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KlassikerCharlotte Brontës universelle Geschichte von „Jane Eyre“ erscheint als Hörbuch neuDer englische Regen prasselt perfide nieder

Ich hasse Sie! Sie sind schlecht, nicht ich!“ Widerspruch wie dieser ist auch heute noch starker Tobak. 1847 im viktorianischen England aber war es ein Skandal, zumal aus dem Munde eines 10-jährigen Kindes – und das, obwohl Leser und Leserinnen wussten, dass das Kind die Wahrheit spricht. Das Waisenkind Jane Eyre sagt diese Worte zur ungerechten Mrs. Reed, bei der sie aufwächst.

Nach lehr- und entbehrungsreichen Jahren im Mädcheninternat Lowood nimmt sie eine Stelle als Gouvernante in Thornfield Hall an, verliebt sich in den schratigen Hausherrn Mr. Rochester, den sie als Ihresgleichen erkennt. Doch eine Ehe mit ihm ist unmöglich, denn Rochester ist bereits verheiratet – seine wahnsinnige Frau haust auf dem Dachboden von Thornfield Hall.

Dass Charlotte Brontës „Jane Eyre“ nicht als typischer viktorianischer Gouvernanten-Roman in der Versenkung verschwand, sondern zum Klassiker der Weltliteratur wurde, ist auch in der Wesenszeichnung der Hauptfigur begründet: Jane Eyre nutzt ihren klaren Verstand, sie wird nicht als Opfer präsentiert – und ihre Geradlinigkeit zahlt sich aus. Die derbe Sprache und der lockere Ton stieß einigen Zeitgenossen sauer auf, sind aber ein Unterscheidungsmerkmal.

Regisseurin Christiane Ohaus nutzt in ihrer Hörspieladaption von „Jane Eyre“ die Chance, zeitgenössischen Ballast abzuwerfen und die universellen Themen hervorzuheben, die den Roman zum Klassiker machen.

Sie fokussiert sich auf Jane Eyres unkorrumpierbaren Charakter, ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion und besonders auf ihren emanzipatorischen Willen. Das macht den Stoff sehr gegenwärtig, doch Ohaus transportiert auch die Atmosphäre des viktorianischen Romans: die Schilderung des harten Alltags der jungen Jane, den Gruselfaktor der mad woman in the attic sowie die Bigotterie des Schulvorstehers Mr. Bocklehurst und die Blasiertheit der jungen Lady Ingram.

Die Erzählerin Jane Eyre und die Dialoge sind im rechten Lautsprecher zu vernehmen, Eyres hintersinnige Schlussfolgerungen im linken. Dadurch wird einerseits der Eindruck eines call and response erweckt und andererseits serviert dieser technische Kniff den ZuhörerInnen Wertungen und Zuschreibungen auf einem Silbertablett – das wirkt sehr lebendig.

Jane Eyre nimmt sich ganz selbstverständlich das Recht auf emotionale wie sexuelle Selbstbestimmung – und das, obwohl sie Waise ist, gesellschaftlich von niedrigem Stand und noch nicht einmal hübsch. Für die viktorianische Leserschaft war das ein ungeheuerlicher Vorgang und ließ Kritiker vermuten, dass der Roman für jugendliche Ohren nicht geeignet sei.

Die klare und lichte Stimme der Schauspielerin Sascha Icks befördert die luziden Gedanken der Protagonisten vortrefflich. Christian Redls Rochester changiert treffend zwischen herrischem Grummeln, Verzweiflung und romantischer Sehnsucht. Sylvester Groth interpretiert den in seinen Vernunftentscheidungen verhafteten St. John Rivers ein wenig zu strategisch und klingt dadurch streckenweise etwas hölzern.

Die Kompositionen der Posaunistin Annie Whitehead und des Percussionisten Ramesh Shotham kommentieren die Geschichte treffend und nie aufdringlich. Sie evozieren bedrohliche Stimmungen, untermalen die Ausweglosigkeit der ungerechten Behandlung Janes. Die dezente Geräuschkulisse veranschaulicht das Geschehen, der englische Regen prasselt perfide nieder.

Der Hörverlag hat das Hörspiel in schöner Aufmachung anlässlich von Charlotte Brontës 200. Geburtstag am 21. April neu herausgebracht – ein Geschenk, über das sich die Autorin wohl gefreut hätte. Sylvia Prahl

Charlotte Brontë:„Jane Eyre“, Hörverlag, 3 CDs, 3 Std. 50 Min.

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