Psychiater über Amokläufer

„Mit einem Knall aus dem Leben“

Um Taten wie die in München zu vermeiden, muss das Umfeld aufmerksam sein, sagt der Psychiater Jörg Fegert. Häufig deuteten Täter ihr Vorhaben an.

Auf einem Schild steht Olympia-Einkaufszentrum. Im Vordergrund sind verschwommen Blumen zu erkennen

Am Wochenende nach dem Amoklauf erinnern Blumen an die Ereignisse von Freitagabend Foto: dpa

taz: Herr Fegert, was bringt einen Menschen zum Amoklauf?

Jörg Fegert: Dafür gibt es keine monokausalen Erklärungen. Die Tätermuster sind unterschiedlich. Einige wenige sind psychotisch. Die allermeisten Täter sind männlich. Bei vielen wird ein sozialer Rückzug beschrieben, bei manchen auch eine narzisstische Persönlichkeit – die Menschen sind sehr von sich überzeugt, zugleich aber extrem kränkbar. Sie leiden unter Leistungsversagen, entwickeln Gewaltfantasien und den Drang, diese auszuleben.

Der Münchner Täter soll schwer depressiv gewesen sein.

Es gibt sehr viele depressive Jugendliche. Gerade zu dieser Erkrankung passt Gewalttätigkeit überhaupt nicht. Da muss sehr viel mehr dazukommen.

Ist ein Amokläufer ein zutiefst kranker Mensch?

Ein zutiefst besonderer Mensch. Amokläufer haben eine sehr spezielle Persönlichkeitsentwicklung. Man muss immer den Einzelfall sehr genau betrachten. Häufig fällt eine Vorplanung auf, immer wieder deuten die Täter ihr Vorhaben an.

Foto: Universitätsklinikum Ulm

59, ist Leiter der Klinik für ­Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm. Nach dem Amoklauf in Winnenden im Jahr 2009 war er Mitglied im „Expertenkreis Amok“.

Wie hoch ist die Gefahr von Nachahmungstätern?

Presseberichterstattung, jede mediale Aufmerksamkeit motiviert andere Menschen zur Nachahmung. Seit dem Massaker in der Schule von Columbine in den USA 1999 gibt es eine Szene, die so etwas idealisiert. Verschweigen oder verheimlichen kann man das natürlich nicht, es sollte aber sehr zurückhaltend und differenziert berichtet werden. Mir ist in diesem Zusammenhang ganz wichtig, an die Opfer, deren Angehörige, die Betroffenen zu denken.

In ihrer Doktorarbeit zählte die Psychologin Eileen Peter zwischen 1990 und 2010 97 pressewirksame Amokläufe. Seit 1991 habe es in dieser Spanne kein Jahr ohne Amoklauf gegeben.

44 Prozent der Taten ereigneten sich innerhalb von 10 Tagen nach Berichten über einen vorherigen Amoklauf.

Eine Zunahme sieht Peter nicht. Von 1990 bis 1999 zählte sie 50 Fälle, durchschnittlich fünf pro Jahr. Im folgenden Jahrzehnt waren es 45 Fälle, durchschnittlich 4,5 jährlich. Auch für die Jahre bis 2010 stellt Peter keine signifikante Zunahme fest. (dir)

Man hat den Eindruck, dass solche Dinge immer häufiger passieren.

Amokläufe sind extrem seltene Ereignisse. Eine Zunahme in jüngster Zeit kann ich nicht feststellen, es wird aber wohl viel mehr darüber berichtet.

Wie unterscheiden sich Amoklauf und terroristisch motiviertes Selbstmordattentat?

Der Amoklauf ist ein innerpsychisch motiviertes „Euch zeige ich es“, das sich nicht auf eine allgemeine Ideologie bezieht, auf kein Heilsversprechen. Amoklauf und Selbstmordattentat sind sehr unterschiedlich, auch wenn die psychische Entwicklung eines Attentäters oft ursächlich mit seinem Handeln in Verbindung steht.

Sind Amokläufer in erster Linie Selbstmörder, denen es um den eigenen Tod geht?

Nein, ihnen geht es primär um den Tod von anderen. Sie nehmen aber den Suizid als Teil des ganzen Ablaufs in Kauf oder planen ihn ein. Sie wollen mit einem riesigen Knall, mit maximaler Aufmerksamkeit aus dem Leben gehen.

Welche Gefahr geht von Ego­shooter-Spielen aus?

Die Effekte solcher Computerspiele auf Gewaltausübung sind gar nicht so deutlich durch die Forschung belegt. Allerdings führt das Training zu Abstumpfung. Je größer der Bildschirm ist, desto einfacher werden Widerstände auch im wirklichen Leben überwunden. Grundlegend für einen Amokläufer ist aber dessen spezifische Persönlichkeitsentwicklung.

Der Begriff Amok bezieht sich eigentlich auf spontane Handlungen. Die Amokläufe, von denen wir sprechen, sind aber oft über lange Zeit hinweg geplant.

Der klassische Amokbegriff kommt aus dem indonesischen Kulturkreis und meint eine Spontantat. Bei psychotischen Tätern gibt es tatsächlich spontane Amokläufe. Mittlerweile hat sich der Begriff aber auch für geplante Taten eingebürgert, da kann man sprachlich nicht puristisch sein.

Lassen sich Amokläufe überhaupt verhindern?

Ganz wichtig ist, dass das Umfeld genau auf alles hört. Auf Aussagen, Andeutungen oder Fantasien. Ganz charakteristisch ist, dass sich solche Täter sozial isolieren und in ihre Welt abdriften. Man sollte das Gespräch suchen, sollte Lehrer und Schulpsychologen ansprechen, zu Beratungsstellen gehen, zu Kinder- und Jugendpsychiatern. Nach dem Münchner Amoklauf werden sich viel mehr Menschen als sonst mit Fällen bei uns melden, an denen nichts dran ist. Das war nach der Tat von Winnenden im Jahr 2009 genauso. Aber es ist besser, sich um zehn Fälle zu viel zu kümmern als um einen zu wenig.

 

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