Verteilung von Flüchtlings-Schulklassen

Mit dem Schulbus ins Randgebiet

Hamburg richtet spezielle Vorbereitungsklassen für Flüchtlingskinder ein – häufig an Schulen in „sozial schwachen“ Vierteln.

Ihr ist es womöglich egal, wo sie an die Tafel muss: Zweitklässlerin in Hamburg. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

HAMBURG taz | Wo gehen geflüchtete Kinder zu Schule – und sind in diesem Punkt die Lasten gerecht verteilt? Darüber ist in Hamburg ein Streit entbrannt. Den Anlass hat die Antwort des rot-grünen Senats auf eine Anfrage der FDP-Abgeordneten Anna von Treuenfels-Frowein geliefert: Darin heißt es, von den 202 eigens für Flüchtlingskinder eingerichteten „Vorbereitungsklassen“ fänden sich fast 60 Prozent an Schulen mit dem niedrigsten „Sozialindex“: ein Wert zwischen 1 bis 6, erhoben aufgrund von Bildungsstand und Einkommen der Eltern. Weiterhin seien nur 30 der Klassen an Gymnasien angesiedelt, aber fast 100 an Stadtteilschulen; die übrigen an Grundschulen.

Nicht unähnlich der Lage bei der inklusiven Beschulung behinderter Kinder trägt also auch bei den kleinen Flüchtlingen die Stadtteilschule die Hauptlast – und damit jene Schulform, die überhaupt erst 2010 aus Haupt- und Real- sowie Gesamtschulen gebildet wurde und die bis heute um Akzeptanz kämpft.

Ein Grund für die Schieflage: Hamburgs Schulbehörde setzt beim Einrichten der Vorbereitungsklassen auf Schulen, die leere Räume haben und nah an den Flüchtlingsunterkünften liegen. Es könne nun aber nicht sein, kritisierte Treuenfels-Frowein jüngst gegenüber dem Hamburger Abendblatt, „dass einzelne Standorte überfordert werden, während andere von Flüchtlingen quasi nur aus der Zeitung erfahren“: Im vergleichsweise teuren Wohnpflaster westlich der Alster etwa findet sich derzeit keine einzige Flüchtlingsklasse.

Für Sabine Boeddinghaus, bildungspolitische Sprecherin der Hamburger Linksfraktion ist es dringend nötig, dass die Stadt ihre „Schulentwicklungsplanung“ (SEPL) überarbeitet und dabei auch auf die Flüchtlingssituation eingeht. Wenn verantwortliche SPD-Politiker drüber nachdächten, Kinder aus einer geplanten großen Unterkunft im Stadtteil Neugraben lieber mit Bussen in entfernte Schulen zu fahren, als vor Ort Kapazitäten zu schaffen, dann wäre das bei bis zu 600 Kindern keine Lösung, sagt Boeddinghaus.

In Hamburg gibt es für geflüchtete Kinder mehrere Etappen:

In den Zentralen Erstaufnahmen (ZEA) gibt es altergemischte Lerngruppen. Stand 19. Februar gab es 69 solcher Gruppen für 1.045 Kinder. Hunderte gehen aber gar nicht zur Schule.

Für 2.125 Kinder in Folgeunterkünften gibt es an den Schulen 164 Internationale Vorbereitungsklassen (IVK).

Für 386 Kinder, die noch nicht lateinisch alphabetisiert wurden, gibt es vor der IVK noch eine einjährige Basisklasse.

Für 2.730 ältere Schüler gibt es eigene Berufsschulklassen.

Ihr Anliegen unterstützen auch FDP und CDU: Der bestehende Entwicklungsplan aus dem Jahr 2012 sei veraltet und „konzeptionell schlecht“, sagt auch Treuenfels-Frowein. Und beim Einrichten der Flüchtlingsklassen an Schulen gehöre der Sozialindex „unbedingt berücksichtigt“. Entsprechende Anträge der Opposition schmetterte die rot-grüne Bürgerschaftsmehrheit am Donnerstag Abend aber ab.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) war bei der Debatte nicht selbst anwesend, hatte sich aber zuvor schon geäußert: Weil Eltern Schulen wählen dürften, gebe es in „beliebten“ – das heißt oft auch: Schulen in besseren Lagen – kaum leere Klassenräume. „Das gilt besonders für die Gymnasien.“ Wer eine bessere Verteilung will, müsste demnach also Schulklassen ausquartieren – oder das Elternwahlrecht einschränken. „Solch ein Unsinn“, so Rabe, „ist mit mir nicht zu machen.“ Außerdem: 30 spezielle Klassen an Gymnasien gibt es ja, für den Senator sind das „so viele wie in keinem anderen Bundesland“.

Darunter seien auch Schulen, die sich vornähmen, die Flüchtlingskinder auch über das eine Jahr Vorbereitungszeit zu behalten, sagt die Grünen-Abgeordnete Stefanie von Berg. Dabei zögen auch die Gymnasien nach. Schulbehördensprecher Peter Albrecht sagt der taz, man weite die Vorbereitungsklassen an Gymnasien „massiv aus“. Denkbar sei aber auch, auf „Busing“ zu setzen, also Kinder notfalls per Bus in andere Stadtteile zu bringen. Das gibt es an einer Zentralen Erstaufnahme.

Die Grünen halten einen neuen SEPL für zu zeitaufwendig. „Ich bin aber der Meinung, dass wir bei hoch angewählten Schulen steuernd eingreifen müssen“, so von Berg. „Ein bestimmer Anteil von Plätzen müsste für die Regelbeschulung von Flüchtlingskindern freigehalten werden“.

Eine radikale Idee hat indes die fraktionslose Abgeordnete Dora Heyenn. „Vorbereitunsgklassen gehören abgeschafft, die Kinder sollten gleich ins Regelschulsystem“, sagt die ehemalige Lehrerin und Linke. Bussing indes ist für sie kein Problem: „Was ist schlimm, wenn Kinder fünf Kilometer fahren? In Flächenländern ist das ganz normal“.

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