zwischen den rillen

Geologe und Panda

Mit „Feel“ knüpfen Animal Collective an die schneidend genaue Hippie-Freundlichkeit der frühen 70er-Jahre an

Wer über die aktuellen Entwicklungen in Underground, USA, redet, verfällt gern ins Biologisieren. Stämme und Horden entstehen dort, neuartige Kreaturen und Geschöpfe breiten sich aus. Nicht die üblichen Kommunikationskanäle und Kulturgerüchte verbreiten die Kunde, sondern subkulturelle Sporenvermehrung, Farne, Moose und Viren disseminieren das Zeug. Es wächst etwas, aber es ist kein Ziel, keine Richtung, auch keine klare Traditionslinie zu erkennen, die aufgegriffen worden wäre.

Einerseits gibt es da die zarten neoqueeren Creatures und hochbegabten Spezialisten eines performativen Sich-Entziehens, von dem vielgeliebten Antony bis zu seinen Freundinnen, den CocoRosie-Schwestern; andererseits die geduldig und weltabgewandt vor sich hin schrängelnden Kollektive wie Jackie-O-Motherfucker oder die No Neck Blues Band, die es immer wieder schaffen, unbezeichnete Großstadtbrachen zu entdecken, wo sie zu seltenen und seltsamen Festen aufspielen. Mit einer jede Art von Friedensschluss verweigernden antiharmonischen mobilen Hippie-Musik.

Kategorien wie Weird Folk oder New Weird America versuchen dieses Phänomens habhaft zu werden, das mit Folk aber genau so viel zu tun hat wie mit Free Jazz, neuer Musik, Tanztheater, Jack Smith, aber eben auch Hochpop. Animal Collective stehen mit ihrem Namen, ihrer Musik und ihrer Weltanschauung genau zwischen glänzend-märchenhafter Creature und staubiger Improv-Horde. Sie verstehen von poppig schimmernden Posen ebenso viel wie von fahriger Versenkung. Bei „Feels“, ihrem siebten Album, dominiert aber die – für ihre Verhältnisse – zart schimmernde Seite.

Zum Teil wird hier ein Projekt aufgenommen, das anderswo schon mal begonnen und fallen gelassen wurde. In UK nämlich, in den frühen 70ern: Bowies „Hunky Dory“-Hymnen wurden länger und verspielter und von köstlich verschwenderischen Klaviergeklimper dekoriert. Ein zu Hordengröße angewachsenes Folk-Ensemble namens Incredible String Band ließ seine kosmisch spinnerte Revue „U“ von bizarren Musikinstrumente umwuchern und in Songstrukturen treiben, die auf ihre eigene Architektur pfiffen. Ja, und auch der süße Schmuck-Eremit und kosmische Boy Marc Bolan schuf sein imaginäres Indien unter dem Namen Tyrannosaurus Rex.

All dies ist offiziell zwar längst vergessen, aber die besten Stränge wuchern bekanntlich unterirdisch, unbeobachtet und vor allem seitwärts. Im Verhältnis zum bisherigen Schaffen des Animal Collective ist „Feels“ vielleicht so was wie der Schritt von Tyrannosaurus Rex zu T. Rex, vielleicht sollte man ab jetzt A.Collective sagen, auch wenn weit und breit noch keine Teenager in Sicht sind. Die neue Zugänglichkeit ist denn auch kein Widerspruch zum Temperament des Ensembles: Gezielt, wie sonst nur Hiebe und andere Aggressionen wirken, scheint im Einsatz der Stimme von Avey Tare eine fast schon schneidende, genaue Freundlichkeit auf. Diese Attitüde wird mit der auf „Feels“ besonders hervortretenden vokalen Dimension ausgesprochen stark gemacht: eine Acid-schlaue Verbindlichkeit, die historisch vor dem Gesäusel oder Intimitätsterror späterer Hippie-Jahre spielt.

Vielleicht ist es nicht die schlaueste Vereindeutigung dieser spannungsreichen Stimmung, wenn man das Cover im Stile der momentan die New Yorker Kunstwelt in Atem haltenden, neoinfantilen Zeichnungskunst gestaltet. Die vielen Comic- und Kinderbuch-Illu-inspirierten, Kindliches gegen Gewalt ausspielenden Arbeiten, die zur Zeit ins Kraut schießen, geben doch ein zu eindeutiges, mittlerweile auch eingefahrenes Bild von der Stimmungskultur dieser Band wieder. Da waren die wabernden Fotos von früher genauer.

In letzter Zeit war das Collective zum Duo geschrumpft. Unseren Freund Avey begleitete nur noch der gute Panda und eine Neigung zu kleinteiligen Einfällen machte sich breit. Jetzt sind Geologist und Deakin zurückgekehrt und ein Haufen Gastmusiker aus den großen Weiten des radikalen Amerikas hat sich zu den Musikern mit den netten Namen gesellt. Das Klangfarbenmeer erstreckt sich auch hier vom pieksigen exotischen Geschrängel und Flautando, über viel akustischen Freiluft-Glam bis zu Nuancen des schweren elektrisch-psychedelischen Faches. In den kommenden Monaten wird in größerer Besetzung Europa betourt.

DIEDRICH DIEDERICHSEN

Animal Collective: „Feels“ (Fat Cat/ Rough Trade)