Dadaistische Wissenschaftskritik

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Eine dadaistische Kritik der Wissenschaft wollte Paul Feyerabend einst schreiben. Das Duchamp’sche Urinal war ihm ein Orientierungspunkt.

Ein Pissoir

Ein Alltagsgegenstand, der auch in vielen Forschungsinstituten zu finden ist. Foto: imago/ Steffen Schellhorn

Man muss sich Dada als ein ernsthaftes Anliegen vorstellen. „Der Surrealismus war eine Schule, Dada eine Bewegung“, erklärte der Pariser Philosoph Gilles Deleuze einer jungen Interviewerin. Die Dada-Bewegung hatte ihren „Geburtsort“ im Schweizer Exil: in dem von Hugo Ball und Emmy Hennings 1916 gegründeten „Cabaret Voltaire“ – in der Zürcher Spiegelgasse, wo auch Lenin damals eine Exilunterkunft fand.

Zuletzt lehrte dort in Zürich, an der Eidgenössischen Technischen Hochschule, der als „Anarchist“ bezeichnete Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend, der sich am„Duchamp’schen Dadaismus“ orientierte (der Anarchismus hatte ihm nicht genug Humor): „Mein Ziel ist eine dadaistische Kritik der Wissenschaft zu schreiben, und nichts würde mir mehr Freude machen, als den der Klosettmuschel entsprechenden Gegenstand in der Wissenschaft zu finden.“

Damit spielte er auf Duchamps „Fontäne“ an: ein um 90 Grad gekipptes Urinal aus Porzellan, das der Künstler in New York ausstellte, wo es zunächst einen „Kunstskandal“ auslöste, aber dann eines der „Schlüsselwerke der modernen Kunst“ wurde.

Ob es Paul Feyerabend mit seinen Werken, unter anderen „Wider den Methodenzwang“ und „Wissenschaft als Kunst“, gelang, einen derDuchamp’schen Klosettmuschel entsprechenden „Gegenstand“ zu schaffen, kann hier nicht diskutiert werden. Es geht um die Dada-Bewegung. In diesem Zusammenhang soll an einen anderen – marxistischen – Wissenschaftstheoretiker erinnert werden, der ebenfalls in der Schweiz exiliert war: an Alfred Sohn-Rethel. Er war mit dem Dadaisten Kurt Schwitters befreundet, der ihn 1941 im englischen Internierungslager für aus Deutschland Geflüchtete porträtierte. Schwitters hatte erst in Hannover und dann im norwegischen Exil an einem immer weiter wuchernden „Merzbau“ gearbeitet, der ein „dadaistisches Gesamtweltbild“ darstellte, Sohn-Rethel entwarf in Luzern ein „Theoriekunstwerk“, wie der Wissenschaftshistoriker Matthias Rothe (im Merkur 1916) dessen Kritik der warenproduzierenden Gesellschaft nannte. Sie mündete nach 40 Jahren in sein Imposé „Geistige und körperliche Arbeit“.

Um ein dadaistisches Gedicht zu machen, empfahl der rumänische Schriftsteller und Dichter Tristan Tzara (1896-1963): Nehmt eine Zeitung/Nehmt Scheren./Wählt in dieser Zeitung einen/Artikel von der Länge aus, die/Ihr Eurem Gedicht zu geben/Beabsichtigt./Schneidet den Artikel aus./Schneidet dann sorgfältig jedes/Wort dieses Artikels aus und gebt/Sie in eine Tüte./Schüttelt leicht./Nehmt dann einen Schnipsel nach/Dem anderen heraus.

Das Grundmaterial des Dadaismus ist also die Zeitung. Deshalb feiern wir den 100. Geburtstag der künstlerischen und literarischen Bewegung am 5. Februar 2016 mit einer Dada-taz.

Und hier im Internet? Einfach die Anleitung von oben befolgen: Wörter zusammensetzen Mit der dem die neu aus Bildschirm dann Schere schneiden und schütteln. Hch. U.

Dafür bekam er mit 78 Jahren eine Professur an der Universität in Bremen, wo ich ihn dann für die taz fragte: Was passiert im Akt des Tauschens genau? Antwort: „Die Individuen stellen dabei Gesellschaft her, sie wissen es nicht, aber sie tun es, und zwar in einer Weise, an der die Natur keinen Anteil hat. Zuvor basierte der gesellschaftliche Zusammenhang auf der gemeinsamen Produktion und Konsumption, also auf dem elementaren Naturverhältnis des Gemeinwesens, dem man sich mit den Mitteln der Magie zu vergewissern suchte. Innerhalb eines Warentauschs sind alle Handlungen für die beiden Akteure gemeinschaftliche, ihre Handlungen können nicht mehr aufgelöst werden in beiderseitige Einzelbeteiligungen; nur wenn sie den Vertrag unterschreiben, muss jeder seine eigene Unterschrift leisten.

Ein um 90 Grad gekipptes Urinal, das der Künstler in New York ausstellte

Praktischer Solipsismus

Es ist alles gemeinschaftliche Handlung, und das, obwohl sie in einem Verhältnis der wechselseitigen Fremdheit zueinander stehen, in einem praktischen Solipsismus, wie ich das nenne. Die Gemeinschaftlichkeit des Handelns tritt also hier ein – im Bereich der Zirkulation, in dem Maß der Auflösung der früheren gemeinschaftlichen Produktion und Konsumption. Im Warentausch ist der Akt gesellschaftlich, aber die beiden Mentalitäten sind privat; das sagt sich bündiger und klarer auf Englisch: In commodity exchange the act is social, the minds are private.“

Halten wir fest: Wir handeln gemeinschaftlich nur im Akt des Kaufens und Verkaufens und stehen uns deswegen in einem „praktischen Solipsismus“ (lat. solus: „allein“ und ipse: „selbst“) gegenüber. Das war auch der „absolut individualistische“ Ausgangspunkt von Dada im Schweizer Exil: sinnfreie Lautgedichte, der Name stammte von einem in Zürich erhältlichen und dort bekannten Shampoo namens „DADA“.

Wikipedia fügt hinzu: „Im Laufe des Ersten Weltkriegs breitete sich der Dadaismus in ganz Europa aus. Überall protestierten Künstler durch gezielte Provokationen gegen Nationalismus und Kriegsbegeisterung“...

Und nun ist es fast wieder so weit.

 

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