Geflüchteter über sein App-Projekt

„Immer das passende Formular“

Ghaith Zamrik entwickelt mit Freunden eine App, die Neuankömmlingen in Deutschland helfen soll – und trifft dabei selbst auf Probleme.

Zu sehen ist ein grüner Waldabschnitt.

Ein Formularwald namens Deutschland Foto: imago/blickwinkel

taz: Wenn du ein Wort in der deutschen Sprache aussortieren könntest, welches wäre das?

Ghaith Zamrik: Versicherungsnummer…Rentenversicherungsnummer! Das sollte ich für einen Freund übersetzen und jedes mal als ich das beim Amt sagen musste, konnte ich es nicht aussprechen. Es gibt andere, die mir aber natürlich gerade nicht einfallen (lacht).

Du entwickelst mit Freunden gerade die App „Bureaucrazy“. Ist die genau für solche Situationen gedacht?

Genau. Wir sind sechs Leute aus Syrien, die vor kurzem nach Deutschland gekommen sind. Der Hauptvorteil unserer App ist aber nicht nur die Übersetzung, sondern dass sie Ankommende informiert, was als nächstes zu tun ist.

Wie funktioniert das genau?

Ein Beispiel: Jemand kommt neu nach Deutschland und möchte hier wohnen, weiß aber nicht, was man dazu benötigt. Dann sagt die App: Zuerst musst du registriert sein – dafür hat die App dann das passende Formular. Zudem braucht man ein Bankkonto – dann sagt einem die App, wo die nächste Bank ist und so weiter. Derzeit haben wir einen ersten Prototypen der App, der auf deutsch, englisch und arabisch funktioniert. Die Idee ist die: Menschen geben ihre Daten zentral ein, die App übersetzt sie ins Deutsche und fügt sie in die Dokumente ein.

Ist es schwierig, an die Dokumente zu kommen?

Die Dokumente kriegen wir derzeit noch von den Websiten der Ämter. Das größte Problem ist, dass die PDFs nicht automatisch ausgefüllt werden können – dafür bräuchten wir den Source Code der PDF.

19, hatte bis zu seiner Abreise aus Damaskus, Syrien, nichts mit Programmiersprachen zu tun. Informationen über das Projekt seiner Gruppe gibt es auf deren Facebookseite.

Ist euch die Verwaltungsseite dabei behilflich?

Bisher noch nicht. Jemand aus unserer Programmiergruppe kennt jemanden, der bei der SPD arbeitet. Er versucht uns zu helfen – hat aber gesagt, dass wir nicht zu viel erwarten sollen, zum Beispiel aus Datenschutzgründen. Eine andere Möglichkeit wäre, die PDFs nachzubauen, aber das kostet zu viel Zeit.

Du sprichst den Datenschutz an. Inwiefern stellt der eine Herausforderung dar?

Da wir dort keine Expertise haben, werden wir auf jeden Fall externe Hilfe brauchen. Wir versuchen gerade herauszufinden, wen wir involvieren müssen – einige Leute waren schon so nett und haben ihre Hilfe angeboten.

Ab Januar wollt ihr die App zum Download anbieten. Was sind andere Hürden, die euch bis dahin im Weg stehen?

Zeit ist derzeit der größte Faktor. Nach einigen Medienberichten erwarten die Leute jetzt eine perfekte App, aber wir haben mit dem Programmieren ja erst vor drei Monaten begonnen. Zur Finanzierung haben wir gerade gestern ein Crowdfunding auf betterplace.org gestartet. Wir brauchen finanzielle Unterstützung. Gestern ist zum Beispiel mein Laptop für 15 Minuten eingefroren und ich konnte nicht weiterarbeiten. Trotzdem möchten wir natürlich unabhängig sein.

Wie kam euch die Idee zu „Bureaucrazy“?

Das war am ersten Tag in der ReDi School (Die ReDi School of Digital Integration gGmbH ist eine Codier-Schule für Geflüchtete, Anm. d. Red.), im Februar. Bei einem Brainstorming sind uns zwei Probleme aufgefallen: Die Sprache und die Bürokratie. Also haben wir begonnen, an der Bürokratie zu arbeiten, weil es für Sprache an sich schon viele Apps gibt. In der ReDi School haben wir eine Mentorin, dir wir fragen können und die uns neue Konzepte erklärt. Wir haben alle erst hier in Deutschland mit dem codieren begonnen und dann erstmal die Grundkonzepte vom Codieren und Programmieren gelernt. Anfang April haben wir begonnen, an der App zu arbeiten. Derzeit sind wir viel mit Deutschkursen beschäftigt, aber versuchen, weiter an der App weiter zu arbeiten.

Findest du es wichtig, dass Geflüchtete bei den Lösungsansätzen zu den Problemen, die sie betreffen, involviert werden?

Ich finde das sehr wichtig. Geflüchtete stehen einerseits vor den gleichen Herausforderungen, wie andere Migranten, zum Beispiel innereuropäische. Auf der anderen Seite gibt es aber viele Bereiche, die nur die Gruppe der Geflüchteten betrifft. Wir wissen nicht über alles Bescheid, kennen aber die Probleme gut, vor denen wir selbst standen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben