Etwas vollkommen Neues

RUNDFUNK Das Studienzentrum für Künstlerpublikationen widmet dem Radio als künstlerischem Mittel gleich drei Ausstellungen und baut an einem umfassenden Archiv

Die Kunstavantgarden des 20. Jahrhunderts sind geprägt nicht zuletzt von den technischen Entwicklungen der Medien. Immer dort wo sich neue technische Mittel entwickelten, wurden sie von Künstlern begierig aufgegriffen. Laszlo Moholy-Nagy drehte in den 1910er-Jahren Filme, John Heartfield entdeckte in den 1920ern die Illustrierte. In den 1070ern bemächtigte sich Nam June Paik des Fernsehens und Frieder Nake programmierte Farbfeldmalerei mit dem Computer. Es ist nur allzu schlüssig, dass irgendwann auch das Radio als Mittel künstlerischer Arbeit entdeckt werden musste.

Die kreative, politische Nutzung des Radios wurde in den 20er Jahren bereits von einem Künstler gefordert, nämlich von Bertold Brecht. Brecht schwebte eine Auflösung des Sender-Empfänger-Schemas vor. Stattdessen sollte eine Art demokratisiertes Radio als „Radio von unten“ realisiert werden. In gewisser Weise kommt die künstlerische Aneignung des Mediums seinen Forderungen recht nahe. Gerade, wenn man sich aktuelle Radiokunst ansieht, die mit ihren internetbasierten Möglichkeiten das Verhältnis von Sender und Empfänger relativiert und ein interaktives Spiel ermöglicht.

Robert Math rief die Zuhörer dazu auf, Aufnahmen der Übertragung seiner Komposition „Schlafradio“ anzufertigen, zu bearbeiten und an den Sender zu schicken

Doch zunächst ein wenig zur Geschichte: Dem Radio kam als Medium zunächst eine besondere Rolle zu, lassen sich doch mit seinen Mitteln unterschiedliche künstlerische Praktiken realisieren. Zum einen kann es als Massenmedium zur Verbreitung von Sprachkunst, so etwa der Lautpoesie eines Gerhard Rühm, der Gedichte für Atmen schrieb, oder Klangkunst, wie etwa den experimentellen Kompositionen von John Cage – allerdings lässt sich mit den technischen Voraussetzungen des Radios selbst Klangkunst erzeugen.

„House full of Music“ war eine solche radiogenerierte Komposition. In der Weserburg ist sie in Ton und Bild dokumentiert. Radio Bremen ermöglichte dies aufwendige Soundspektakel 1982. Cage hatte 56 Gruppen mit insgesamt 800 Amateurmusikern auf Anfrage von Schülern von der Musikschule ins Überseemuseum eingeladen. Der Aufwand war enorm: Zahlreiche Klaviere mussten herbeigekarrt werden. Simultan spielten die Schüler und Schülerinnen verteilt über die Räume und Etagen des Museums aus ihrem Repertoire: Tango, Ragtime, Jazz und Bach. Cage wollte ein klingendes Haus schaffen. Die Besucher der Aufführung bekamen alles auf einmal zu hören, fürs Radio aber komponierte Cage aus dem gespielten Durcheinander etwas vollkommen Neues. Die Aufführung wurde in viele Länder übertragen: Belgien, Kanada, Dänemark, Jugoslawien, Italien, Spanien, Frankreich und die USA. Das ist lange her. John Cage ist tot und Radiokunst bei Radio Bremen seltener geworden.

Ein heute noch aktives Forum für Radiokunst ist die österreichische Sendung „Kunstradio“, die seit 25 Jahren wöchentlich vom Kultursender des ORF gesendet wird. Das „Kunstradio“ stellte in der Vergangenheit mehr als 1.000 österreichischen und internationalen Künstlern Sendeplatz und technische Mittel zur Verfügung. Daneben kooperiert es mit Museen und leistet inhaltliche Arbeit, indem es sich an Kongressen beteiligt und so den Austausch zwischen Theorie und Praxis forciert. In der Weserburg werden einige der Projekte, die über das „Kunstradio“ realisiert wurden ausgestellt – als Partitur und Fotografie, meist aber selbstverständlich über Kopfhörer. Zum Beispiel Robert Maths „Schlafradio“ von 1993 / 94. Hier kommt die oben erwähnte Interaktion zum Tragen: Math rief die Zuhörer dazu auf, Aufnahmen der Übertragung seiner Komposition „Schlafradio“ anzufertigen, zu bearbeiten und an den Sender zu schicken. Die auf diese Weise entstehenden Neukompositionen wurden dann wiederum gesendet. Die technischen Bedingungen des Empfangs gehen hier genauso in die Neufassungen ein, wie die Spontaneität der zu Produzenten gewandelten Zuhörer.

Als aktuell im Radiobereich arbeitende Künstler hebt das Studienzentrum die beiden Spanier Concha Jerez und José Iges hervor, deren Arbeiten auch schon in der österreichischen Sendung zu hören waren. Da Jerez und Iges vom Radio ausgehend mit Performance, Installation und Video arbeiten, bezeichnen sie ihre Praxis als „Extended Radio“. In der Weserburg zeigen sie „Argot“ von 1991, eine Soundinstallation, bei der der man sich zwischen spanischen, englischen, deutschen und französischen Versionen eines Textes bewegt und die Beziehungen der Sprachen zu einander untersuchen kann.