„Das Buch wird wieder etwas Besonderes“

LESEN Sie war eine der ersten nach der Wende, nun macht sie dicht: Die Käthe Kollwitz Buchhandlung in Prenzlauer Berg schließt. Inhaber Ingo Specht hat noch im Buchvertrieb der NVA gearbeitet, den Kiez in den 90ern erlebt und beob- achtet, wie sich seine Kunden verändert haben. Nun steht er vor einem Neuanfang

INTERVIEW SUSANNE MESSMER
UND BERT SCHULZ

taz: Herr Specht, das Motto Ihres Buchladens war „Bücher sind Lebensmittel“. Nun verramschen Sie Ihre Lebensmittel. Was bedeutet das für Sie?

Ingo Specht: Ich bin ja kein Bibliothekar, sondern Buchhändler. Das Zeug muss weg, weg, weg. Je mehr wir jetzt loswerden, desto besser ist es für alle Seiten. Es ist erstaunlich, welche Stapel die Leute hier in den letzten Tagen rausgetragen haben. Das ist noch einmal wie Weihnachten.

Wie fühlt es sich an, eine Buchhandlung aufzugeben?

Einerseits fühlt es sich gut an. Es ist immer gut, wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht. Andererseits hat uns diese Entscheidung graue Haare gekostet. Ich denke, die Tränen werden schon noch fließen, wenn wir die Tür wirklich hinter uns zuschließen.

Warum schließen Sie sie denn?

In Prenzlauer Berg gibt es im Augenblick mehr Buchhandlungen als Banken und Apotheken zusammen. Dafür, dass die Kaufkraft weiter sinkt und immer mehr Leute bei Amazon bestellen, sind es definitiv zu viele. Ich kann den Leuten nicht verübeln, wenn sie zur Konkurrenz gehen, weil der andere Buchladen 300 Meter näher ist. Dazu kommt, dass wir einfach müde sind.

Saßen Sie auf einem sinkenden Schiff?

Es hätte ein Elend werden können. Die wirtschaftliche Situation hätte sich ganz sicher immer weiter verschlechtert, insofern war es sehr gut, dass wir gezwungen waren, Tacheles zu denken. Es kam uns gerade recht, dass der Laden verkauft worden ist. Wir hätten die Miete noch stemmen können, hätten aber nur einen befristeten Mietvertrag für die nächsten fünf Jahre bekommen. Zudem hätten wir ziemlich viel Geld investieren müssen. Und danach hätten wir ganz sicher rausgemusst.

Machen wir einen Zeitsprung: 1991.

1991, spannende Zeit, wüste Zeit. Wir haben den Laden damals von der Treuhand gekauft. Die Buchhandlung gab es ja schon seit Ende der vierziger Jahre. Nach der Wende hat der Börsenverein des deutschen Buchhandels einen sehr intelligenten Deal mit der Treuhand gemacht. Bei allen Buchhandlungen, die weniger wert waren als eine Million Euro, hatten Angestellte aus den Volksbuchhandlungen Vorkaufsrecht. Ich hatte damals im Buch- und Zeitschriftenvertrieb der NVA gearbeitet, aber eine Freundin war in einem Volksbuchladen angestellt gewesen, also konnten wir den Laden kaufen. Wir waren die zweiten hier im Kiez, nach Die Insel in der Greifswalder Straße, die ein Jahr zuvor aufgemacht hatte.

War es eine euphorische Zeit?

Wir waren damals ganz schön mutig. Anfang dreißig, auf einmal mit einem Haufen Schulden an der Backe – aber es war die beste Zeit meines Lebens. Im Osten gab es einen ungeheuren Nachholbedarf, das flutschte alles wie blöde, wir haben Geld verdient bis zum Abwinken. Aber irgendwann wurden wir satter, es kamen erste wirtschaftliche Rückschläge.

Dass Sie jetzt schließen: Ist das ein Gefühl des Aufbruchs, das man mit dem in der Nachwendezeit vergleichen kann?

Was ist schon Sicherheit? Wir springen heute genauso blauäugig ins Wasser wie 1991. Der Unterschied ist nur, dass ich 21 Jahre älter bin. Damals konnten wir uns nicht vorstellen, dass es nicht funktionieren würde. Heute kann man sich das eher vorstellen.

Was für eine Beziehung haben Sie zu den Büchern?

Hass und Liebe. Ich habe zu einem großen Teil von Büchern gelebt, die ich nicht anfassen würde. Bei den großen Verlagen geht es immer mehr ums Geld und immer weniger um Inhalte. Jedes Jahr bekommt man zwei Meter Kataloge und dann noch Extrabücher mit rosa Schleifchen hinterher. Da wusste ich immer: Das muss ich gar nicht aufmachen, das kann ich gleich wegschmeißen. Da geht es nur noch um Marketing. Außerdem werden die Bücher immer kurzlebiger. Früher gab man einem Buch ein halbes Jahr Zeit, heute muss es nach drei Monaten durch sein.

