Aust im Nacken

Beim „Spiegel“ bahnt sich ein Richtungswechsel an. Nach dem Pro-Merkel-Kurs wollen die Gesellschafter über die politische Linie des Blattes sprechen

Wenn die Gesellschafter des Spiegel zusammentreten, war das zuletzt für Chefredakteur Stefan Aust nicht immer ein erfreuliches Ereignis. So wurde die Vertragsverlängerung im vorigen Herbst von einer reinen Formsache zur langwierigen Angelegenheit, an deren Ende ein seltsamer Kompromiss stand: Aust bekam drei Jahre plus die Option auf weitere zwei, obwohl er doch fünf gewollt hatte. Vertrauensbeweise sehen anders aus.

Zum guten Verhältnis trug auch nicht bei, dass Austs Lieblingsprojekt – ein englischsprachiger Spiegel für die USA – im Eigentümerkreis auf wenig Begeisterung stieß. Das teure, risikoreiche Vorhaben liegt nun mehr oder weniger auf Eis – auch wenn der Spiegel anlässlich des Erscheinens seiner Sondernummer „The Germans“ schon mal den Leiter des Goethe-Instituts in Washington mit den Worten zitiert: „Hoffentlich bleibt dies nicht die einzige Spiegel-Ausgabe in englischer Sprache.“

Aust, der Stratege

Stratege Aust lässt eben gern andere für sich sprechen – ein weiteres Beispiel ist das von Michael Jürgs verfasste Porträt über ihn in der Zeitschrift Park Avenue (taz v. 26. 10.), das dort eigens als Freundschaftsdienst ausgewiesen ist und in dem steht, dass Aust einst als Vorstandsvorsitzender beim Spiegel-Teilhaber Gruner+Jahr im Gespräch gewesen sei. Was nicht so schön für den amtierenden Chef Bernd Kundrun wäre; hieße es doch, dass er selbst nur zweite Wahl ist. Natürlich habe man Aust mal für die Leitung des Stern gewollt und ihm womöglich Aufstiegschancen skizziert , sagt ein leitender G+J-Manager irritiert, alles andere aber sei „das gewohnte Omnipotenzgehabe“.

Auch unter den Vertretern der Mitarbeiter-KG, die in dem Jürgs-Stück als Austs „liebste Gegner im Haus“ bezeichnet werden, macht sich Missmut breit, weil der fernsehverliebte Chefredakteur wieder mal darüber nörgelt, dass die Mitarbeiter von Spiegel-TV im Gegensatz zu den Kollegen vom Magazin nicht am Gewinn beteiligt werden, obwohl sie viel dazu beitragen. Völlig unnötig sei ein Streit zur Zeit, sagt Thomas Darnstädt, Sprecher der Mitarbeiter KG. „Wir führen seit Monaten konstruktive Gespräche, wie wir die Situation, die manche als ungerecht empfinden, ändern können.“ Zudem seien die Gewinne von Spiegel-TV in den vergangenen Jahren größtenteils in das Fernsehen reinvestiert worden.

Auch die Vermutung von Michael Jürgs, Aust liege ein Angebot des Springer-Verlags vor, den dortigen Fernsehvorstand zu übernehmen, die angesichts der guten Beziehung zwischen Jürgs und Aust wohl mehr als eine Vermutung ist, sorgt für Unruhe im Haus. Doch angesichts der besonderen Nähe zwischen Aust und Springer-Boss Mathias Döpfner, gilt schon lange nichts mehr als undenkbar. Und dass der einstige Springer-Gegner Aust für ein gutes Salär zu eben diesem Verlag wechselt, schon mal gar nicht.

Hinzu kommt, dass zum ersten Mal in der Spiegel-Geschichte die politische Ausrichtung des Blattes bei der nächsten Gesellschafterversammlung auf der Tagesordnung steht. Am 16. November wollen die Vertreter von G+J (25,5 Prozent), der Mitarbeiter-KG (50,5 Prozent) und Jakob Augstein als Sprecher der Familie (24 Prozent) über den Richtungswandel im Blatt sprechen. Das Unbehagen, das viele Redakteure angesichts der etlichen Titelgeschichten gegen Bundeskanzler Schröder und Rot-Grün befallen hat, ist also im Kreis der Eigentümer angekommen – wo man sich mittlerweile fragt, ob es so eine gute Idee war, nach dem Tod von Rudolf Augstein keinen Herausgeber mehr zu installieren, der den Chefredakteur kontrolliert. Als Hauptverantwortlicher des unverhohlenen Pro-Merkel-Kurses gilt indes nicht Aust, sondern der Berliner Büroleiter Gabor Steingart.

Steingart unten durch

Mancher wünscht sich gar, dass sich der Chefredakteur persönlich vor den Eigentümern zur politischen Ausrichtung äußert – allerdings soll Aust bereits signalisiert haben, dass er dafür nicht zur Verfügung steht. Eins aber scheint sicher: Steingart, der lange Zeit als potenzieller Nachfolger von Aust gehandelt wurde, ist damit nicht mehr durchsetzbar.

Kein Wunder also, dass derzeit alle beim Spiegel nervös wie lange nicht sind: Der beleidigte Aust auf dem Sprung zu Springer, Steingart bei manchem Gesellschafter unten durch – da kommt plötzlich bei einigen Ressortleitern schon verloren geglaubtes Selbstbewusstsein auf – und die Frage, ob man nicht selbst der richtige Mann für die Spitze ist.