AUSSICHT Mit Braunkohle ist kaum noch Geld zu verdienen. Gut für den Klimaschutz, schlecht für den Steuerzahler

Abgebrannt

Auslaufmodell: Tagebau und Kraftwerk von Jänschwalde in Brandenburg Foto: Rainer Weisflog/imago

Aus Schleife und Berlin Bernhard Pötter, David Joram
und Kai Schöneberg

Hummel ist bereit zu kämpfen. „Mit uns verhandelt niemand, das ist doch klar“, sagt die 23-Jährige mit der Wollmütze. Hummel, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, steht am Waldrand des „Tiergartens“. Nicht Berlin, sondern tiefste Lausitz, zwei Autostunden südöstlich der Hauptstadt. Das nächste Kaff heißt Schleife. Vattenfall betreibt hier BraunkohleTagebau im großen Stil.

Jetzt ist aber Hummel da. Ihr Blick wandert über eine kilometerbreite Geröllwüste. Hier, wo einst die Knoblauchkröte in Tümpeln lebte und uralte Traubeneichen standen, wühlt nun ein gigantischer Schaufelradbagger alles auf. Hummel und insgesamt 15 Baumbesetzer von „LAUtonomia“ wollen den Rest des einst 3.000 Hektar großen Waldstücks vor den Baggern retten. Aber gut möglich, dass die Aktivisten gar nicht auf die Barrikaden gehen müssen. Denn: Kohle ist zum Ladenhüter geworden. Der Klimakiller entstand im Miozän, vor 5 bis 25 Millionen Jahren. Nun geht seine Ära zu Ende. Das liegt weniger am Protest, eher an der Rendite.

So ist es zumindest fraglich, ob der Braunkohletagebau Nochten noch ausgeweitet wird. Die Umsiedlungen wurden bereits 2015 gestoppt. Der Besitzer, der schwedische Energiekonzern Vattenfall, hat mächtig Probleme, seine insgesamt fünf Tagebaue, vier Kohlekraftwerke und zehn Wasserkraftwerke in Ostdeutschland zu verkaufen. Diesen Mittwoch lief die Bieterfrist für die Anlagen ab. Wollten die Schweden vor einem halben Jahr noch Hunderte Millionen Euro im Paketpreis für die Anlagen erlösen, ist nun davon die Rede, dass sie eigentlich Milliarden dafür zahlen müssten. Insgesamt 8.000 Leute arbeiten für Vattenfall in der Region. „Uns ist bewusst, dass das Geschäft in den kommenden Jahren Geld verbrennen und keine Dividende abwerfen wird“, sagt der Chef des tschechischen Versorgers EPH, Daniel Křetínský. Er ist neben einem weiteren tschechischen Unternehmen einziger Bewerber. Ihr Kalkül: 2022, wenn der letzte Atommeiler in Deutschland vom Netz geht und weniger Strom eingespeist wird, könnten die Preise im Großhandel wieder steigen – und damit die Anlagen auch wieder rentabel werden.

Derzeit ist das anders. Nicht nur in der Lausitz, dem zweitgrößten Abbaugebiet in Deutschland, steht die Braunkohle mächtig unter Druck. Und zwar weniger durch Baumbesetzer als durch rote Zahlen in den Bilanzen. „Im Moment verbrennen alle Geld“, sagt Felix Matthes, Energieexperte des Öko-Instituts, zur Lage der Kraftwerke und Tagebaue. „Keiner deckt dort seine Vollkosten.“

Der Grund: Im Großhandel ist eine Megawattstunde Strom derzeit für rund 20 Euro zu beziehen – zu wenig, um in einem Braunkohlekraftwerk schwarze Zahlen schreiben zu können. Die Konzerne überleben derzeit nur, weil sie in langfristigen Verträgen deutlich mehr verdienen. RWE etwa verkauft den Großteil seines Stroms für 35 Euro, sagte ­Finanzvorstand Bernhard Günther bei der Hauptver­sammlung ­Anfang März. Der Braunkohle ergeht es jetzt so wie vor ein paar Jahren den vergleichsweise sauberen Gaskraftwerken: Sie fallen aus dem Markt.

Die Probleme entstünden nicht, weil es zu viele Kraftwerke gebe, sagt Matthes, sondern wegen des Weltmarkts: Kohle ist dort konkurrenzlos billig, weil die USA wegen der Gas- und Ölschwemme aus dem umstrittenen Fracking kaum noch Bedarf haben. Außerdem sind die CO2-Verschmutzungslizenzen im EU-Emissionshandel mit 5 Euro weiter relativ billig. Auch Sonne und Wind, die inzwischen ohne Brennstoffkosten ein Drittel des deutschen Stroms erzeugen, bedrängen die Kohle.

Dazu kommen die Altlasten. Die Konzerne sind verpflichtet, die verwüsteten Landschaften zu sanieren, sobald die Tagebaue geschlossen werden. Das würde die Bilanzen von RWE – Herr der Tagebaue im Rheinland – und Vattenfall mit Milliardenkosten belasten. „Das hängt denen wie ein Mühlstein am Hals“, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Für die Konzerne kann das sogar ein Grund sein, unrentable Projekte weiterzubetreiben, statt sie sofort aufzugeben.

