Kolumne Geht's noch?

Infame Methoden

Kanadas Premierminister Trudeau gilt als Posterboy und Welthoffnungsträger in einem. Dabei kann er sein wahres Gesicht einfach nur gut verbergen.

Premierminister Trudeau mit einer Regenbogenfahne mit Ahornblatt

Alle lieben Justin – und Justin liebt alle. Fast alle Foto: ap

Bislang fand das Weltsozialforum stets in Schwellen- oder Entwicklungsländern statt. Doch 2016 wird die am Sonntag zu Ende gehende Veranstaltung von Montréal, der lässigen québecischen … québecoisen … also der Metropole von Dings beherbergt, von Kwebeck.

Premierminister des Gastgeberlandes ist ein gewisser Justin Trudeau. Genau. Der Trudeau: Posterboy, Frauenschwarm, coole Socke und Welthoffnungsträger in einem. Auf der Gay-Pride in Toronto begrüßte er vor laufenden Kameras jeden Teilnehmer einzeln mit langen Zungenküssen. Er treibt Yoga und kann ohne Stützräder Fahrrad fahren, wobei er in einem fort Biogras kifft. In seinem Kabinett herrscht Geschlechterparität – seine Begründung: „Because it's 2015.“

„So einen Präsidenten wollen wir auch haben“, jubelte die Brigitte und im Subtext: „Und nicht so eine Mischung aus Bernd das Brot, Martin Luther und Egon Krenz.“ Um so mehr, da Trudeau nicht nur ein Softie sein soll, nein, er boxt, hat den Bizeps tätowiert und soll früher mal als Türsteher gearbeitet haben.

Als Türsteher? Ein megametrosexueller Mann, der auf der Skala von ganz weich bis ganz hart angeblich jede Facette bedient, das eiertragende Wollmilchschwein? No way. Das existiert nur als unerfüllbares Anforderungsprofil in den Kontaktanzeigen suchender Damen. Als Türsteher einer Stoffhäschenklinik vielleicht. Oder die weiche Seite seines Images ist erfunden.

Afrikaner und Asiaten müssen draußen bleiben

Denn eine überaus restriktive Handhabung bei der Visavergabe verhinderte die Einreise hunderter, teils hochprominenter Teilnehmer, insbesondere aus Asien und Afrika. Schließlich weiß man ja, dass der Afrikaner uns die Häppchen wegfrisst. So spottete schließlich Fatouma Chérif von der westafrikanischen Frauenrechts-Gruppe WOPOD: „Ich sehe hier nicht viele Afrikaner.“

Und viele kanadische Ureinwohner ebenfalls nicht. Bei seiner Amtsübernahme hatte Trudeau noch langfristig eine Verbesserung ihrer Lebensumstände versprochen. Wohl gar zu langfristig, um die kürzliche Selbstmordwelle im subarktischen Attawapiskat zu verhindern, auf der zahlreiche jugendliche Aborigines aus der Hölle aus Dunkelheit, Armut und Chancenlosigkeit hinüber in die ewigen Jagdgründe surften, während im fernen Ottawa Häuptling Feuchte-Höschen-wie-Sterne-am-Himmel Wattebäuschchen aus seinem Glaspalast blies. Und schon hat das Weltsozialforum wieder ein passendes Thema mehr.

Die Angst kann sie jederzeit einholen. In der U-Bahn, am Schreibtisch, im Café. Wie unsere Autorin lernte, ihre Angst zu lieben, lesen Sie in der taz.am wochenende vom 13./14. August 2016. Außerdem: Um Bio-Eier möglichst günstig zu produzieren, nutzen einige HalterInnen alle Grauzonen der EU-Richtlinien. Wie viel bio steckt im Öko-Ei? Und: Die Türkei zwischen "Säuberung" und Märtyrerverehrung. Pınar Öğünç über eine Gesellschaft, in der sich eine Hexenjagd-Atmosphäre einzurichten scheint. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

„Das bestätigt die Erfahrung, dass auch sogenannte liberale Politiker keine Garantie für Weltoffenheit und Freizügigkeit sind“, nennt Hugo Braun von Attac das Kind beim Namen. Jetzt erst zeigt Trudeau uns sein wahres Gesicht. Das ist weit infamer als Putin und Erdoğan, zwei ehrliche Arschlöcher mit offenem Visier. Wer mit nacktem Oberkörper im Jagdbomber junge Pinguine auf ihrem Flug ins Sommerquartier begleitet, von dem weiß der Bürger, der Journalist, der Oppositionspolitiker auf Anhieb: Obacht – mit diesem Burschen ist nicht zu spaßen.

Viel unberechenbarer erscheint da dieses Hintenrum. Und Hand aufs Herz: Liberale Politiker, Diktatoren, Markgrafen sind letztlich alle doch nur verschiedene Saiten ein und derselben Arschgeige, Nuancen in der Anlaufstärke, mit welcher der Tritt in den Arsch der Unterprivilegierten ausgeführt wird.

Yoga ist durchaus eine feine Sache, kann aber Politik nie eins zu eins ersetzen. Daran sollten wir in Zukunft denken. Because it's fünf nach zwölf.

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