Hausbesuch Losang Kyabchok hieß mal anders und war früher Schauspieler. Heute ist er Mönch in dem buddhistischen Kloster von Päwesin – weltfern, mitten in Brandenburg

In Buddhas Backshop

Der Weg zum Kloster

Von Luciana Ferrando
(Text)und Amélie Losier (Fotos)

Zu Besuch im buddhistischen Kloster Ganden Tashi Choeling in der Gemeinde Päwesin, westliches Brandenburg.

Draußen: Kopfsteinpflaster und rote Straßenlaternen. Kirchturm, Kirchplatz, Brandenburger Leere. Das Dorfleben konzentriert sich in der Bäckerei Backwahn, die dem Kloster Ganden Tashi Choeling gehört. Autos parken vor der Tür. Aus dem Laden kommen Menschen mit Brötchen in Tüten. Andere stehen für ein paar Stückchen Kuchen an oder trinken Kaffee unter roten Sonnenschirmen. An der Tür hängen Plakate für Meditationskurse und Werbung für den Friseursalon Hairstyle & Wellness. Einige Meter weiter steht seit dem Jahr 2003 das Kloster in einem renovierten Gutshaus. Tibetische Flaggen flattern über dem Holztor.

Drinnen: Ein buddhistischer Bibliotheksraum mit – größtenteils selbst verlegten – Büchern. Ein Mandala auf dem Dach, schwarze Ledercouchen und ein Flachbildschirm. „Nicht für die ,Tagesschau‘ oder den ,Tatort‘, nur für Workshops“, sagt Mönch Losang Kyabchok. Der Altarraum, der für Gebete, Zeremonien und die Lehre dient, ist still, es riecht nach süßen Räucherstäbchen. Rot und Gelb überwiegen, die Farben stehen für Mitgefühl und Weißheit. Die Sitzkissen auf dem Boden sind unterteilt: links für Mönche, rechts für Nonnen. Alles im Raum symbolisiert etwas: Siegesbanner für erreichte Ziele, ein Plüschtiger als Schutztier des Thrones. Weil eine Frau das Kloster leitet, sind mehrarmige und mehräugige reitende und tanzende Göttinnen an den Wänden des Altarraums zu sehen. Eine von ihnen trägt eine Krone aus Schlangenköpfen, eine andere einen Totenschädel als Halskette.

Mönch Losang Kyabchok – „erhabener Beschützer“ heißt das – im Päwesiner Kloster

Angst vor Männern mit langen Röcken: Gäste aus aller Welt kommen zu buddhistischen Festen mitten in Brandenburg. Das harmonische Zusammenleben war in der knapp 500 Einwohner kleinen Gemeinde nicht immer selbstverständlich. „Mit Blumensträußen haben die Menschen nicht auf uns gewartet. Sie waren skeptisch“, sagt Kyabchok. „Da die meisten nichts über Buddhismus wussten, verstanden sie nicht, was wir vorhatten“. Eine Nachbarin habe im Fernsehen gesagt, sie traue sich nicht mehr abends alleine vor die Tür. „Wegen denen mit den langen Röcken“, sagt er und lacht. „Auch wenn wir Deutsche sind, wurden wir wie Ausländer behandelt.“

Gut integrierte Nonnen und Mönche: „Es gab eine große Transformation im Dorf“, erzählt Kyabchok, „Sympathisanten und Vertrauen haben wir schließlich nach 13 Jahren gewonnen.“ Jemand spendete den Friseursalon, der Backshop ist für PäwesinerInnen ein Treffpunkt. Nach harter Arbeit gelingt Nonnen und Mönchen die Integration. Vier Jahre investierten sie, um „den Urwald“, den sie im Jahr 2003 hinter dem Haus fanden, in einen buddhistischen Garten zu verwandeln. Heute sind alle stolz darauf.

Von einem, der zum Buddhismus fand: 25 Hunde, zwei Ponys und 32 Nonnen und Mönche wohnen im Kloster. Dazu zählen LaienbuddhistInnen, SymphatisantInnen und Menschen, die Arbeitsurlaub machen, um das Leben im Kloster zu erfahren. Die Mönche und Nonnen, zwischen 20 und 70 Jahren, aus ganz Deutschland arbeiteten früher als BaumeisterInnen, RechtsanwältInnen, FußpflegerInnen, SchauspielerInnen. So wie Losang Kyabchok, der im sächsischen Meerane geboren ist und in Rostock Theater studierte. Fünf Jahre stand der 46-Jährige auf verschiedenen Bühnen und spielte auch Trompete und Klavier. Vor 20 Jahren hörte er mit allem auf („Karriere, Familie und Freunde brauchen Aufmerksamkeit und sind Hindernisse für ein religiöses Leben“). Er wollte Mönch werden. „Ich hatte alles, um glücklich zu sein, ich sah glücklich aus, aber ich war es nicht. Plötzlich war mir klar: Ich suchte dauerhaftes Glück.“ Ein meditierender Freund war seine erste Inspiration. „Es hat mich fasziniert, wie gefasst und reflektiert er war. Seine Gelassenheit und Kontrolle wollte ich erreichen“, sagt Kyabchok. Seinen westlichen Namen gab er auf. „Als buddhistischer Mönch kriegt man eine neue Äußerlichkeit, einen neuen Namen und eine neue Identität.“

Der Blick ins Grüne

Wie Sportler: Von seinem alten Leben vermisse Kyabchok nichts. Mönch zu werden war für ihn kein Opfer, sondern „bewusste Wahl, um mich fern von Leid zu halten“. Gebet und Meditation, Putzplan und Haushalt, sich um Tiere kümmern, den Garten pflegen und zusammen essen gehören zum Alltag. Kyabchok findet das gut so, Strukturen und Disziplin seien wesentlich. Er vergleicht seinen Tagesablauf mit dem eines Sportlers („Wenn ein Sportler fit sein und vielleicht auch gewinnen will, macht er keine Party bis zum Morgengrauen, er trinkt keinen Alkohol, er trainiert“).

Liebe ja, Sex nein: Im Buddhismus leben Mönche und Nonnen wie in vielen Religionen im Zölibat. Aber, „klar können Mönche und Nonnen Liebe empfinden“, sagt Kyabchok. Sex, heiraten, Kinder kriegen aber sind LaienbuddhistInnen vorbehalten. Kyabchok findet das problematisch. „Es kann schön sein, wenn es funktioniert, dauerhaft ist das doch nicht.“ Bei den Beziehungsdramen in seiner Familie hatte er erlebt, wie Menschen sich gegenseitig verletzen. Er findet es merkwürdig, Intimes zu thematisieren („Wie es so mit dem Partner oder mit der Partnerin läuft, würde ich Fremde nie fragen“).

Mittagessen: Nur einmal klingelt das Glöckchen. Mittagszeit, aus allen Richtungen strömen Menschen in den Speisesaal. „Om Ah Hum. Dem unbesiegbaren Lehrer Buddha, dem kostbaren Juwel“, singen sie, während sie sich mit kurzen Schritten zur Ausgabe bewegen. Kyabchok stellt sich an und singt laut mit. Es gibt Kartoffelsuppe mit Würstchen, Brot, Butter und Kompott. Einige essen schweigsam, andere reden und lachen. Hunde laufen herum. Die meisten im Raum tragen das typische rot-orange Gewand und sind barfuß, doch manche haben T-Shirts des Backwahn-Backshops oder Arbeitskleidung an – es wird gerade umgebaut. „Alles, was wir machen können, machen wir gerne selbst“, sagt Kyabchok. Das Glöckchen klingelt wieder, die Essenszeit ist zu Ende, die Routine im Kloster geht wieder weiter.

Urlaub vom Urlaub: Losang Kyabchok übernimmt im Kloster die Pressearbeit, erzählt Schulklassen und Besuchern vom Buddhismus. Er ist Teil der Gruppe United Peace Artists. Einmal im Jahr führen sie die Botschaft Buddhas in Form eines Buddhistischen Musicals auf. Fast 600 Zuschauer schauten sich das Stück im Jahr 2015 an. „Seit ich Mönch bin, bin ich sehr aktiv. Ich warte nicht nur auf die Erleuchtung, sondern habe meinen Führerschein gemacht, bin in Indien gepilgert.“ Jeder Tag sei für ihn wie Urlaub. „Wenn die Leute wissen wollen, ob wir nie Urlaub nehmen, frage ich ‚Urlaub von was? Urlaub vom Urlaub?‘“