Kommentar „Regretting Parenthood“

Diversität ist angesagt

Rund ein Fünftel der Väter und Mütter wünscht sich ein Leben ohne Kinder. Daraus folgt trotzdem nicht der Untergang des Abendlandes.

Eine KInderzeichnung an einer Tafel zeigt Mama, Papa, Kinder und Hund und ein rotes Herz

Nur eine Möglichkeit von vielen: die klassische Mutter-Vater-Kind-Hund-Familie Foto: David-W- / photocase.de

Jetzt also beide Eltern. Genauso viele Väter wie Mütter bereuen ihre Elternschaft. Das ist interessant, denn an den Gedanken, dass die Mutterschaft in Deutschland keine einfache Sache ist, sind wir längst gewöhnt. Immerhin sind sie es, die sehr viel öfter beruflich zurückstecken, die die Kinder öfter betreuen und die den Großteil des Haushalts schmeißen. Nach einiger Aufregung um diverse „regretting motherhood“-Studien hatte man sich gerade daran gewöhnt, dass die Belastungen der Mütter offenbar in einigen Fällen zu einer Ablehnung der ganzen Sache führen kann.

Neu ist nun zum einen, dass es ein ganzes Fünftel ist, das sich ein Leben ohne Kinder wünscht. Und zum anderen, dass es genauso viele Väter wie Mütter sind. Die Väter halten sich doch immer fein raus, dachte man, aus den verschiedenen Zeitverwendungsstudien folgern zu können.

Zwei Hypothesen: Erstens ist es oft nicht so einfach, sich immer rauszuhalten. Mit der Aufgabenteilung im Haushalt sind nämlich viele Mütter unzufrieden – und das bekommen auch die Väter ab. Zweite These: Immer weniger Männer definieren sich über das pure Geldverdienen. Sie wollen auch leben – Stichwort: Work-Life-Balance.

Von diesen Thesen ausgehend könnte man sagen: Nicht nur die klassische Mutterrolle erodiert, sondern auch die Vaterrolle. Weder Hausfrau noch Familienernährer sind mehr eine Selbstverständlichkeit. Der Gedanke, dass man alles auch hätte ganz anders machen können, ist keineswegs mehr verboten – und er wird nun eben auch ausgedrückt.

Und? Was folgt? Untergang des Abendlands? Ach was! Es folgt nur, dass mehr Lebensmodelle denkbar werden. Dass Männer und Frauen sich genauer überlegen, ob Familie eigentlich das ist, was sie dringend brauchen. Oder ob sie anders als in der klassischen Familie leben wollen. Gut so. Diversität ist angesagt, und Diversität macht bekanntlich unabhängig.

 

Jahrgang 1968, ist seit 1999 Redakteurin für Geschlechterpolitik der taz. 2004 erschien von ihr das Buch „Der Kopftuchstreit, Das Abendland und ein Quadratmeter Islam“. 2009 wurde sie mit dem Preis „Der lange Atem“ des Journalistenverbands Berlin Brandenburg für ihre Berichterstattung über Geschlechterstereotype ausgezeichnet.

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