Alle Kohleausstiegspläne wirken wie Rettungspakete für die Stromkonzerne

Noch ist Deutschland trotz aller Klimaschutzschwüre noch vor China und Russland Braunkohleabbaugebiet Nr. 1. Doch das Ende ist absehbar. Aber selbst wenn die großen Tagebaue in der Lausitz und im rheinischen Revier bis zu ihrem Lebensende um 2050 „auskohlen“ könnten, würden sie praktisch keinen Euro mehr verdienen, haben Experten berechnet: Betrieb und Sanierung fressen bei dem derzeitigen Strompreis die Gewinne auf. Das macht aber auch klar: Geld für andere Verpflichtungen ist mit der Kohle kaum noch zu verdienen – etwa für die umstrittenen Rückstellungen für Abbau und Endlagerung der Atomkraftwerke von RWE, Vattenfall, Eon und EnBW. Deren Ausstiegsszenarien sahen eigentlich vor, mit den fossilen Oldtimerkraftwerken Altlasten aus der Atomkraft zu finanzieren. Doch der Plan wackelt nun gewaltig. Schon vor einem Jahr bekamen die Experten im Wirtschaftsministerium einen Schreck, als sie die finanzielle Lage der Stromerzeuger unter die Lupe nahmen. Eine „Klimaabgabe“, so die Befürchtung, hätte die Konzerne noch weiter in die roten Zahlen getrieben.

Inzwischen wirken alle Koh­le­aus­stiegspläne wie Rettungspakete für die Stromkonzerne. Noch im Januar präsentierte der Berliner Thinktank Agora Energiewende einen Vorschlag, die Braunkohle bis 2040 „geordnet“ auslaufen zu lassen, mit Restlaufzeiten, einem Strukturfonds für die Region und einer geregelten Finanzierung der Altlastenentsorgung. Die Gewerkschaft IG BCE und der Stromkonzern Steag regten eine Stiftung an. Hier soll „das gute Geld, das mit Braunkohle noch 15 Jahre zu verdienen ist“ – so sagt jedenfalls IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis – gesammelt werden, um danach den Betrieb bis fast 2050 zu finanzieren. Aber: Ob das „gute Geld“ jemals zusammenkäme, ist derzeit völlig unsicher. Dass nur noch zwei Bieter im Vattenfall-Verfahren übrig sind, ist desaströses Omen für die Zukunft der gesamten Industrie. Inzwischen kommt noch eine weitere Unwägbarkeit hinzu: Ein Gutachten der European Climate Foundation lässt nun sogar erwarten, dass neue Enteignungen von Vattenfall-Tagebauen nicht mehr rechtmäßig sind, weil sie nicht mehr mit dem „Wohl der Allgemeinheit“ begründet werden können.

Greenpeace hatte schon im Oktober 2015 den richtigen Riecher. Damals boten die Umweltschützer – auch halb im Scherz – an, das Braunkohlegeschäft als eine gemeinnützige Stiftung zu übernehmen, wenn Vattenfall 2 Milliarden Euro drauflegen würde. Der Betrag, damals als Hirngespinst belacht, klingt vielen in der Branche heute wie ein ernst gemeintes Angebot.

Inzwischen haben die Umweltschützer berechnen lassen, was echter Klimaschutz nach dem Abkommen von Paris für Deutschland bedeuten würde: das Ende der Braunkohle sogar in 10 Jahren. Dann bliebe Tagebauen und Kraftwerken kaum noch Zeit, das Geld für die Sanierung der Kohle- und Atomkraftvergangenheit zu ­verdienen. Dieses Kapital muss dann entweder aus Steuergeldern kommen, oder die Energiekonzerne verdienen es mit den neuen Technologien, die sie selbst lange missachteten: Stromnetze, Dienstleistungen und Öko­energien.

Hummel weiß von alldem offenbar noch wenig. „Der Widerstand gegen Braunkohle sollte großflächiger sein. Vielleicht können wir einen Anstoß geben“, hofft die Kohleaktivistin. Drei Bäume haben die Klimaschützer im bedrohten „Tiergarten“ vor ein paar Wochen besetzt, Tag und Nacht harren sie jetzt aus. Oft war es lausekalt. Dann war das Leben auf den eigens errichteten Baumhäusern, die sie „Haiwa“, „Ravia“ und „Dub“ nennen, gar nicht so leicht. Wie lange sie bleiben werden, wissen die Aktivisten noch nicht. Dass sie ihren Kampf noch nicht ausgefochten – und doch eigentlich längst gewonnen haben, auch nicht. Wahrscheinlich wird der Braunkohleabbau in Brandenburg vorerst weitergehen, irgendwie. Noch ist unklar, unter wessen Ägide. Nur eins ist klar: Das Ende der Braunkohle ist ­absehbar.