Kultur der Panik

Atomkrieg, Aids, Waldsterben, Y2K-Bang, Sars und jetzt die Vogelgrippe: Warum verfallen moderne Gesellschaften eigentlich so gerne in Panik?

Das Untier kann jederzeit auftauchen, und wo es auftaucht, hinterlässt es Verwüstung. Aber auch wo es nicht auftaucht, zieht es eine Spur der Verheerung durch die Seelen. Weil es überall sein kann, ist die Gefahr auch überall. Genau besehen ist das Schreckliche an ihm, dass es sich nicht um ein Monstrum handelt, nicht um Godzilla oder King Kong, die schon aus der Ferne auszumachen wären. Nein: In jedem Huhn, in jeder Ente steckt eine potenzielle Bestie.

Die Vogelgrippe geht um. Vom Virus, das da übertragen wird, ist die gesellschaftliche Pathologie, die es mit überträgt, kaum mehr zu unterscheiden. Welchen Stellenwert hat die reale Gefahr und welchen die Kultur der Angst? Wer vermag das schon genau zu sagen.

Atomkrieg, Waldsterben, Aids, Super-GAU, Y2K-Bang, Sars und nun die Vogelgrippe – die eigentliche Epidemie, die die modernen Gesellschaften gepackt hat, ist die Kultur der Panik. Eine ganze Generation wurde vor zwei Jahrzehnten politisiert, weil sie der Überzeugung war, es sei eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich, dass die Menschheit innerhalb der näheren Zukunft ausgelöscht werde.

Wochenendseminare waren dem Sterben der Wälder gewidmet, und dass diese im Sommer bisweilen inmitten blühender, fetter Lichtungen stattfanden, umgeben von prächtigen Laubbäumen, fiel den Beteiligten nicht einmal als sonderlich auf. Und der Sex ist seit Mitte der Achtzigerjahre überschattet von der tödlichen Gefahr, die mit ihm einhergeht.

Die Bedrohlichkeit der allgegenwärtigen Bedrohung stieg mit deren Abstraktion und erreichte ihren Höhepunkt mit der seltsamen Seuche Sars. Ihr zum Opfer zu fallen bedurfte keiner besonderen Aktivität von irgendjemandem, und so war auch keine Aktivität mehr denkbar, die Gefahr zu bannen. War es in den Achtzigerjahren eine Zeit lang Mode, sich im Vorgarten einen Atombunker zu bauen und ihn mit unverderblichen Essensvorräten zu füllen, war das Kondom im Portemonnaie zum generationstypischen Accessoire geworden, so half gegen Sars nichts mehr.

Mögen auch ein paar Millionen Chinesen mit Mundschutz herumgelaufen sein, so war dies doch nur eine hilflose Reaktion auf den erschreckenden Umstand, dass schon das Atmen eine tödliche Bedrohung war, die Gefahr in dem Medium lag, das uns alle umgab. Da half auch keine Form der Abstinenz mehr – schützte gegen Aids noch sexuelle Enthaltsamkeit, so ist das Einstellen der Atmung leider keine Lösung, weil es tödlich ist.

Dagegen ist die Vogelgrippe nun tatsächlich eine erfreuliche Epidemie – wer nicht professionell mit ihm zu tun hat, kann vor dem Federvieh ja die Flucht ergreifen. Es fügt sich trefflich, dass in diesen Tagen, da die Infektion über Ural und Kaukasus in unsere Nähe flattert, der britische Soziologe Frank Furedi sein Buch „Politics of Fear“ veröffentlichte. Ohne die Gefahren zu leugnen analysiert er, wie sich der Umgang mit ihnen in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden veränderte. Und heute, das kann man seine Schlüsselthese nennen, hat die Angst „ihr Verhältnis zur Erfahrung verloren“.

