Spielfilm „Kirschblüten und rote Bohnen“

Bohnenpaste aus versehrten Händen

Der japanische Spielfilm „Kirschblüten und rote Bohnen“ von Naomi Kawase schwankt zwischen Erleuchtung beim Kochen und Food Porn.

Eine junge Frau, eine ältere Frau und ein Mann mittleren Alters stehen vor blühenden Kirschbäumen und blicken nach oben

Halbidyllische Idylle: Kirin Kiki (Mitte) und Masatoshi Nagase (rechts) in „Kirschblüten und rote Bohnen“. Foto: Neue Visionen

Still und glänzend liegen die gewässerten Bohnen in einem Gefäß. Und sie liegen. Und liegen … und liegen. Viel zu lang, wenn es nach Geschmack von Sentaro (Masatoshi Nagase) geht. Der befasst sich nämlich gar nicht erst mit der Herstellung der Spezialität, für die jene Bohnen so lange eingeweicht werden müssen (und denen anschließend noch von Vollmondlicht getrocknetes Salz zugeführt wird).

Sentaro ersteht seine Bohnenpaste – „An“, wie sie auf Japanisch heißt und was eigentlich auch dem ursprünglichen Filmtitel von Naomi Kawases neuem Spielfilm, bereits dem zweiten in diesem Jahr, entspricht – bei einem lokalen Großhändler.

Und so schmecken seine Dorayaki-Pfannkuchen auch: ein bisschen lieblos. Sentaro gesteht selbst, dass er Süßem gar nicht zugeneigt ist. Der Dorayaki-Stand ist in Wahrheit eine Bürde, die mit seiner Vergangenheit zu tun hat. Eine Vergangenheit, die Sentaro offenbar für weit verwerflichere Dinge gebraucht hat, als kleine, mit Bohnenpaste gefüllte Pfannkuchen herzustellen.

Naomi Kawase erzählt ihre Geschichte um den eher mittelmäßig laufenden Imbiss vor der Kulisse blühender Kirschbäume. Es ist ein fast schon gemeiner Kontrast, der da zwischen dem grummeligen Mann und den zarten Blütenblättern auszumachen ist. Sentaro wirkt wie einer, der aus diesem perfekten japanischen Rahmen herausfällt, der wiederum nicht wenig von einem Klischee hat.

„Kirschblüten und rote Bohnen“. Regie: Naomi Kawase. Mit Kirin Kiki, Masatoshi Nagase u. a. Frankreich/Deutschland/ Japan 2015, 109 Min.

Der interessantere Film wäre es vielleicht geworden, wenn Kawase sich auf dieses Sentaro-Individuum konzentriert hätte, ohne ihn zwanghaft erleuchten zu wollen. Aber der Blick auf Sentaro ist vom Prozesshaften nicht zu trennen; der Dorayaki-Fertiger erscheint überhaupt nur auf der Bildfläche, weil sich die Narration dafür begeistert, was aus ihm werden könnte.

Bessere Doryakis produzieren

Hierfür braucht es jedoch noch einen Katalysator, und der kommt in Form von Rentnerin Tokue (Kirin Kiki). Die besucht Sentaros Stand eines Tages und ist nicht gerade angetan von dessen Leistung. Möglicherweise könnte man gemeinsam viel bessere Doryakis produzieren? Doch Sentaro ist, wen überrascht‘s,wenig aufgeschlossen.

„Kirschblüten und rote Bohnen“ eröffnete in diesem Jahr die Sektion „Un Certain Regard“ in Cannes. Dort, wo Naomi Kawases Film „Mogari No Mori“ 2007 mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde. Und auch der dieses Jahr in den deutschen Kinos gestartete „Still the Water“, lief 2014 im großen Wettbewerb um die Goldene Palme. Die japanische Regisseurin scheint in Besitz eines Cannes-Abos. Und es gibt nicht wenige, die sagen, zu Unrecht.

Weil Kawases Filme bloße Hülle seien; sich abseits von Cannes eigentlich kaum jemand für sie erwärmen könnte. Aufgeplusterte Trivialitäten, sozusagen. „Kirschblüten und rote Bohnen“ jedenfalls ist der erste Film Kawases, der auf einem Roman basiert. Er stammt von Dorian Sukegawa, der im Zuge der Verfilmung nun erstmals auf Deutsch zu lesen ist.

