Musikalische Lebenswelten am rechten Rand

Der Alltag vor allem jugendlicher Neonazis wird von rechter Rockmusik geprägt. Die Dortmunder Band „Oidoxie“ gehört zu den Protagonisten der Szene

VON HOLGER PAULER

Krtetice, Tschechische Republik, 17. September 2005. „Sieg Heil“, „Rache für Rudolf Heß“, klingt es lautstark aus zahlreichen heiseren Kehlen. Harte Gitarrenmusik. Die Texte, antisemitisch und rassistisch: „Juda verrecke und Deutschland erwache“. Marko Gottschalk, Sänger der Dortmunder Band „Oidoxie“ grölt ins Mikro. Die Menge johlt. Kahl geschorene Köpfe, Fascho-Tattoos, wilder Pogo und viel Alkohol. Die tschechische Polizei, immerhin mit einer Hundertschaft angereist, schaut dem Treiben zu, ohne einzugreifen.

500 Neonazis gedenken an diesem Tag dem Tod von Ian Stuart Donaldson. Donaldson war bis zu seinem tödlichen Autounfall im Jahr 1993 Frontmann der Neonazi-Skinband „Skrewdriver“. 1987 gründete er das international operierende, in Deutschland verbotene Neonazi-Netzwerk „Blood & Honour“(B&H)“. Die tschechische Sektion „B&H/Combat 18 Tschechische Republik“ und die „National Resistance Prag“ luden zu dem Gedenkkonzert neben zahlreichen lokalen Neonazi-Bands auch die europaweit bekannten Bands „Razors Edge“ aus England und eben „Oidoxie“ ein.

Die Band „Oidoxie“ gibt es seit 1996. Ihre neonazistische Einstellung vertreten sie offen. „Weiß & Rein“, oder „Treue und Ehre“ heißen die Alben. Der „heilige Rassenkrieg“ wird beschworen, die Taten der Waffen-SS werden in „Ruhm und Ehre“ verherrlicht. Die Staatsanwaltschaft Dortmund hat Anfang des Jahres gegen „Oidoxie“-Sänger Marko Gottschalk und zwei Mitgliedern des „Oidoxie“-Ablegers „Weisse Wölfe“ beim Schöffengericht des Amtsgerichts Dortmund Anzeige wegen Volksverhetzung und Gewaltverherrlichung erhoben. Die „Weissen Wölfe“ posieren auf dem Cover ihrer 2002 in Dänemark produzierten CD „Weisse Wut“ vor der Flagge der verbotenen Neonazipartei FAP. Die Texte lauten: „Für unser Fest ist nichts zu teuer – 10.000 Juden für ein Freudenfeuer“, oder „Bullen haben Namen und Adressen! Kein Vergeben, kein Vergessen! Am Tag der Rache woll‘n wir euch bluten seh‘n.“ Im illegalen Neonazi-Video „Kriegsberichterstatter“ covert „Oidoxie“ das verbotene „Hakenkreuz“-Lied: „Hängt dem Adolf Hitler den Nobelpreis um (...) hisst die rote Fahne mit dem Hakenkreuz“. Auf dem Video sind, unterlegt mit Rechtsrock, auch Erschießungen von Schwarzen und Juden sowie Karikaturen von der Ermordung Behinderter zu sehen. Die Verhandlung beginnt am heutigen Mittwoch. Die Band tritt dennoch weiter auf.

Im laufenden Jahr fanden landesweit zehn Rechts-Rock-Konzerte statt. Illegal. Die Orte werden kurzfristig per Mail, SMS oder Mundpropaganda angekündigt. Die Teilnehmerzahlen schwanken zwischen 60 und 250. Der harte Kern. „Darüber hinaus wird die Mobilisierung schwierig“, sagt Jan Raabe vom Verein Argumente und Kultur gegen Rechts. Potenzielle Teilnehmer gebe es genug. „Bei öffentlicher Mobilisierung käme man leicht auf 500 Leute. Antifa und Polizei verhindern das aber.“ Dennoch: „Das Konspirative gibt den Teilnehmern einen zusätzlichen Thrill.“ Allerdings sei es für die Leute frustrierend wenn sie irgendwo auftauchen und das Konzert ausfalle.

„Durch den Rechtsrock entsteht eine Lebenswelt, die Jugendliche politisiert und zur Bildung einer rechten Alltagswelt geführt hat“

Die nationale Rechts-Rockszene hat ihre Aktivitäten daher verstärkt ins Ausland verlegt. „Dort können sie unbehelligt von der Staatsmacht agieren“, sagt Christian Dornbusch, Mitarbeiter der Arbeitsstelle Neonazismus an der Fachhochschule Düsseldorf. Dornbusch ist Experte im Thema Rechts-Rock. Gemeinsam mit Jan Raabe gab er im Jahr 2002 das Buch „RechtsRock – Bestandaufnahme und Gegenstrategie“ heraus. Konzerte wie in Tschechien oder im serbischen Novi Sad werden vor allem von Neonazis aus Sachsen besucht. Die NRW-Szene konzentriert sich auf das benachbarte Ausland. Belgien steht hoch im Kurs. Veranstaltungen mit mehr als 1.500 Teilnehmern sind hier keine Seltenheit. „Geografische Nähe und die Rechtslage sind dabei entscheidend“, sagt Jan Raabe. Die Strukturen arbeiten länderübergreifend.

