Umgang mit Breaking News

„Mut zur Langsamkeit“

Terror, Amok – wie geht man in Zeiten von Social Media mit Nachrichten um? Drei PlanerInnen von der „Tagesschau“ erzählen.

Polizisten und Polizistinnen in Schutzkleidung und mit Waffen sehen aufgeregt in verschiedene Richtungen

Amoklauf in München. Die TagesschauplanerInnen wollen erst wissen, was genau auf den Bildern zu sehen ist Foto: imago / sebastian widmann

taz.am wochenende: Herr Gniffke, nach dem Amoklauf in München gab es Kritik an der ARD-Berichterstattung. Im „Tagesschau“-Blog schreiben Sie, dass nicht immer alles „gut gelingt“. Was würden Sie heute anders machen?

Kai Gniffke: Ein Punkt, den wir kritisch sehen, ist, dass wir unsere beiden Social-Media-Redakteure abgezogen haben, um für die Fernsehsendung die sozialen Netzwerke auszuwerten. Darunter haben unsere Social-Media-Kanäle gelitten.

Anna-Mareike Krause: Es führte dazu, dass unser erster Post auf Facebook erst um 19.46 Uhr kam, fast 1,5 Stunden nach der ersten Meldung – das ist eine Stunde zu spät.

Wie haben die User reagiert?

Gniffke: Mit Flucht.

Krause: Wir sind auch an diesem Abend gewachsen, wie immer in Breaking-News-Situationen, und zwar stärker als die meisten unserer Konkurrenten – mit einer Ausnahme. Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, wenn wir mit dem ersten Posting später kommen als die anderen, solange die Meldung nicht sicher ist. Andere haben zu einer Zeit gepostet, als man noch gar nicht genug wusste.

Nach den Schüssen im Olympiazentrum haben sich schnell Falschmeldungen in den sozialen Netzwerken verbreitet, wie die angeblichen Schüsse am Stachus, die es nie gegeben hat. Derartige Gerüchte aufzugreifen heißt, ihnen Bedeutung zu verleihen, sie aber zu ignorieren heißt, dass sie sich ungestört verbreiten. Wie gehen Sie mit dem Dilemma um?

Krause: Es reicht nicht zu sagen: Das ist nur ein Gerücht. Sobald es bei der „Tagesschau“ stattfindet, nehmen es viele für bare Münze. Deshalb müssen wir sorgfältig auswählen, was wir überhaupt verbreiten.

Gniffke: Mut zur Langsamkeit ist nötig. Wir haben den Stachus erst im Programm gehabt, als die Polizei die Meldung dementiert hatte. Wäre am Stachus wirklich etwas passiert gewesen, dann hätten wir es erst viel später als die anderen gemeldet. Das Risiko muss man eingehen.

Wäre Transparenz ein Kompromiss? Mal zu sagen: Wir recherchieren die Meldung noch. Oder: Eine Reporterin ist unterwegs – die ZuschauerInnen an dem teilhaben lassen, was hinter den Kulissen abläuft.

Gniffke: Wir haben es hier mit Grenzsituationen zu tun, in denen vieles nicht so funktioniert wie gewohnt. Eine Kollegin vom BR saß in einer Eisdiele in München, als das Gerücht aufkam, draußen passiere etwas. Sie hat sich zusammen mit anderen verbarrikadiert – dabei war gar nichts los. Es handelt sich hier um eine kluge, rationale Journalistin, aber auch sie wurde von der Panik erfasst. In derartigen Situationen die Arbeitsabläufe offenzulegen halte ich nicht für sinnvoll.

Bei den Anschlägen in Paris im November ließ die ARD sichtlich überforderte Sportmoderatoren aus dem Stadion berichten, während ein CNN-Reporter auf der Straße mit dem Handy die Situation einfing.

Gniffke: Kein Mensch weiß, was für Bilder CNN da gesendet hat, ob sie überhaupt von diesem Abend waren. Außerdem: Einfach nur laufen lassen und mal gucken, was passiert, ist nicht die Lösung – und auch kein verantwortungsvoller Umgang mit Bildern und Informationen.

