„Wir achten nicht auf Vermarktbarkeit“

Buchmarkt Publisher, Veranstalter und Talentschmiede: Ist der Stellwerck-Verlag in Würzburg eine Blaupause für den Literaturverlag der Zukunft? Ein Gespräch mit der Verlegerin

Wäre das Verlagsteam besser in der Großstadt aufgehoben? „Nein, Sie unterschätzen die Region“ Foto: Stellwerck

Interview Gunter Becker

Der Würzburger Stellwerck-Verlag ist aus einer studentischen Initiative hervorgegangen. Heute geben die beiden VerlegerInnen Christine Ott und Michael Pfeuffer nicht nur Bücher heraus, sondern veranstalten 20 bis 30 Lesungen und Poetry Slams, Konzerte und literarische Multimediaevents pro Jahr. Durch die Workshops und Schreibkurse des Verlags gehen jährlich bis zu 150 JungautorInnen und Stellwerck vermittelt seine AutorInnen für Poetry-Slam-Kurse in Schulen.

taz: Frau Ott, ich habe heute Stellwerck-Bücher bei Amazon gesucht, aber die meisten leider nur als „Derzeit nicht verfügbar“ gefunden. Was ist passiert?

Christine Ott: Amazon ist eines unserer großen Probleme. Wir sind bei dem kleinen Barsortimenter Umbreit, weil die Konditionen der großen Barsortimenter für uns nicht tragbar sind. Nur über die großen Sortimenter aber ist man anscheinend bei Amazon dauerpräsent. Amazon „zeigt“ unsere Titel, weil sie eine ISBN haben, liefert sie aber selbst nicht. Direkt bei uns, im regionalen Sortiment, in jeder Buchhandlung auf Bestellung, bei anderen Onlinehändlern und bei allen unseren Live-Formaten bekommen Sie unsere Titel.

Da wäre es doch vielleicht einfacher, sich auf die Arbeit als Agentur für junge AutorInnen, für Literaturvermittlung und Liveevents zu konzentrieren.

Das Veranstaltungssegment ist ja bereits von Anfang an ein Arbeitsfeld von Stellwerck gewesen. Wir denken aber auch, dass man mit Manuskripten und AutorInnen in unserem Konstrukt anders arbeiten kann als in einem konventionellen Verlag. Vom Publizieren möchten wir nicht lassen – das macht Texte unserer AutorInnen erst dauerhaft und ortsunabhängig verfügbar. Wir geben auch Anthologien heraus und haben mit AutorInnen wie zum Beispiel Natalie Keigel auch eher „klassische SchriftstellerInnen“, die sich nicht unbedingt auf der großen Bühne sehen. Und anders als ein eingetragener Verein sind wir als Gesellschaft bürgerlichen Rechts, als GbR, ein professioneller Partner des Buchhandels. Andererseits würde man als Verein natürlich stärker von Fördergeldern profitieren und der gemeinnützige Ansatz wäre auch besser erkennbar.

Und warum keine Agentur?

Wir müssten uns betriebswirtschaftlich fragen: Wie vermarktbar ist dieser Text? Wie vermarktbar ist diese Person? Und das tun wir programmatisch nicht.

Sie wollen nicht in erster Linie wirtschaftlich erfolgreich sein?

Es geht uns tatsächlich vorrangig um inhaltliche Fragen wie: Wie innovativ ist ein Text? Wir betrachten uns als Projekt für Nachwuchsliteratur, möchten neue AutorInnen über Workshops aufbauen, ihnen Formate und Auftrittsmöglichkeiten verschaffen. Wirtschaftliche Fragen stellen sich uns erst, wenn wir akute Geldnot haben.

Wie verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?

Ich bin enthusiastische Wissenschaftlerin, promoviere in Linguistik und fasse gerade Fuß in der Deutschdidaktik. Michael Pfeuffer ist Architekt.

Sie arbeiten also – wie Stellwerck auch – an der Literaturvermittlung im schulischen Bildungsbereich.

Ja, es gibt darüber hinaus auch viele außerschulische Orte, an denen Literatur und Schreiben vermittelt werden: Literaturhäuser, öffentliche Bibliotheken. Wir fragen uns auch, wie wir bei der Leseförderung mit neuen Formaten die Fantasie und das Interesse der Kinder und Jugendlichen aktivieren können.

Wie kann ich mir die Stellwerck-Kurse für LehrerInnen und SchülerInnen vorstellen?

