Kommentar Gauland und Boateng

Ausweitung der Kampfzone

Die Beleidigungen müssen heftiger, die Bilder drastischer, die Feinde zahlreicher werden. Diesmal aber ist Gauland zu weit gegangen.

Ein Mann, Jerome, Boateng, und eine Frau, Angela Merkel, die ihn ansieht

Jerome Boateng erhält das silberne Lorbeerblatt und die Kanzlerin strahlt: Archivbild aus dem Jahr 2014 Foto: dpa

Alexander Gauland ist nicht nur der fähigste Kopf der AfD. Der Ex-CDU-Mann ist die Schlüsselfigur der Partei, weil er den rechtsradikalen Höcke-Flügel mit westdeutschen Bürgern verbindet, denen Gender-Mainstreaming und Multikulti zu anstrengend sind, die Rassismus aber unfein finden.

Gauland verkörpert geradezu den Mythos der Partei – dass man gleichzeitig honoriger Konservativer sein kann und daneben ein bisschen rechtsextrem. Der Aufstieg der AfD verdankt sich ja genau dieser Mixtur von Wohlanständigkeit und Hetze.

Die rhetorische Figur, die perfekt zu dem Doppelspiel der AfD passt, ist Provokation samt Dementi, stets vor staunend erregtem oder meist angewidertem Publikum. Auch der Fall Boateng, den Gauland zufolge echte Deutsche nicht als Nachbarn ertragen wollen, scheint in dieses Muster zu passen: Erst die Tabuverletzung, dann Vorwürfe gegen die Medien, am Ende diffuses Gemurmel, alles sei ein Missverständnis.

Doch dieser Fall liegt anders. Dies ist keine geschickt inszenierte Grenzverletzung, sondern ein ziemliches Debakel für die AfD. Denn dieser Fall legt den bösartigen Kern der Rechtspopulisten frei – sichtbar nicht nur für Rassismusexperten, sondern auch für Begriffsstutzige.

In einer Rundmail an die AfD-Mitglieder hat der stellvertretende Parteivorsitzende Alexander Gauland seine Sicht zum Interview mit der Äußerung über angebliche Vorurteile gegen den Fußballer Jérôme Boateng geschildert. In dem Schreiben warf er den Journalisten unter anderem vor, sich nicht an die vereinbarte Vertraulichkeit gehalten zu haben.

„Ich hatte vorige Woche ein als vertraulich klassifiziertes Hintergrundgespräch mit zwei FAZ-Redakteuren“, schreibt Gauland in seiner Mail. Im Mittelpunkt hätten Auseinandersetzungen im Bundesvorstand sowie der „ungebremste Zustrom raum- und kulturfremder Menschen nach Deutschland“ gestanden und wie sich dieser Zustrom auf das Heimatgefühl vieler Menschen auswirke. „Ich kann heute nicht mehr sagen, wer zuerst den Namen Boateng in den Mund genommen hat – ich bilde mir ein, es war einer der beiden FAZ-Redakteure, da mir der Name wie auch der Fußballsport weitgehend fremd sind“, schreibt Gauland. (dpa)

Boateng, der am Sonntag Kapitän der deutschen Nationalelf war, ist für die Hassökonomie der Rechten das falsche Ziel. Kein Wunder, dass sich die Junge Freiheit, Zentralorgan der Rechtspopulisten, die Haare rauft, weil Boateng doch nun mal „fraglos Deutscher“ ist.

Wenn die AfD gegen Flüchtlinge und Moscheen zu Felde zieht, kann sie leider oft auf Sympathien hoffen. Doch Boateng zum unerwünschten Fremdling im biodeutschen Volkskörper zu erklären, dürfte auch für konservative Zeitgenossen als das erkennbar sein, was es ist: Rassismus.

Der Fall Boateng ist für die Rechtspopulisten ein Propaganda-GAU. Denn er erhellt schlaglichtartig die Logik der populistischen Rhetorik. Die Kampfzone muss ausgeweitet werden. Die Beleidigungen müssen heftiger, die Bilder drastischer, die Feinde zahlreicher werden. Gauland & Co zielen nicht mehr nur auf Migranten und Muslime, sie machen Stimmung gegen alles, was nicht ethnisch deutsch ist.

Das ist nicht mehr nur rechtspopulistisch. Die AfD ist unter Gaulands Führung auf dem Weg zur völkischen Partei. Und zur radikalen Sekte.

 

Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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