Schuldzuweisungen bei Übergriffen

#EineArmlänge zu unnütz

Kölns OB Henriette Reker rät Frauen, Abstand zu halten. Das verschiebt die Schuldfrage. Im Netz erntet sie dafür viel Häme.

Eine Frau mit Boxhandschuhen

„So geht #eineArmlänge“, spotten Twitter-User zum Vorschlag, Frauen sollten Sicherheitsabstand halten. Foto: ap

BERLIN taz | Henriette Reker hat sich keinen Gefallen getan. Dabei hatte sie es doch gut gemeint. Nach den Übergriffen auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht erklärte Kölns Oberbürgermeisterin, um sich zu schützen, sollten Frauen zu fremden Männern „eine gewisse Distanz“ halten, die „weiter als eine Armlänge betrifft“. Bumm, das hat gesessen: Es sind also die potentiellen Opfer, die gegen Vergewaltigung vorgehen müssen – und nicht diejenigen, die den Übergriff begehen.

Leider ist genau das nichts Neues. „Die Schuldfrage steht leider sehr oft im Raum“, sagt Claudia Winker vom Verein Frauenhorizonte in Freiburg. Die Beratungsstelle arbeitet mit Frauen, die Opfer von sexuellen Übergriffen geworden sind. Zu oft werde gefragt, was das Opfer zur Tatzeit getragen habe – einen kurzen Rock oder ein tief ausgeschnittenes Oberteil –, oder ob die Frau Alkohol getrunken habe. „Aber die Antworten auf diese Fragen sind egal“, sagt Winker.

„Victim blaming“ nennt man diese Verschiebung der Verantwortung. Und genau so lautet auch der Vorwurf, den Reker sich nun im Netz gefallen lassen muss. „Ich schlage dieses unsägliche Wort jetzt schon zum Unwort des Jahres 2016 vor #einearmlaenge“, schreibt eine Nutzerin auf Twitter. „Regeln für Frauen* aufstellen damit sie nicht Opfer werden. Man nennt das übrigens #Victimblaming #eineArmlänge“, schreibt eine andere Userin. Auch Justizminister Heiko Maas konnte vom Trend-Hashtag #eineArmlaenge nicht die Finger lassen: „Von Verhaltenstipps für Frauen wie #einearmlaenge halte ich rein gar nichts. Nicht Frauen tragen Verantwortung, sondern Täter. #koelnbhf“

Doch neben Empörung hat Reker im Netz auch viel Spott geerntet. In den Twittertimelines stapeln sich alle Witze, die sich über Armlängen und Abstände nur machen lassen. „Von blöden Ratschlägen #einearmlaenge Abstand halten“, Bilder von Menschen, die in überdimensionierten Plastikkugeln umherkullern, Kommentare wie „So geht #eineArmlänge“ zu Bildern von Frauen mit Boxhandschuhen. Und dazwischen irgendwo auch versöhnlichere Töne: „Ich glaube, @henriettereker hat die #einearmlaenge gut gemeint. Niemand kann alles. Jetzt holt sie sich hoffentlich kompetente Beraterinnen.“

Victim Blaming ist eines der Schlagworte, die immer wieder auftauchen, wenn es um Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe geht – genau so wie der Begriff der „Rape Culture“, der die gesellschaftliche Duldung sexueller Übergriffe bezeichnet. Deutlich werden solche Probleme etwa in Bezug auf das Münchener Oktoberfest. In einer Meldung berichtete die Polizei im September 2015, ein „spaßig gemeinter Griff unter den Rock seiner amerikanischen Wiesn-Bekanntschaft“ habe für einen Besucher „äußerst schmerzhaft“ geendet – die Frau knallte ihm ihren Maßkrug gegen den Kopf.

Sie musste sich anschließend wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Mehr als das Adjektiv „spaßig“ fiel den Beamten zum Übergriff des Mannes nicht ein. „Don‘t tell me what to wear – tell your sons not to rape“, lautet die zentrale Forderung im Kampf gegen die wiederkehrende Schuldzuweisung an die Opfer. Die Äußerungen von Reker, wie auch die Polizeimeldung, zeigen, dass die Forderung auch in Deutschland leider noch nicht überflüssig ist.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben