Der Wasserstoff-Arier

Verkleidet als Tiroler Bergbauer feierte der Berliner Jude Leo Reuss auf der Flucht vor den Nazis Theatererfolge. Leider verschwindet seine packende Geschichte in Gwendolyn von Ambessers Biografie fast in einer Fakten- und Satzflut

Das Wiener Publikum konnte 1936 im Theater in der Josefsstadt ein Naturgenie bewundern. Der Bauer Kaspar Brandhofer feierte als Herr von Dorsday in Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ seinen Durchbruch als Schauspieler. Die Nazipresse schwärmte vom „Erdgeruch des Echten“, den der blonde, kernige Arier in das „verlogene Machwerk“ des Juden Schnitzler bringe.

Bei Kaspar Brandhofer handelte es sich in Wahrheit um den jüdischen Schauspieler Leo Reuss. Dieser war 1935 vor den Nazis nach Wien geflohen, hatte dort aber kein Engagement gefunden. Aus Verzweiflung verkleidete er sich als Tiroler Bergbauer und bewarb sich am Theater.

Die Schauspielerin und Regisseurin Gwendolyn von Ambesser hat Leo Reuss eine Biografie gewidmet, die jetzt unter dem Titel „Die Ratten betreten das sinkende Schiff“ erschienen ist. Darin erfährt man zunächst, wie Leo Reuss in den Zwanziger- und Dreißigerjahren zusammen mit seiner Geliebten, der berühmten Schauspielerin Agnes Straub, das Theaterleben Berlins prägt. Mit ihr tritt er im Volkstheater und im Theater am Schiffbauerdamm auf und leitet bis zu seiner Flucht vor den Nazis das Agnes-Straub-Theater.

Am meisten interessiert sich von Ambesser jedoch für Leo Reuss’ Wiener Zeit und seine Metamorphose in den Bauern Brandhofer. Sie schildert, wie Reuss seine Mimik, Gestik und Körperhaltung ändert und sich den Tiroler Dialekt aneignet. Um seine Körperbehaarung blond zu färben, badet er alle zehn Tage in verdünntem Wasserstoff. Als er dann im Theater vorspricht, sitzt die Rolle perfekt. Man fordert ihn auf, einen Monolog zu sprechen, aber Brandhofer alias Reuss stellt sich dumm: Er wisse nicht, was ein Monolog sei. Als die Theatermacher ihn aufklären, antwortet er: „A ja, ich versteh’ schon, eine Zwiesprach’ mit mei’m Herrgott“.

Trotz Reuss’ perfekter Verkleidung fliegt kurz nach der „Fräulein Else“-Premiere der Schwindel auf: Berliner Schauspielerkollegen erkennen ihn, und bald weiß auch der Intendant, wer hinter Kaspar Brandhofer steckt. Reuss wandert nach Amerika aus. Dort muss er, um überleben zu können, in drittklassigen Kriegsfilmen Nazis spielen.

Ein an Irrungen und Wirrungen derart reiches Leben ist für Biografen ein dankbarer Stoff. Nicht nur, weil die Wiener Köpenickiade des Leo Reuss so unglaublich wie unterhaltsam ist, sondern weil seine gesamte Lebensgeschichte beispielhaft ist – für die Nöte und Leiden vieler jüdischer Emigranten seiner Zeit. Beispielhaft aber auch für die wachsende antisemitische Stimmung in Österreich drei Jahre vor dem „Anschluss“.

Aber was ist es für eine Biografie geworden: Auf 270 Seiten prasseln Fakten über Fakten auf den Leser nieder, bis dieser hilflos in der Informationsflut ertrinkt. Gwendolyn von Ambesser gelingt es nicht, ihr detailliertes Wissen für den Leser zu strukturieren. Hinzu kommt, dass sie sich in platten Lebensweisheiten verliert, die zum Verständnis der Geschichte nichts beitragen. So spekuliert sie über die Reuss’schen Liebhaberqualitäten und sein Verhältnis zu Frauen: „Erotisch begabte Frauen spüren so etwas schon beim ersten Ansehen, schon bevor sie den betreffenden Mann kennen gelernt haben. Woran sie das erkennen, wissen sie selbst nicht genau.“

Auf beinahe jeder Seite springen einen durch mehrzeilige Klammern hochgezüchtete Satzmonstren an, die man selbst mittels wiederholter Lektüre nicht zu bezwingen vermag. Konzise Darstellung ist von Ambessers Sache nicht. Die Tochter des Schauspielers Axel von Ambesser kennt sich gut, zu gut in der Theatergeschichte aus. Ständig versucht sie mit Insider-Wissen zu brillieren, merkt aber nicht, dass so der Lesefluss seine Mündung nie erreicht.

Zum Ärgernis wird die Lektüre dann, wenn von Ambesser erst über die Rassen-Ideologien der Nazis schimpft und dann den jungen blonden Schauspieler Wolfgang Büttner als arisch bezeichnet. Leo Reuss hätte eine bessere Biografie verdient.