Haben Sie das Gefühl, dass nicht nur eine persönliche Epoche zu Ende geht, sondern auch die Epoche des Buches?

Es wird keine Bücher mehr geben, die man einmal liest und dann wegschmeißt. Um die ist es auch nicht schade. Vor der Epoche des Buches war das handschriftliche Buch etwas Besonderes, Elitäres. Ich glaube, das Buch wird wieder etwas Besonderes werden. Das gut und schön gemachte, wertige Buch wird überleben. Aber dafür brauchen wir nicht mehr so viele Buchhandlungen.

Wie reagieren Ihre Kunden auf die Schließung?

Wir hatten eine besondere Richtung und hatten auch sehr besondere Kunden, mit denen sich immer ein Schwätzchen gelohnt hat. Das ist auch das, was mir am meisten fehlen wird. Trotzdem hat es uns überrascht, dass wir anscheinend für mehr Leute ein kleines Zuhause waren, als wir vermutet hatten. Die Leute sind wütend, weil wieder ein Stück Prenzlauer Berg verschwindet. Sie sagen: Was soll ich denn jetzt noch hier!

Ist es so schlimm, wenn sich ein Kiez verändert?

Die Zeiten ändern sich, das ist halt so. Es gibt viele Sachen, die gut sind, aber auch vieles, was mir nicht gefällt. Es geht hier oft nur noch um Geld. Mir fehlt auch die Durchmischung in diesem Kiez.

Geht es hier noch um die Verdrängung der Ossis?

Nein, hier gibt es ja kaum noch Ossis, ich bin einer der letzten. Manchmal erkennt man noch einen, der hier reinkommt. Weniger am Äußerlichen als zum Beispiel an einem Witz, über den man nur lachen kann, wenn man aus dem Osten kommt, weil man ihn sich nur dort erzählt hat.

Also ist es eher ein ganz normaler Generationswechsel, der hier statt gefunden hat?

Ja. Die Zugezogenen bis 2000, das sind ja die, die hier im Kiez noch irgendwas wollten. Die stinken ja mittlerweile genauso wie wir Ossis. Ich denke, es trennt sich eher in Arm und Reich, oder wenigstens in sozialer Aufstieg und Abstieg. Also, ich will es mal so sagen: Hier kommen heute natürlich Leute her, die völlig anders sozialisiert sind als wir. Das will ich nicht verleugnen.

Wie haben Sie auf solche Kunden reagiert?

Ich habe nicht jeden Mist mitgemacht. Völlig überbewertete Bücher wie die von Eugen Ruge oder Uwe Tellkamp haben für mich mit der DDR nichts zu tun. Ich habe eher andere Bücher ins Schaufenster gestellt und versucht, sie den Kunden nahezubringen. Bücher, die mir wichtig sind und die DDR auf eine gute Art aufgearbeitet haben: „Rummelplatz“ von Werner Bräunig oder „Wäre es schön? Es wäre schön!“ von Irina Liebmann. Oder auch „Die Ostdeutschen“ von Wolfgang Engler.

Wolfgang Engler vertrat in diesem Buch die Ansicht, dass die Ostdeutschen am Ende die Gewinner der Geschichte sein werden, weil sie gelernt haben, mit Brüchen umzugehen und wendiger geworden sind. Trifft das auch auf Sie zu?

Ja, klar. Andererseits glaube ich: Solche Stehaufmännchen, die gibt es überall. Diese Turbulenzen kommen jetzt auch im Westen an. Richtig gut geht es doch wahrscheinlich nur noch denen, die bei Daimler arbeiten. Schon bei Siemens sieht es anders aus.

Und wie sieht es bei Ihnen aus?

Wir haben eine Abfindung vom neuen Eigentümer bekommen, die zwei Jahre reicht, um auf kleiner Flamme zu überleben. Ich bin jetzt 53, meine Frau ist 50, das ist ein Scheißalter, denn da sind zwei Jahre Überleben ja keine Perspektive. Und wir haben bislang keinen Plan B. Aber spätestens im Herbst hoffen wir, dass irgendwo anders eine Tür aufgeht.

Das klingt doch recht optimistisch.

Wir Ossis sind es gewöhnt, mit weniger Geld auszukommen. Was ich zum Leben brauche, sind ein paar gute Freunde, was Vernünftiges zu essen und zu trinken und ein bisschen was für den Kopf – und vielleicht eine Arbeit, die halbwegs Spaß macht. Und zwar keine 60, sondern idealerweise 25 Stunden die Woche.

Was machen Sie jetzt?

Erst mal bummeln wir vier Monate in Tunesien und Ägypten unsere Überstunden ab. Und dann: mal sehen. Ich habe kein Auffangnetz von Papi oder Mami. Auf Hartz IV habe ich allerdings auch keine Lust.

Ein anderer Buchladen?

Auf keinen Fall. Es ist hart, sich mit Mitte fünfzig noch zu bewerben. Aber vielleicht fällt uns irgendetwas vor die Füße.