My home is my castle: auf dem Wagenplatz Rummelplatz in Friedrichshain Foto: Christian Mang

FriededenHütten!

Informelle Siedlungen Wir erleben eine Rückkehr sogenannter Slums in Europa – auch in Berlin. Doch die Politik steht dem Phänomen ratlos gegenüber. Erst vor wenigen Tagen wurde in Charlottenburg wieder ein Camp geräumt. Doch Stadtplaner sehen in den Siedlungen eine Chance. Ein Aufruf

Von Fabian Frenzel
und Niko Rollmann

Als im Sommer 2014 die so genannte „Free Cuvry“-Siedlung in Berlin-Kreuzberg mit ihren circa 120 Bewohnerinnen bundesweit Schlagzeilen machte, tauchte in den Medien mehrfach das Wort „Favela“ auf.

Dieser Begriff ist die Bezeichnung für informelle Siedlungen in Brasiliens Städten, die jenseits der Stadtplanung entstehen. Favelas werden mit Kriminalität und Drogen assoziiert, wobei diese Stigmatisierung wenig mit der Realität derartiger Siedlungen zu tun hat. Tatsächlich sind Favelas vor allem eines: arme Viertel, denen die offizielle Anerkennung versagt wird und städtische Versorgungsleistungen höchstens rudimentär zur Verfügung gestellt werden.

Auch in Berlin verfehlte die Bezeichnung der Siedlung an der Cuvrystraße als Favela ihre stigmatisierende Wirkung nicht: Berlin sah sich plötzlich mit dem Schwellenland Brasilien verglichen und reagierte mit klassischer Verdrängungspolitik: Die Brache wurde im September 2014 nach einem Brand sozusagen „durch die Hintertür“ polizeilich geräumt.

Ironischerweise trat die Stadt damit umso mehr in einen direkten Vergleich mit Brasilien: Auch dort war über Jahrzehnte hinweg die dominante Reaktion auf die Entstehung von Favelas ihre Räumung. Dabei bringt der Abriss einer informellen Siedlung wenig, wenn für die dort lebenden Menschen keine Alternativen angeboten werden: Es entsteht an anderer Stelle eine neue Favela. Brasilien hat diese Erfahrung über Jahrzehnte gemacht, nun lassen sich entsprechende Vorgänge auch in Berlin beobachten.

Überall im Stadtinneren und an der Peripherie haben sich in den letzten Jahren kleine informelle Siedlungen gebildet. Zumeist handelt es sich dabei um „Mi­krosiedlungen“, in denen vielleicht fünf, maximal zehn Personen leben. Innerhalb der letzten zwei Jahre ließen sich über 20 Siedlungen dieser Art in der Stadt zählen, die reale Zahl dürfte höher liegen.

Erst vor wenigen Tagen ist nun doch ein Zeltlager an der Heilbronner Straße vom Grundstückseigentümer geräumt worden, nachdem offenbar der Bezirk den Druck erhöht hatte. Seit April wurde diese Siedlung verstärkt in den Medien diskutiert – immer wieder war auch von Anwohnern die Rede, die sich über die hygienischen Verhältnisse im Camp beschwerten. Auch in diesem Fall ließ die Berichterstattung immer noch die Erkenntnis vermissen, dass es sich bei diesen Siedlungen nicht um singuläre Fälle handelt, sondern um eine Realität, die nicht durch Räumung aus der Welt zu schaffen ist. Ihre Zahl wird eher zunehmen. Dies ist ein interna­tio­naler Trend.

Die Stadt sollte diese Siedlungen in ihre Obhut nehmen und als Experimentierfelder betrachten, die unterstützt werden müssen

Die Siedlungen von Calais sind über einem Jahrzehnt immer wieder Gegenstand von öffentlichen Diskussionen gewesen, wurden dann wiederum über Jahre vergessen, und dienten während all dieser Zeit als Wohnraum für Menschen, die versuchen, ohne Papiere nach Großbritannien zu gelangen. In London sind Obdachlosencamps weit verbreitet, aber im öffentlichen Diskurs kaum präsent. Zeltsiedlungen finden sich in Hamburg, in Rom und in Paris sowie an den Migrationsrouten nach Europa.

In Berlin sind die Gründe für das Entstehen von informellen Siedlungen in der angespannten Wohnungslage zu suchen. Wohnraum entwickelt sich zum immer teureren Privatgut, das sich mehr und mehr Berlinerinnen kaum mehr leisten können. Eine breitere soziale Krise steckt hinter dieser Entwicklung, zu der auch die Realitäten der neoliberalen Stadtpolitik gehören, die sich aus der Daseinsfürsorge immer weiter zurückgezogen hat. Im Zuge des Flüchtlingszuzugs sollen zwar allein in diesem Jahr fast 700 Millionen Euro verbaut werden, weitgehend für Modulbauten für Flüchtlinge (MUFs). Die werden allerdings mit Baukosten von bis zu 2.000 Euro pro Quadratmeter fast so teuer wie Luxuswohnungen. Vor allem aber ist in der Senatsbauverwaltung offenbar bislang niemand auf die Idee gekommen, mit den zukünftigen Bewohnerinnen der MUFs in einen Dialog zu treten.