Von einer bundesweit vernetzten Rechtsrock-Szene kann man seit der Wiedervereinigung sprechen. „NRW-weit verlief die Entwicklung der Szene parallel“, sagt Christian Dornbusch. Das Kölner „Rock-O-Rama“-Label von Herbert Egold war bis Mitte der 90er Jahre prägend. Es folgte das Label „Funny Sound“ des Düsseldorfers Thorsten Lemmer – bis zu dessen Szene-Ausstieg vor zwei Jahren. Beide Label waren zu ihrer Hochzeit die größten innerhalb der deutschen Rechts-Rock-Szene. Lemmer managte unter anderem die Band Störkraft. Seit 1993 sollen mehr als 100.000 CDs der Neonazi-Band verkauft worden sein. Mittlerweile gibt es bundesweit mehr als 70 Vertriebe für Neonazimusik. Knapp 400 Bands wurden in den vergangenen zehn Jahren gezählt.

In NRW spielt vor allem das in Düsseldorf ansässige Magazin „Rock Nord“ um Marco F. Szeplaki eine entscheidende Rolle. Vertrieb und Label sind angeschlossen. Die Auflage des Heftes soll nach Eigenangaben bei 15.000 liegen. Weitere Vertriebe sind „Ohrwurm Records“ (Ennepetal), „Boundless Records“ und „Wolfszeit Versand“ (Gütersloh), „Wewelsburg Records“ (Bielefeld), „Rhein-RuhrVersand“ (Bochum/Herne) oder der „West-Versand“ (Hamm). Der „West-Versand“ wurde vor einigen Wochen von der Antifa gehackt. 300 Adressen wurden im Internet veröffentlicht. Ähnlich erging es dem bundesweiten Versand „Front-Records“ (3.000 Adressen) und dem Internetportal „Freier-Widerstand.net“. Die rechten Kunden warfen den Betreibern unter anderem vor, dass sie wegen ihrer „Profitsucht“ auf die Sicherheit verzichtet hätten.

„Mittlerweile wird im Bereich Rechts-Rock eine Menge Geld verdient“, sagt Jan Raabe. Vor allem die Vertriebe könnten davon leben. Die Bands seien nach wie vor Amateure – und politisch aktive Neonazis. Die Mitglieder von „Oidoxie“ und „Weisse Wölfe“ sind im Umfeld der „Freien Kameradschaften“ zu finden – einem losen Zusammenschluss militanter Neonazis.

Aber auch die Parteien sind aktiv. So versuchte die rechtsradikale NPD Anfang September, Schüler mit rechter Musik zu ködern. Auf Schulhöfen verteilte sie bundesweit 100.000 CDs mit Liedern von „Sleipnir“ (Gütersloh) oder „Division Germania“ (Mönchengladbach) – beides einschlägig bekannte Bands. „Dort wo bereits eine Szene vorhanden war, hatte die NPD Erfolg“, sagt Christian Dornbusch. Ein Großteil der Schüler habe die CDs jedoch bei den Lehrern abgegeben.

„Rekrutiert werden kann nur, wer schon rassistische Ressentiments im Kopf hat, wer demokratisch gefestigt ist, dem macht auch die Musik nicht rechts“, so Dornbusch. Studien belegten jedoch die Verbreitung von Rassismus unter Jugendlichen und wiesen „auf das große Potenzial hin“. Die Musik gehört hier als täglicher Bestandteil zur Lebenswelt der Jugendlichen. Kleidung und Musik manifestieren die politische Einstellung. „Viele Jugendliche wachsen nach der Pubertät aus der Szene heraus, wer dabei bleibt, bleibt es in der Regel sehr lange“, sagt Jan Raabe.

Auch staatliche Repression ändert daran nichts: Jens Arpe, der über 40-jährige Sänger der Band „Kraftschlag“ wurde im Jahr 1999 verurteilt. Dennoch ist er weiter aktiv. Der Sänger der verbotenen Band „Landser“, Michael Regener, wurde nach zwei Jahren Verhandlung zu einer Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten verurteilt. Regener trat die Strafe im Frühjahr 2005 an. „Die Strafe ist für die Rechts-Rock-Szene bis heute einzigartig“, sagt Christian Dornbusch. Ein Urteil gegen Marko Gottschalk und „Kameraden“ könnte also Signalwirkung haben.

Dennoch schaffen es die Strafen nicht, die Rechts-Rock-Szene nachhaltig zu beeindrucken. „Durch den Rechts-Rock entsteht eine Lebenswelt, die fern ab dessen, was klassisch als ‚Politik‘ gesehen wird, Jugendliche politisiert und zur Bildung einer rechten Alltagswelt geführt hat“, bilanzieren Christian Dornbusch und Raabe.