs gäbe es keine Alternativen zu den meist sehr großen Erstaufnahme- und Folgeunterkünften.
Die Initiative kritisiert außerdem die Gerichtsschelte vor allem der Fraktionen der Grünen und der SPD nach dem Eilentscheid am vergangenen Donnerstag. Deren sozialpolitische Sprecherinnen hatten in einer gemeinsam verfassten Erklärung dem Gericht vorgeworfen, es sei seiner „politischen Verantwortung“ mit dem Entscheid „nicht hinreichend“ gerecht geworden. Die Initiative hingegen, mahnt an: „Der Senat sollte die Entscheidung der Gerichte respektieren und zum Anlass nehmen“, seine Strategie zu überdenken.“
Rot-Grün aber setzt weiterhin darauf, die Flüchtlingsheim-Bebauung juristisch durchzusetzen. „Wir haben zwei Wochen Zeit, unsere Beschwerde gegen den Gerichtsbeschluss zu formulieren und sind gerade dabei“, benennt Schweitzer den aktuellen Stand. Bis das Oberverwaltungsgericht dann entscheidet, könnten Monate vergehen. Noch länger aber dauert die Aufstellung eines neuen Bebauungsplans, der eine Flüchtlingsunterkunft auf dem derzeit vom Ohlsdorfer Friedhof genutzten Gelände vorsieht. Dieser käme zum Tragen, sollten die Gerichte den Bau auf der Grundlage des Sicherheits- und Ordnungsgesetzes (SOG) endgültig kassieren.
Das würde vermutlich kein Einzelfall bleiben: Eine rechtliche Prüfung der Sozialbehörde, wie viele geplante Unterkünfte nach dem Gerichtsbeschluss juristisch auf wackligen Beinen stehen, ergab eine Anzahl „von nicht viel mehr als zehn“, so Schweitzer. Sie liegen über das ganze Stadtgebiet verteilt und auch ihnen droht eine langwierige Bauverzögerung.
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen