Verblassende Körperlichkeit

Kunst Die Arbeiten der Malerin Emese Kazár verbinden die Schwierigkeiten verblassender Erkenntnis mit psycho-materialistischen Körperstudien

Die Figuren auf den Bildern der Malerin Emese Kazár sind gefährdet. Das sieht man sofort beim Besuch ihrer Ausstellung in der Galerie Mitte. „Flowers Blossom from Urns“ lautet der etwas unheimliche Titel der Einzelschau. Und ebenso unheimlich ist, dass die Figuren zwar gefährdet sind, aber keine äußeren Feinde haben. Sie sind ihr eigener Feind – wie man es von Autoimmunkrankheiten kennt. Besiegt man den Gegner, besiegt man damit sich selbst. Man kann nur verlieren.

Die Umrisse der Figuren sind so unscharf, dass man sie auf einer zeitlichen Achse bereits mit ihrer Umgebung verschmelzen sieht. Vor diesen Hintergründen werden ihre menschlichen – wahrscheinlich meist weiblichen – Körper transparent.

Kazárs Werk dürfte dem Bremer Kunstpublikum bereits bekannt sein: Im vergangenen Jahr waren einige ihrer Gemälde in der Meisterschülerausstellung der Hochschule für Künste in der Weserburg zu sehen. Auch die Gesellschaft für Aktuelle Kunst zeigte Kazárs Bilder im Rahmen einer Ausstellung der Klasse Stephan Baumkötter, bei dem sie zuletzt studierte.

„In meinen Bildern passiert nicht viel“, sagt sie über ihre Arbeiten – „die Figuren stehen allein im Bildraum. Die bildnerischen Hintergründe sind oft als Fläche angelegt.“ Ihre figürliche Malerei behauptet eine Art von Allgemeingültigkeit. Das kann man sehen.

Kazár ist es wichtig, das zu betonen: „Es fehlen Hinweise auf Raum, Milieu, auf Attribute, die wir mit der Persönlichkeit verbinden. In einigen Bildern ist das Gesicht verwischt, ausgewischt oder durch die Bildkante abgeschnitten.“ Deshalb ist das, was man auf ihren Leinwänden zu sehen bekommt, niemals eine Person, sondern immer nur deren Abstraktion: eine Figur. Stephan Baumkötter präzisiert: „Kazárs Malerei ist persönlich, aber nicht biografisch.“ In diesen Bildern geht es um etwas sehr Allgemeines, um die menschliche Existenz überhaupt, vielleicht aber auch etwas spezieller um so etwas wie eine weibliche Existenz.

Auf der anderen Seite meint die Künstlerin ebenso die Erkenntnisschwierigkeiten der Betrachter ihrer Werke: Sie kommen ihnen vor wie verblassende Erinnerungen oder Wahrnehmen im Halbschlaf. Da Kazár sich dabei an den Körper hält und die Sorge um dessen Konstitution, sein Verschwinden oder die Grenzen der sinnlichen Wahrnehmung im Mittelpunkt stehen, ist das keine Esoterik. Es ist psychologisch-materialistische Malerei.