Bremer Mahnmal für „Arisierungs“-Profite

Vom Crowdfunding zum offenen Wettbewerb

Die taz sucht Ideen und Entwürfe für ein „Arisierungs“-Denkmal an der Weser. Auf dem Gelände will auch die Firma Kühne+Nagel bauen, die einst jüdischen Besitz „verwertete“.

Diesen baumbestandenen Platz an der Weser will Kühne+Nagel bebauen - die taz will dort ein „Arisierungs“-Mahnmal errichten und sucht dafür nach Ideen und Entwürfen. Foto: Bleyl

BREMEN taz | Die taz hat der Stadt Bremen ein förmliches Kaufangebot unterbreitet: Sie will vier Quadratmeter am Weserufer kaufen – auf einem Gelände, das auch der weltweit drittgrößte Logstikkonzern, Kühne+Nagel, erwerben will, um dort seinen Stammsitz neu zu errichten. Kühne+Nagel war Monopolist beim Abtransport des Besitzes der aus Westeuropa deportierten jüdischen Bevölkerung. Die taz will die vier Quadratmeter daher als Grundfläche für ein „Arisierungs“-Denkmal erwerben.

Mit 2.000 Euro pro Quadratmeter bietet die taz der Stadt Bremen nun mehr als das Doppelte dessen, was Kühne+Nagel pro Quadratmeter bezahlen soll. Mehr noch: Die taz-Geschäftsführung betont in ihrem Angebot gegenüber den zuständigen senatorischen Stellen: „Sollten Ihnen höhere Angebote Dritter vorgelegt werden, bitten wir um Nachricht, um eine entsprechende Erhöhung unseres Angebots erwägen zu können.“ Möglich ist das auf Grund der großen Unterstützung des Crowdfunding-Aufrufs, den die taz unter dem Motto „Vier Quadratmeter Wahrheit“ kurz vor Weihnachten startete und der bereits über 25.000 Euro einbrachte.

Die taz will mit ihrer Crowdfunding-Aktion auf Zweierlei hinweisen: Darauf, dass es sich ein großes international agierendes Unternehmen auch heute noch leistet, substantielle Teile seiner NS-Vergangenheit unter den Tisch zu kehren – und darauf, dass die Stadt Bremen einen öffentlichen Platz zum Dumping-Preis privatisiert.

Während es Mehrheitsaktionär Klaus-Michael Kühne kategorisch ablehnt, für seinen Neubau, der prominent am Altstadt-Eingang stehen soll, einen Architektur-Wettbewerb zuzulassen, macht die taz nun eine offene Ausschreibung: Gesucht werden gestalterische Ansätze für das „Arisierungs“-Denkmal. Kann man den Abtransport von fast 70.000 Wohnungseinrichtungen bildlich fassen? Wie die Erosion von Empathie und Menschenwürde, die weit verbreitete Diffusion von Verantwortung darstellen? Denn die von Kühne+Nagel zu den „Judenauktionen“ transportierten Besitztümer der Deportierten „geistern“ noch heute als Erbstücke durch viele deutsche Familien.

Die taz.nord sucht Ideen für ein Denkmal am Bremer Weserufer, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stammsitz der Spedition Kühne+Nagel.

Das Thema: Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung Westeuropas, die „Verwertung“ kompletter Haus- und Wohnungseinrichtungen der Deportierten bis hin zu kleinsten Gebrauchsgütern; die Verdrängung dieses Geschäfts, die Verschleierung und Diffusion von Verantwortlichkeit.

Die Jury: Experten aus den Bereichen Politische Bildung und Kunst, so Arie Hartog (Direktor Marcks-Haus) und Marcus Meyer, wissenschaftlicher Leiter des Denkorts Bunker "Valentin"

Die Frist: 20. Februar 2016. Früher eingereichte Ideen haben die Chance auf unverbindliche Vorab-Publizierung.

Die Details zum Wettbewerb als PDF.

Die Einsende-Adresse: 4qmWahrheit@taz.de

Bei Kühne+Nagel sind Familien- und Firmengeschichte eng mit einander verwoben: Klaus-Michael Kühne müsste aus dem Schatten von Vater und Onkel treten, um die Geschichte seiner Firma in der NS-Zeit kritisch und gründlich aufzuarbeiten. Zu Beginn seines eben zu Ende gegangenen Jubiläumsjahres erklärte das Unternehmen, seinen Aktivitäten im „Dritten Reich“ habe es „an Relevanz gemangelt“ – obwohl die taz das Unternehmen da längst auf detailliertes Quellenmaterial hingewiesen hatte.

Im Laufe des Jahres machte Kühne+Nagel angesichts der Veröffentlichungen scheibchenartige Eingeständnisse – weigert sich aber noch immer, Historikern Einblick in die damaligen Firmenakten zu gewähren. Wie also kann man der Selektivität von Erinnerung, als Thema, das weit über den speziellen Casus Kühne hinausweist, Gestalt geben?

Um diese Fragen zu beantworten, zieht die taz Fachleute hinzu: Der Wettbewerbs-Jury werden Experten aus politischer Bildung und Kunst angehören wie zum Beispiel Arie Hartog als Direktor des Bremer Marcks-Hauses und Marcus Meyer, wissenschaftlicher Leiter des Denkorts Bunker „Valentin“.

Für das Denkmal stehen die Mittel zur Verfügung, die die taz derzeit sammelt, abzüglich der Grunderwerbskosten. Naturgemäß gibt es einen Realiserungsvorbehalt: Die taz muss kaufen dürfen, die Gremien müssen zustimmen. Dieser Prozess wird nun weiter befördert: mit vielfältigen Entwürfen dessen, was sein könnte. Damit der öffentliche Platz vor Kühne+Nagel mehr bleibt als ein Baugrundstück für eine noch größere Firmen-Repräsentanz.

 

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