Kritik der Woche: Jan-Paul Koopmann über die Ausstellung „Ausbruch in die Kunst. Julius Klingebiel: Zelle Nr. 117“

Kunst statt Kick

Hinter Gittern: Julius Klingebiel in seiner Zelle Foto: Kulturambulanz

Die Hirsche in bleichen, aber doch freundlichen Farben wirken irgendwie urig. Wie Schnitzereien der Dorfschänke vielleicht. In die Baumlandschaft, deren Kronen sich mit den mächtigen Geweihen der Tiere verzahnen, hat wer Lücken gesägt: Baumstümpfe stehen herum. Geht es um die menschengemachte Natur, oder deren Entfernung? Ist es gar ein Kastrationsgleichnis dieses von den Nazis zwangssterilisierten Künstlers? Oder doch nur ein Blick raus in den Nutzwald, der eben so aussieht, außerhalb Julius Klingebiels Psychiatrie-Zelle?

Die Ausstellung in der Galerie im Park, bei der Kulturambulanz am Klinkum Ost, beantwortet das freilich nicht. Sie lässt stattdessen erfahren, was das für ein Ausnahmekünstler war, der da in Göttingen seine Zellenwände bemalte. Denn Kunst ist das ganz sicher, wenngleich ohne schulische Ausbildung. Die Bilder erinnern mitunter an Gekritzel, sind dann überraschend präzise, folgen dabei aber doch wieder den Gesetzmäßigkeiten eines schlüssigen Systems.

Klingebiel war Schlosser. Möglich, dass ein Arbeitsunfall seine Krise ausgelöst hat. Sicher ist das nicht. 1939 wurde seine Krankheit akut. Seinen Sohn hat er gewürgt, die Ehefrau bedroht. Nachdem Klingebiel weggeschlossen wurde, hat er mit dem Malen angefangen: die unmittelbare Lebenswelt aus- und umgestaltet, wie so oft in der heute „Outsinder Art“ genannten Kunst.

Ebenfalls typisch für die Kunstproduktion Weggesperrter ist, dass sie über das Personal nach außen gelangte. Klingebielt scheint Bewunderer unter den Pflegern gehabt zu haben, die ihn zumindest gewähren ließen, später war es ein Psychiater, der Klingebiel fast fünfzig Jahre nach seinem Tod bekannt machte: Andreas Spengler hat eine Forschungsgruppe zur Lebens- und Krankengeschichte Klingebiels initiiert, sich mit Kunstexperten, Museen und Medien in Verbindung gesetzt. Die bisherigen Ergebnisse sind in dem Buch „Die Klingebiel-Zelle“ (Vandenhoeck & Ruprecht) nachzulesen, das dank zahlreicher Abbildungen auch einen ansehnlichen Ausstellungskatalog hermacht.

Rätselhaft bleibt Klingebiel immer noch: der SA-Mann, der bereits auf der Liste für das Tötungsprogramm der Nazis stand, aus unklaren Gründen aber nicht abgeholt wurde. Der nach 1945 einfach in der Zelle blieb, der weiter malte, bis ihn neue Medikamente damit aufhören ließen.

Den Führer hat er gemalt und Hakenkreuze. Statt das Panoramabild zu zerlegen und es deutend aufzubereiten, stellt die Kulturambulanz nun einen Nachbau der Zelle aus. Einen dunklen Kasten in der ansonsten hellweißen Galerie. Darin liegen Taschenlampen, mit deren Lichtkegel man sich auf die Suche machen kann in Klingebiels Werk. Und scheitern, wenn sich unzählige Details zu einem übermächtigen Ornament verdichten, das höchstens noch Spuren von Bedeutung trägt. Kunst eben.

Und die kommt in dieser Ausstellung zur Entfaltung. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Allzu leicht wäre es, diese Arbeiten über den Nervenkitzel zu verkaufen, als „Freakshow der Geisteskranken“. Auch bei Klingebiel gibt es das: Ein Scherenschnitt zeigt einen emblemhaften Hirschkopf, aus dem ein Dolch ragt. Hakenkreuze sind daneben. Das grinsende Tier hat etwas Satanisches und löst unangenehme Schauer aus. Die Kulturambulanz macht daraus keinen Reibach: Selbst in der kleinen Galerie muss man noch danach suchen.

Ausstellung „Ausbruch in die Kunst“: bis zum 4. September in der Galerie im Park, Klinikum Ost