Neuköllner Mädchen

Die Doku „Ehre – Stolz – Scham. Islam im Kiez“ erzählt von einem bemerkenswerten Projekt (So., 17.30 Uhr, ARD)

Für die einen ist es ein „Hurentreff“, für die anderen ein Ort, an dem sie frei reden, denken und sich bewegen dürfen: Im Madonna-Mädchentreff sind die Themen Selbstbestimmung, Frauenrechte, Sexualität und Freiheit keine Tabus, sondern ein Anliegen – und Männer haben keinen Zutritt, es sei denn, sie sind eingeladen.

Die Filmemacherin Margarethe Steinhausen eröffnet in ihrer Dokumentation „Ehre – Stolz – Scham. Islam im Kiez“ einen erschütternden Einblick in islamisch geprägte Parallelwelten deutscher Großstädte – in diesem Fall handelt es sich um das Rollbergviertel inmitten des Berliner Problembezirks Neukölln. Im Madonna-Mädchentreff ringen Leiterin Gaby Heinemann und ihre Helferinnen in einem notwendig geschützten Raum um ein eigentlich uraltes feministisches Anliegen: Sie wollen das Selbstbewusstsein der jungen Frauen stärken. Gläubige Musliminnen, einige von ihnen mit Kopftuch, die sich mit einer wachsenden Zahl von jungen Männern konfrontiert sehen, die sich an islamistischen Wertvorstellungen orientieren, O-Ton: „Wenn meine Schwester einen Freund vor der Ehe hätte, würde ich sie erst mal totschlagen, und dann den Typen.“ Das Fernsehteam des RBB kam glimpflicher davon, nur ein Reifen des Produktionsfahrzeugs fiel gekränkten Ehrvorstellungen junger Neuköllner Muslime zum Opfer.

Margarete Steinhausen bereichert die „Ehrenmord“-Debatte der letzten Monate mit einem Porträt konkreter Projektarbeit, das Mut macht, weil es Wege aufzeigt. Liberale Muslime und ihre Freunde sind nicht willens, das Feld radikalen Kreisen zu überlassen, und bieten diesen die Stirn. Und sei es nur, indem sie jungen Mädchen ermöglichen, zu lauter Musik zu tanzen – was zu Hause bereits als Tanz mit dem Teufel interpretiert würde. Eine deutsch-türkische Madonna-Betreuerin weiß: „Die Kinder werden missbraucht, um traditionelle Werte durchzusetzen. Bei ihren Eltern zu Hause sind sie im Libanon, kommen nie in Deutschland an, dabei sind sie doch die Zukunft dieses Landes.“ Die Doku zeigt das Schicksal junger MigrantInnen, die inmitten unserer Gesellschaft leben und sich zerrissen fühlen zwischen ihrer Herkunft und ihrem Willen und Recht auf Selbstbestimmung. Sie brauchen Unterstützung.