EMtaz: Die Spielweise Frankreichs

Effizienzmaschine mit kleinem Mann

Welch Ironie der Geschichte: Frankreich spielt derzeit so wie Deutschland früher. Die Tristesse des Post-Zidane-Jahrzehnts ist vorbei.

Französische Spieler freuen sich nach einem Tor

„Es ist eine große Geschichte, die Spieler haben Geschichte geschrieben“ – Trainer Didier Deschamps Foto: ap

PARIS taz | Die größte Plage der Fußballrezeption ist der ständige Abgleich mit der Geschichte. Ja, 1982 hat Frankreich mal in Sevilla ein WM-Halbfinale gegen Deutschland verloren. Daraus wurde ein romantischer Mythos. Nun hat man in Marseille ein EM-Halbfinale 2:0 gewonnen. Durch harte Arbeit.

Es ist klar, dass man damit die Bedeutung von Fußball dramatisieren will. Aber wo ist der Zusammenhang? Das ist doch keine Erbschuld. Frankreichs Spieler von heute waren damals noch nicht mal geboren.

Frankreichs Sélectionneur Didier Deschamps hat den Geschichtsfetischismus sehr schön unterlaufen, indem er gesagt hat, die Geschichte könne keiner ändern, aber es gebe leere Blätter, und die könnten seine Jungs beschriften. Aber es ist klar, dass man dem Revanche-Tenor nicht entkommen kann.

„Es ist lange her, dass wir Deutschland geschlagen haben“, sagte er nach dem Sieg. Aber den Versuch, das in einen gesellschaftspolitischen Zusammenhang zu überhöhen, blockte er ab. „Es ist eine große Geschichte, die Spieler haben Geschichte geschrieben, aber wir können nicht alle Probleme der französischen Menschen lösen“, sagte er. „Aber die Leute sind sicher glücklich heute Nacht.“ Zumindest für Marseille traf das eindeutig zu.

Die große Ernsthaftigkeit

Vielleicht ist das Neue an Frankreichs Fußballteam wirklich die große Ernsthaftigkeit, die auch Liberation lobt. Mit der geht es zu Werke und ist ein Ebenbild seines Trainers. So richtig locker wirkt Deschamps ja nie, auch wenn man ihn in der Nacht von Marseille hat lächeln sehen. Aber er ist eben auch alles andere als ein Hallodri.

Entsprechend hat er seine Spieler ausgewählt, nach langem Zögern auch Payet. Andere hat er weggelassen, vor allem den Real-Spieler Benzema. Und er hat eine Truppe, die sein Denken und sein Sprechen zumindest in den gemeinsamen Wochen in der Akademie von Clairefontaine offenbar komplett verinnerlicht hat.

Teamspirit und „mentale Stärke“ werden auf Turnierdauer den Unterschied machen, das ist die These. Dass Frankreich insgesamt ein holpriges Turnier spielt, ist normal. Perfekte Teams gibt es nur in der Verklärung der Erinnerung. Entscheidend ist die Entwicklung.

Eine gemeinsame Qualität

Das Finale am Sonntag im Stade de France ist Deschamps’ drittes: Als Spieler gewann er WM (an selber Stelle) und EM. Er war der unsichtbare Spieler hinter Zidane. Der hatte den Ball, Deschamps das Spiel in der Hand. Er hatte lange überlegt, wie er das deutsche Dominanzspiel schlagen kann, und ob er auf die geniale Lösung gekommen ist, kann man so richtig gar nicht sagen.

Wenn man doch den geschichtlichen Vergleich bemühen will, dann war es fast ein biss­chen wie früher – nur umgekehrt. Die Deutschen spielten, die Franzosen erwiesen sich als gut organisierte Effizienzmaschine, die den Ball nur selten wollte, aber dann eben reintrat.

Der am Anfang des Turniers irrlichternde Pogba agiert orientierter, eingebundener und bereitete Griezmanns 2:0 mit einem spektakulären Tänzchen an der Grundlinie vor (72.). Der rechts spielende Arbeiter Sissoko gibt der Defensive Halt, Linksaußen Payet ist eine Konstante geworden, Keilstürmer Giroud und der exzeptionelle Antoine Griezmann haben in der entscheidenden Zone eine gemeinsame Qualität, wie sie die Deutschen nicht hatten.

Der perfekte Konterspieler

Das ist auch ein Grund, warum Des­champs kontern wollte. Weil er mit dem Atletico-Stürmer den perfekten Konterspieler hat. „An­toine ist ein großartiger Spieler, und das hat er gegen Deutschland wieder bewiesen“, sagte Deschamps. Aber dann war es auch schon gut.

Dennoch erscheint der weiße Lehrersohn Griezmann wie der lange gesuchte Musterjunge des französischen Fußballs, der die diversen Schatten der letzten Jahre mit seinem sonnigen Lächeln übertüncht oder gar vertreibt. Zwei Tore in Marseille, sechs insgesamt, da bahnt sich ein Ruhmestriumvirat mit Platini (dem Spieler, nicht dem Funktionär) und Zidane an. Jedenfalls, wenn Portugal am Sonntag auch noch geschlagen werden sollte.

„Er ist an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit, er ist der kleine Mann, der uns das große Extra gibt“, sagt Kollege Giroud. Wenn das so ist, dann ist er der große Mann, der ihnen das kleine Extra gibt.

Die Stimmung steigt

Nach dem Viertelfinale war die Fußballstimmung in Frankreich angestiegen, nach diesem Sieg und dem entsprechenden geschichtlichen Überhöhung wird sie deutlich anschwellen. Es wird interessant sein, wie viele Pariser sich bei einem EM-Sieg am Sonntagabend auf die Champs-Élysees begeben, um zu bekunden, dass die Tristesse des Post-Zidane-Jahrzehnts vorbei ist.

Wer aber denkt, der Fußball werde endgültig eine große Nummer in Frankreich sein – think twice. Diese Gesellschaft ist schwer zu bewegen. Nach der Französischen Revolution dauerte es noch über 150 Jahre, bis das Frauenwahlrecht eingeführt war.

 

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