Ein verlockendes Angebot

Es ist ein kleines, beinahe unschuldiges Zusammenkommen, von dem Sukegawas Buch und Kawases Film handeln. Sentaro schreibt eines Tages eine Aushilfsstelle für seinen Imbissstand inmitten Tokios aus, die alte Dame Tokue meldet sich daraufhin. Sie ist sogar bereit, den Stundenlohn derart herunterzuhandeln, dass es für Sentaro ein verlockendes Angebot sein müsste. Doch der lehnt ab.

Bald danach taucht Tokue mit einer kleinen Plastikbox auf. In ihr: An, die Bohnenpaste. Sentaro tunkt einen Finger in den Brei und ist hingerissen. Fortan führt ihn Tokue in die Kunst der Bohnenpasten-Zubereitung ein. Der Film wird in diesen Minuten zum lebendigen Kochbuch. Zur Arthouse-Kochsendung. Zum Food Porn.

Immer wieder widmet sich die Kamera dabei Tokues Händen. Sie bieten keinen appetitlichen Anblick, denn sie deuten auf Tokues Krankengeschichte. Die Seniorin litt unter Lepra. Dies ist ein weiterer Strang, den Kawase unter den blühenden Kirschbäumen aufgreift. Er ist rührselig und soll für einen größeren gesellschaftlichen Bezug, fernab des Mikrokosmos Dorayaki-Holzhütte, sorgen.

Hantieren mit Pasten und Pfannkuchenteig

Und es ist dieses, vermeintliche, Auseinanderstreben – aus beschädigten Händen und großer Hingabe, zwischen Krankheitsassoziation und Lebensmitteln –, das für die filmisch spannenderen Momente in „Kirschblüten und rote Bohnen“ verantwortlich ist. Denn obschon man der unbedingt liebenswerten (und möglicherweise auch etwas nervtötenden) Tokue gern beim Hantieren mit Pasten und Pfannkuchenteig zuschaut, verstört der Schwenk auf ihre Hände doch einige signifikante Male.

Spiritueller Tiefgang ist indessen in der Beziehung zwischen Meisterin und Schüler, Tokue und Sentaro, angelegt. Tokue tritt wie eine alte, gesandte Weise in Sentaros Leben, die sein Gefühl für die Dinge wieder neu zu beleben vermag, jene inneren Stellen aktiviert, die bei Sentaro über die Jahre taub geworden sind. Dies wiederum ist ein Motiv, das bereits in früheren Kawase-Filmen zu finden war, und das auch etwas mit der Begegnung zwischen alten und jungen Menschen zu tun hat.

In „Mogari No Mori“ etwa fand eine trauernde Krankenschwester während eines eher unfreiwilligen Ausflugs mit einem dementen Herren in einen Wald Zugang zu ihren Emotionen und war in der Lage, sie irgendwie, jedenfalls heilsam, zu artikulieren. Auch in „Still the Water“ spielten um Rat nicht verlegene Erwachsene eine wesentliche Rolle für das Heranreifen der jugendlichen Protagonisten.

Das Prinzip Kawase

Und nun also Tokue, die ihr Prinzip auf Sentaro zu übertragen sucht. Tokues Weisung: Auch Bohnen haben eine Geschichte zu erzählen, sie sind lebendig und gehören zur Natur. Achte die Bohnen, hören ihnen zu – und dann wirst du schon sehen. Das „Prinzip Kawase“ ist in „Kirschblüten und rote Bohnen“ dabei selbst auf ein bezeichnendes Extrakt eingekocht.

In einem Interview mit der Japan Times, anlässlich der Premiere des Films in Cannes, wird Naomi Kawase einerseits mit den Worten zitiert: „Ich denke, von allen Filmen, die ich bisher gemacht habe, ist dieser der mit der größten Reichweite. Wir haben gerade nach Nordamerika verkauft und auch an andere Orte. Solche, an die wir nie zuvor verkauft haben.“

Und andererseits: „Wenn du dich selbst aufmerksam betrachtest, dann verstehst du, warum du in dieser Welt bist. Du kannst dich selbst besser schätzen; du musst dich nicht mehr mit anderen vergleichen und dich für bedauernswert halten. Seitdem du hier bist, scheint das Licht auf dich – und es ist wunderschön. Seit du hier bist, kannst du die Kirschblüten sehen.“ Kirschblüten, Kino, Kawase, Kasse.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de