Die Zwischenbilanz lautet: Der Staat ist – vor allem dort, wo sich der Druck auf den Wohnungsmarkt durch den Zuzug von Flüchtlingen weiter verschärft – momentan nicht in der Lage, die Städte mit Wohnraum zu versorgen. In Berlin manifestiert sich diese Krise in verschiedensten Formen: Neben den sich ausbreitenden „Mikrosiedlungen“ sind es auch die mit Flüchtlingen überfüllten Turnhallen sowie eine steigende Anzahl einzelner Obdachloser, die unter Bahnbrücken schlafen.

Ist unter diesen Umständen vielleicht nicht ein „rethink“ der Situation angebracht? Man darf die Not von Menschen, die sich informell ihren eigenen Wohnraum in der Stadt erschaffen müssen, nicht idealisieren. Dennoch sollten wir in Erwägung ziehen, dass die Zeltstädte, Favelas und Slums nicht nur Probleme darstellen, sondern auch Lösungen aufzeigen könnten.

Damit stehen wir einerseits in einer breiten, durch Stadtplaner und Architekten seit Jahren formulierten Tradition, die sich der Erforschung und Anerkennung informeller Siedlungen widmet. So verstehen zum Beispiel die Stadtplaner des indischen Architektenkollektivs Urbz die informellen Siedlungen von Städten wie Mumbai und São Paulo als „user-generated cities“, in denen Bewohnerinnen ihre Bedürfnisse als Stadtbewohner selber in die Rea­lität umsetzen.

Insbesondere in Zeiten massiven Zuzugs in die Städte stellt Informalität auch eine Art Ankunftspunkt dar, eine niedrige Einstiegschwelle, wie derzeit auch der deutsche Beitrag zur Architektur-Biennale in Venedig unter Bezug auf das Buch „Ankunftsstädte“ von Doug Saunders diskutiert. Auch hier lautet der Ruf: „Ghetto, na und?“

In den USA haben Stadtforscher und Urbanisten den Begriff des „Tent City Urbanism“ geprägt. Dieser Ansatz, der Teils durch die Erfahrungen der Occupy-Bewegung inspiriert wurde, versucht die seit der Finanzkrise überall in den USA entstandenen Zeltstädte von Obdachlosen in selbst gestaltete und selbst verwaltete Siedlungen zu verwandeln. Der Ansatz beginnt mit dem Versuch, die entstandenen Siedlungen besser zu verstehen, und ihre Bewohnerinnen in die Planung mit einzubeziehen. Wichtige Schritte sind die Legalisierung oder zumindest Duldung. Auch die informellen Strukturen sollten stabilisiert werden, zum Beispiel, indem sanitäre Einrichtungen, Strom und Heizungen zur Verfügung gestellt werden.

Idyllisch: die Hütte einer Bewohnerin aus Italien im Sommer 2014 auf der Cuvry-Brache in Berlin Foto: Christian Mang

Der Tent City Urbanism geht sogar noch weiter: Als Nächstes werden Versuche gemacht, die so stabilisierten Siedlungen weiter aufzuwerten, zum Beispiel in dem BewohnerInnen sich mit Hilfe des städtischen Autoritäten selber sogenannte tiny houses bauen können: kleine, kostengünstige und mobile Häuser, die die Zelte ersetzen. In Seattle und in Portland im Westen der USA haben progressive Stadtverwaltungen sich auf diese Vorschläge eingelassen. Inzwischen ist diese Idee auch in Großbritannien aufgegriffen worden. Im Projekt „Proto­home“ in Newcastle bauen derzeit mit Unterstützung des Stadtrats Obdachlose tiny houses selbst.

Die Herausforderungen indischer oder amerikanischer Großstädte sind nicht mit denen Berlins vergleichbar. Während die Beispiele aus anderen Ländern wichtige Inspiration sein können, so ist zugleich auch klar, dass Antworten und Lösungen lokal gefunden werden müssen. Dennoch ist es wichtig, gerade in der Berliner Verwaltung, auf den entscheidenden Faktor hinzuweisen, der die Fallbeispiele verbindet: Informalität ist gekoppelt an Autonomie. Die Menschen, die sich formellen Wohnraum nicht leisten können, schaffen sich eigene Lösungen. Sie verwirklichen so ihr „Recht auf Stadt“, bauen eine unmittelbar an ihren Bedürfnissen ausgerichtete Infrastruktur auf und sind dort auch besser geschützt als auf der Straße oder in überfüllten Notunterkünften: Und diese Autonomie sollte die staatliche Daseinsfürsorge fördern.