Dieser Stellwerck-Bereich entstand mit AutorInnen wie Pauline Füg, die aus der Poetry-Slam-Szene und anderen performativen Literaturszenen kommen. Die finanzieren sich zu einem großen Teil über diese pädagogischen Projekte. Bei unseren Veranstaltungen, etwa in der Villa Jungnikl, werden wir öfter gefragt, ob man solche Aufführungen und Coachings nicht auch in die Schule bringen kann. Deshalb vermitteln wir jetzt KünstlerInnen an Schulämter oder Einzelschulen. Solche Anfragen bekommen wir manchmal jede Woche. Mit Perspektivenwechsel haben wir ein Workshop-Format entwickelt, bei dem Jugendliche sich über Schreib- und Improübungen in die Charaktere von Flüchtlingen versetzen können, um so deren Perspektive besser nachzuvollziehen.

Die Verlegerin

Foto: Stellwerck

Christine Ott promoviert an der Universität Würzburg im Fach „Deutsche Sprachwissenschaft“. Noch während ihres Studiums gründete Christine Ott zusammen mit Michael Pfeuffer im Jahr 2008 den Verlag Stellwerck.

Entschuldigen Sie die Arroganz des Großstädters: Wäre Stellwerck nicht besser in München, Köln, Hamburg oder Berlin aufgehoben? Das von Ihnen unterstützte Electropoesie-Projekt „großraumdichten“, das Elektromusik mit Poesie in den Club bringt, Ihre Lesebühnen, Poetry-Slams, Nachwuchsworkshops, das sind doch typisch urbane Formate. Wie funktioniert das in einer Mittelstadt wie Würzburg?

Sie unterschätzen die Region. Würzburg hat 130.000 Einwohner, davon ein Viertel Studierende. Einmal im Monat findet hier der Würzburger Poetry-Slam, moderiert von Christian Ritter, statt, in einer größeren Halle mit Hunderten von BesucherInnen. Franken gilt – und das weiß Berlin vielleicht nicht – als eine Poetry-Slam-Region. In den Schulen von Würzburg, Nürnberg oder Schweinfurt werden Poetry-Slam-Kurse und Workshops stark nachgefragt. Wir haben in dem Jahr den Preis für junge Kultur der Stadt Würzburg bekommen. Unsere Autorin Pauline Füg bekommt in dem Jahr zwei weitere regionale Kulturpreise.

Sie sind also in der Region verankert?

Hier werden unsere Arbeit und unsere Art von Literatur nachgefragt und gefördert. Insofern sind wir hier gut platziert. Zudem touren unsere Acts ja auch bundesweit und sind überregional ausgezeichnet, zum Beispiel Pauline Füg mit dem Kulturpreis Bayern und dem 3sat-Poetry-Clip-Publikumspreis.

Welche Gründe sollten von sich überzeugte JungautorInnen haben, zu Ihnen zu kommen? Sie sagen, dass Ihr Marketingetat begrenzt ist und Sie Vertrieb und Marketing vorwiegend über Netzwerke, Live-Formate und regionale Kanäle stemmen. Nachwuchstalente könnten es doch dann auch als Selfpublisher versuchen.

Viele der jungen AutorInnen, die sich an uns wenden, wünschen sich durchaus ein Lektorat, haben Rückfragen und Beratungsbedarf bezüglich ihrer Texte. Solche Prozesse fallen beim Selfpublishing oft unter den Tisch. Zumindest berichten uns das AutorInnen, die es bereits im Selfpublishing versucht haben. Gegenüber dem Buchhandel ist die Verlagsherkunft eines Titels ein Empfehlungsmerkmal; die haben ein Problem mit Selfpublishing. Das kann sich aber auch ändern.

Live-Formate, Crossover zwischen Literatur, Musik und Multimedia, Nachwuchsarbeit und Literaturvermittlung in Schule und Lehrerausbildung – ist der Stellwerck-Ansatz eine Blaupause für den Literaturverlag von morgen?

Vielleicht ja. Die Eventisierung von Literatur schreitet ja stetig voran. Da sind wir mit Formaten vorne dabei, die Raum für leisere, unkonventionelle Töne im Showliteraturbetrieb schaffen. Gleichzeitig ist der Verlag der Zukunft sicher auch ein digitaler Verlag, und dem steht unser performativer Live-Ansatz und unsere Liebe zum gedruckten Buch entgegen.