Streit um Aleviten-Mahnmal

Kein Platz fürs Gedenken?

Die Dersim-Kulturgemeinde will ein Denkmal für die 1937/38 ermordeten Aleviten errichten. Widerstand kommt von der Türkischen Gemeinde.

Türkische Soldaten mit Gefangenen in Dersim (1938) Foto: Wikipedia

Dass sich in einer Stadt wie Berlin Konflikte ergeben können, wenn unterschiedliche Perspektiven auf eine schmerzliche Vergangenheit prallen, ist gerade in Friedrichshain-Kreuzberg zu erleben. Hier entbrannte Ende letzten Jahres eine Diskussion über ein Denkmal für die in den Jahren 1937/38 ermordeten za­zaischen und kurdischen Aleviten in der ostanatolischen Provinz Dersim (siehe Infokasten).

Kemal Karabulut, der Vorsitzende der Dersim-Kulturgemeinde Berlin, trat damals mit einem lange gehegten Wunsch seiner Gemeinde an Bezirkspolitiker heran. „Die Dersimer sehnen sich nach einem Ort, an dem sie um ihre getöteten Großväter und -mütter trauern können“, sagt Karabulut. Der Bezirk berät seitdem, ob und wie er das Projekt verwirklichen kann.

Massaker oder Genozid?

Widerstand dagegen kam unter anderem von der Türkischen Gemeinde zu Berlin (TGB). „Die Dersim-Gemeinde kann gerne in ihren eigenen Vereinsräumen eine Gedenktafel aufstellen“, sagt ihr Sprecher Bekir Yilmaz. Er regt sich viel mehr über die Bezirkspolitiker auf. Diese mischten sich zu sehr in Angelegenheiten ein, über die sie sich kein Urteil erlauben könnten. „Damit stößt der Bezirk einen Teil der Bevölkerung vor den Kopf“, gab die Türkische Gemeinde Ende Juni zu bedenken.

Gemeint sind 76 Berliner Vereine mit rund 100.000 Mitgliedern, die die TGB nach eigenen Angaben repräsentiert. Der Bezirk solle sich nach ihrer Ansicht besser beispielsweise um die „Eindämmung der Gewalt“ rund um das Kottbusser Tor in Kreuzberg kümmern.

Umstritten ist vor allem, wie die Ereignisse in den Jahren 1937/38 zu bewerten sind: Handelt es sich dabei um ein Massaker oder um einen von der damaligen türkischen Regierung organisierten Genozid? „Der Bezirk ist mit diesen Fragen überfordert“, glaubt Timur Husein. Der wissenschaftliche Referent für Verfassungsschutz der CDU-Fraktion hat noch ganz andere Bedenken: „Den Anfang macht vielleicht die Dersim-Gemeinde. Andere Opfergruppen wie Bosnier oder Tschetschenen könnten mit Forderungen folgen. Ich will keine Diskussion über Weltpolitik im Bezirk“, sagt Husein, der auch CDU-Kandidat in Friedrichshain-Kreuzberg für die Abgeordnetenhauswahl ist.

Reza Amiri von der Linken hält dagegen: Bisher habe nur die Dersim-Gemeinde einen Antrag an den Bezirk gestellt. Alle Fraktionen bis auf die CDU unterstützen ihn. Ende Juli erklärten sie in einem offenen Brief, dass der TGB so tue, „als gingen diese Massaker die in unserem Bezirk und in Berlin lebende Bevölkerung nichts an“.

Timur Husein, CDU F’hain-Kreuzberg

„Ich will keine Diskussion über Welt­politik im Bezirk“

Kemal Karabulut spricht von rund 40.000 Dersimern allein in Berlin. „Es gibt kaum eine Familie, die nicht Verluste aus den Jahren 1937/38 zu beklagen hat“, sagt er. Die Haltung der TGB sei typisch für Leugner historischer Tatsachen in der Türkei.

„Am Beispiel der Dersim-Gemeinde sieht man, was sich hierzulande gerade verändert: Die Erinnerungs- und Gedenkkultur in Deutschland wird um die Erinnerung der Zugewanderten erweitert“, stellt Aleida Assmann fest. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit Erinnerungskultur, auch mit Blick auf die Einwanderungsgesellschaft. „Es gibt ein Menschenrecht auf Erinnerung“, sagt Assmann. „Es kommt nur darauf an, wie Menschen sie inszenieren.“

Ein Wort: Tertele

Handelt es sich zum Beispiel bei erlebten Gräueltaten um ein Genozid, fühlten sich die Opfer oder ihre Nachfahren als Teil einer exklusiven Gruppe? Die Folge könne Abschottung sein, meint Assmann. Der Begriff „Genozid“ werde allerdings inflationär gebraucht. Für Karabulut indes steht fest: „Es war ein Genozid.“ Die Dersimer haben dafür ein Wort: Tertele.

Das Denkmal der Dersim-Gemeinde wäre allerdings kein ­Novum. Schon seit Mitte April dieses Jahres steht vor der St.-Hedwigs-Kathedrale in Mitte ein Kreuzstein zum Gedenken an die ­Opfer des Genozids an den Armeniern im Jahre 1915. Und seit Anfang der 90er Jahre erinnert eine Gedenkstele am Kottbusser Tor an den 1980 von türkischen Faschisten ermordeten Kommunisten Celalettin Kesim.

Expertin Assmann beobachtet, welch große Wirkung eine symbolische Geste haben kann: „Sie kann die Isolation der Opfer und ihrer Nachkommen durchbrechen.“ Ein Denkmal wäre eine solche Geste.

Dessen Befürworter planen nun zunächst ein Kolloquium, das frühestens im November stattfinden wird: „Erinnerungskultur in der Migrationsgesellschaft am Beispiel der Dersim-Gemeinde“.

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