Dies scheint den Berliner Behörden eher fernzuliegen. Dabei zeigt sich Berlin insbesondere die Stärke von informellen Strukturen und der mit ihr gekoppelten Autonomie in Hunderten von Bespielen. Hier existieren seit Jahrzehnten diverse Wagenburgen, Hüttendörfer, Zeltsiedlungen und andere alternative Wohnprojekte. Auch in der bis in die 1970er zurückreichenden Geschichte der Berliner Hausbesetzungen zeigt sich die reale Bedeutung von Informalität für die Entstehung lebhafter und lebenswerter Städte. In den besten Jahren städtischer Wohnungspolitik wurden besetzte Häuser gefördert.

Und selbst die „Free Cuvry“-Siedlung trug trotz zahlreicher Probleme im Kern die Elemente einer selbst gestalteten Siedlung in sich. Mit Hilfe kleiner finanzieller Mittel hätten die Strukturen auf dem Platz entscheidend verbessert und das Leben dort stabiler gestaltet werden können. Daran arbeiteten Bewohnerinnen und Nachbarinnen in gemeinsamen Treffen über den Sommer 2014. Die Räumung der Siedlung im September 2014 beendete diesen Versuch.

Das Areal liegt nun seit mehr als anderthalb Jahren wieder brach, und die Besitzerinnen sind sich offensichtlich unschlüssig, was sie überhaupt mit dem Gelände anfangen wollen. Vielleicht sollte man die Besitzer an §3 GG erinnern: Eigentum verpflichtet. Die Stadt sollte erwägen, leer stehende Flächen wie die Cuvry-Brache in ihre Obhut zu nehmen und als Experimentierfelder zu betrachten, die unterstützt werden müssen.

Jeder hilft jedem: Bike-Workshop in der Kreuzberger Wagenburg Schwarzer Kanal Foto: Gordon Welters

Dabei geht es nicht darum, zu behaupten, dass das „Neue Informelle Wohnen“ ein Allheilmittel gegen die Wohnungsnot in ihren verschiedensten Formen sein könnte. So ist zu bedenken, dass bei derartigen Siedlungen der Flächenverbrauch relativ hoch ist. Zudem sind solche Siedlungen für junge, in kleinen Verbänden lebende Menschen besser geeignet als für Großfamilien in konservativ ausgerichteten Gesellschaften. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse an Wohnraum, bedingt durch kulturelle, soziale und andere Spezifika. Gerade deshalb sollten solche Siedlungen von Anfang an aktiv gesteuert werden, damit sie nicht „kippen“ und sich in stigmatisierte „Ghettos“ verwandeln.

Dabei ist Steuerung unbedingt demokratisch zu verstehen: Die Bewohnerinnen brauchen ein festes Regelwerk, um Probleme zu lösen, Konflikte friedlich beizulegen und mit problematischen Bewohnern umzugehen. Die Repräsentanten der Behörden müssen vor Ort sein und sowohl kooperativ als auch flexibel die Rolle von Ansprechpartnern und kreativ denkenden Problemlösern übernehmen. Zugleich sollten engagierte Anwohner so in den Prozess eingebunden werden, dass sie nicht nur die „Gebenden“ sind, sondern die Siedlung als einen Mehrwert für sich erleben, zum Beispiel durch gemeinsames Urban Gardening.

Der Gedanke des „Neuen Informellen Wohnens“ stellt einen Tabubruch dar: Er bedeutet eine „Deregulierung auf der untersten Ebene“ und läuft Gefahr, als neoliberales Projekt missverstanden zu werden. Er bedeutet eine Abkehr von Bauvorschriften und der Illusion, dass der Staat in diesem Bereich alles unter Kontrolle haben kann. Zugleich wird das Konzept sich gegen in der Bevölkerung weit verbreitete Vorurteile durchsetzen müssen: Einer der häufigsten Vorwürfe ist, dass derartige Siedlungen menschenunwürdig seien. Die Tatsache, dass informelle Wohnformen auch Orte selbst gestalteten Lebens sein können, ist in den Köpfen vieler Menschen offenbar noch nicht angekommen.

Warum nicht einen Versuch wagen, das „Neue Informelle Wohnen“ als eine Möglichkeit zur Linderung der Wohnraumkrise auszuprobieren? Es würde schon reichen, zehn informelle Siedlungen systematisch zu untersuchen und daraus das Modell einer idealtypischen, weitgehend selbst verwalteten informellen Siedlung zu erstellen. Sie könnte sehr schnell erbaut und „ausprobiert“ werden. Die Erfahrung mit informellen Siedlungen in Berlin würde es ratsam machen, diese Siedlung für 30 Bewohner zu gestalten und den zeitlichen Rahmen auf sechs Monate zu begrenzen.

Egal, was dabei herauskäme: Angesichts der aktuellen Wohnraumkrise gibt es nicht viel zu verlieren.

Fabian Frenzel forscht und lehrt an der University of Leicester, U.K., in den Bereichen Politik, Mobilität und Organisation. Sein jüngstes Buch „Slumming It. The Tourist Valorisation of Urban Poverty“ erschien im Juli 2016.

Niko Rollmann ist Historiker und Sachbuchautor. Momentan schreibt er an einem Buch über die 2014 geräumte „Free Cuvry“-Siedlung in Kreuzberg, das im Herbst erscheinen soll.