Hochbeet auf Paletten

Energiebunker Ein Projekt in Hamburg-Altona will Fernwärme aus dem Bunker produzieren und wird vom Bund gefördert. Ein Garten zeigt, was hier entstehen könnte

Wo das Kleine für mehr steht: im Bunkergarten   Foto: Heike Breitenfeld

Wie viele Leute in Altona wissen, wie Mangold blüht? „Ich wusste es nicht“, gibt Heike Breitenfeld, Vorstandsmitglied vom Verein Kebap zu. Das soll der Gemeinschaftsgarten vor dem 50 Meter langen Hochbunker ändern. In der Saison treffen sich hier jeden Samstag Leute aus der Nachbarschaft, um gemeinsam zu säen und zu ernten.

Dieses Wochenende geht es damit wieder los. Die Freiwilligen beenden die Winterpause. Auf den Hochbeeten aus Europaletten sollen wieder Kräuter, Kartoffeln, Mangold und Rosenkohl blühen. Eine Kompost-Toi­lette und mehrere Komposte sorgen für Verwertung und frische Erde. Solarzellen generieren den nötigen Strom für das selbst gebaute Bewässerungssystem, dessen Schläuche sich durch die Beete ranken. In einem selbstgemachten Lehmofen im Geräteschuppen backen die GärtnerInnen Brot. Ihre „Bunkerkruste“ reichen sie nach getaner Arbeit zum gemeinschaftlichen Essen.

Diese Aktivitäten bringen Menschen im Alter von sieben bis 70 Jahren zusammen. „Die Kinder eines Anwohners wollten nie mitkommen. Also hat er mit seinen Söhnen zusammen eine Schaukel und ein Kletterseil gebaut“, berichtet Breitenfeld. Das soll aber noch nicht alles sein. Seit 2011 kämpft der Verein um die Nutzung des Bunkers, der im zweiten Weltkrieg errichtet wurde. Die Bauweise gibt einiges her.

Der 20 Meter hohe Bunker ist in zwei gleiche Hälften eingeteilt. In der einen sollen Holzabfälle aus der Umgebung verbrannt und damit in Wärmeenergie umgewandelt werden. In der anderen sollen Proberäume von Bands, Küns­tlerateliers und ein Café günstig Platz finden. Der Garten wird auf das Dach verlegt und soll von da aus „in den Park hineinwachsen“, erklärt die Künstlerin.

Bis es so weit ist, muss noch viel geschehen. Der Bunker gehört momentan noch der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und liegt in einem Sanierungsgebiet. Bis das Ende 2018 ausläuft, hat die Stadt das Vorkaufsrecht. Breitenfeld und ihre Mitstreiter arbeiten darauf hin, dass die Stadt den Bunker für den Bezirk ankauft. Dieser könnte dem Verein den Bunker dann gegen eine Erbpacht zur Verfügung stellen. Alle sechs Wochen trifft sich der Vorstand mit Zuständigen des Bezirks, um darüber zu verhandeln. „Damit haben wir schon viel erreicht“, sagt Breitenfeld.

Besonders viel erreichen konnte Kebap im letzten Jahr. Seit Anfang 2015 ist der Verein eins von 16 Pilotprojekten für nationale Stadtpolitik und wird vom Bund gefördert. Die finanzielle Förderung, die Verhandlungen und die starke Verankerung in der Nachbarschaft könnten dazu führen, dass Kebap den Zuschlag für den Bunker bekommt. Wenn es soweit ist, hat der Verein einiges vor.

Die Versorgung der AnwohnerInnen mit Klima-freundlicher Energie, selbst gezüchtetem Gemüse, Platz für Kultur und Raum zur Begegnung ist das große Ziel von Kebap. Dem Garten kommt gerade eine besondere Rolle zu: „An diesem improvisierten Ort möchten wir im Kleinen zeigen, wie es mit dem Bunker im Großen sein könnte“, so Breitenfeld.

Neben aller Praxis möchte der Verein auch Wissensaustausch fördern. „Vier Konzerne bestimmen, was wir essen. Sie machen Bauern abhängig, indem sie beispielsweise Saatgut verschenken, aus dessen Pflanzen keine neuen keimfähigen Samen wachsen.“ Diese Art der Lebensmittelproduktion ist für Breitenfeld einer der Hauptgründe für den Klimawandel.

Der Garten soll Leuten dagegen zeigen, wie man sich selbst versorgen kann. Breitenfeld ist zuversichtlich: „Wir wollen es möglichst einfach machen und zeigen, was etwas mit einander zu tun hat: Global gesehen lösen wir das Problem nicht gleich, aber wir helfen, es mit zu denken.“

Als freiberufliche Künstlerin bietet Heike Breitenfeld Film-Workshops für Kinder und Jugendliche an. Aber auch der Einsatz für das Projekt nimmt viel Zeit in Anspruch: etwa 30 Stunden pro Woche für Präsentationen, Verhandlungen und Büroarbeiten. Ein grundlegender Antrieb ihres Tuns: „Ich kann hier Gesellschaft mitgestalten.“ Leonie Habisch