Mussten auch frühere Geschlechter einen Umgang mit der Emotion der Angst finden, so war diese doch immer eine Reaktion auf Gefahren, die sich in ihrem Blickfeld befanden. Allenfalls reagierten sie auf reale Gefahren mit Angstabstraktion, indem sie einen strafenden Gott imaginierten, dessen Walten in etwa so unerklärlich war wie heute das von Viren oder Hühnern. Bemerkenswert, dies nur nebenbei, ist in diesem Kontext die Volte des Christentums, das gerade darauf mit dem bekannten Imperativ reagierte: „Fürchtet Euch nicht.“

Wie auch immer, Angst war ein emotionaler Mechanismus, sich gegenüber realen Gefahren zu orientieren, so Furedi. Heute dagegen „scheinen wir uns geradezu vor allem zu fürchten“. Die Furcht selbst produziert bisweilen die Gefahren: Wir fürchten um unseren Gesundheitszustand – und das macht uns krank. Kriminalitätspolitik ist ganz wesentlich damit beschäftigt, das Gefühl der Bedrohung zu bearbeiten, das bekanntlich in keinem Verhältnis zur realen Kriminalität steht. Die moderne Angst also ist eher eine Anleitung zur Desorientierung als zur Orientierung.

Der Aufstieg der Angst-Industrie ist sowohl Ursache als auch Folge – man kann das wirklich nur mehr schwer auseinander halten – dessen. Medien, Politik, Versicherungsunternehmen, Pharmaindustrie, Ökogruppen, sie alle existieren innerhalb dieses Komplexes der Angst – und leben damit auch von ihm. Es wäre natürlich ein vulgärmaterialistischer, verschwörungstheoretischer Unsinn zu sagen, sie seien seine Ursache. Sie sind sowohl Verstärker dieses Prozesses wie auch das Angebot, welches sich die gestiegene Nachfrage schafft, und oft ist die Angst nur die unintendierte Folge des Versuches, Gefahren aus der Welt zu schaffen.

Diese Spur lässt sich noch an den wohlmeinendsten Institutionen ausmachen, etwa in der Gesundheitsvorsorge: Die machte uns so lange klar, dass wir uns um die Früherkennung tödlicher Krankheiten bekümmern müssen, bis wir begannen, täglich in uns hineinzuhören, ob nicht die tödliche Bombe längst in uns tickt. Als Folge davon laufen Heerscharen zum Arzt, was wiederum die Gesundheitssysteme in Gefahr bringt – und, angesichts unfinanzierbarer Kassensysteme, sich als Zukunftsangst wieder in den allgemeinen Kreislauf der Angst einspeist.

Fast schon eine Pointe: Wir leben in einer Moderne der umfassenden Risikobearbeitung – die man dennoch nicht „Sicherheitsgesellschaft“ nennt, sondern, mit einem Soziologenwort, das Furore machte, als „Risikogesellschaft“ beschreibt.

Es gibt Gefahren, klar. Eine Pandemie, eine Mutation des Vogelgrippevirus, sodass er von Mensch zu Mensch übertragbar würde, ist eine realistische Möglichkeit. Alte und durch Krankheiten geschädigte Menschen könnten im Extremfall massenhaft dahingerafft werden – das schafft aber auch eine extraordinäre Hitzewelle wie die vor drei Jahren.

Die Pointe der Angstkultur ist aber: Wir fürchten uns schon vor der Pandemie, bevor sie grassiert. Wir fürchten uns vor allem, was möglicherweise grassieren könnte. Und diese verallgemeinerte Panik, diese Angstkultur, die sich in die Gesellschaft hineinfrisst, ist eben nicht Resultat erfahrener Risiken, sondern wird vom alarmistisch-medialen Komplex produziert.

Aufmerksamkeit ist das knappe Gut, um das Pharmaindustrie, Medien, Politik, Umweltschützer und Versicherungwirtschaft auf gleiche Weise konkurrieren. In all diesen Konkurrenzfeldern werden diejenigen die Nase vor ihren Mitbewerbern haben, die deutlich zu machen verstehen, dass ihre Sache am dringlichsten ist. Und dies schafft man am besten mit Panikmache.

So entsteht eine Kultur der Angst, die geradezu Ängste zweiter Ordnung produziert – die Angst vor der Angst. Denn eines ist klar: So viel Angst kann man kaum überleben. ROBERT MISIK