Noch mal zu München: Zwischen der ersten Eilmeldung und Ihrer ersten Sondersendung kurz nach 19 Uhr ist knapp eine Stunde vergangen. Was ist in dieser Zeit passiert?

Oliver Hähnel: Zuerst ist zu bewerten: Ist das hier wirklich ein schlimmes Ereignis? Und gleichzeitig alles vorzubereiten, damit man im Ernstfall schnell senden kann. Und dann ist noch die Entscheidung abzuwarten, wann wir auf Sendung gehen.

Wer trifft diese Entscheidung?

Hähnel: Wir selbst sind meistens der Meinung, dass das sehr schnell gehen muss. Letztlich entscheidet das aber die Programmdirektion für Das Erste.

Gniffke: Konkret ist das der Programmdirektor Volker Herres in München. Wenn weder er noch sein Stellvertreter erreichbar sind, entscheiden wir selbst.

Am Abend des Putschversuchs in der Türkei wurde ein „Tatort“ gesendet, der später für ein Update unterbrochen wurde. Hätte ein solches Ereignis in einem Nato-Land nicht erfordert, den „Tatort“ ausfallen zu lassen und auf Sendung zu bleiben?

Gniffke: Wir haben uns dagegen entschieden, um dem Korrespondenten Zeit zur Recherche zu geben. Der hätte sonst für uns die ganze Nacht zur Verfügung gestanden, wäre aber für den Folgetag ausgefallen. Das ist eine banale Kosten-Nutzen-Überlegung: Nachts haben wir vielleicht 30.000, am Folgetag wollen mehrere Millionen vernünftig informiert werden.

Berlin, 2006: Die Piratenpartei gründet sich, sie möchte die Demokratie neu erfinden. Aber die Piraten scheitern an ihrer inneren Zerrissenheit, sie fliegen aus den Landtagen. Was von ihren Ideen bleibt, lesen Sie in der taz.am wochenende vom 10./11. September. Außerdem: 15 Jahre nach dem 11. September 2001 hat die amerikanische Bevölkerung noch immer Angst. Unsere Reporterin hat die Gedenkstätte von 9/11 besucht. Und: Wir waren mit dem E-Auto auf Usedom. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Claus Kleber hat kürzlich in der SZ geschrieben, es sei nicht immer leicht, die Programmverantwortlichen zu überzeugen, das laufende Programm für Liveberichterstattung zu unterbrechen.

Gniffke:Im letzten Jahr konnten wir immer, wenn wir es für notwendig hielten, auf Sendung gehen. Bei Charlie Hebdo haben wir den ganzen Tag gesendet, ebenso bei Germanwings und als Helmut Schmidt gestorben ist. Für die verantwortliche Programmdirektion war klar, dass unsere Zuschauerschaft diese Berichterstattung von uns erwartet.

Hähnel: Der Programmchef muss ja noch andere Sachen abwägen als wir – so ein „Tatort“ ist eben nicht unwichtig. Natürlich: Wenn wir so weit sind, wäre es schön, wenn wir selbst entscheiden könnten, wann und wie lange wir senden.

Nachrichtensender wie CNN senden ununterbrochen durch. Bräuchte es bei den deutschen Öffentlich-Rechtlichen nicht auch eine solche 24-Stunden-Liveberichterstattung?

Gniffke: In der Diskussion danach hieß es immer wieder: Ja, aber CNN hat doch … – Hat jemand sich das mal genau angesehen? Was CNN macht, ist nicht immer meine Idee von Nachrichten.

Warum nicht?

Gniffke: Weil es gelegentlich eine Illusion von Nachrichten ist – Als-Ob-Berichterstattung ohne inhaltlichen Wert. Wir können natürlich 24 Stunden senden, es ist immer ein Studioteam, ein Redakteur und ein geschminkter Moderator im Haus. Aber deshalb die Ressource Korrespondent verschleißen?

Hähnel: Und lasse ich Bilder flattern, von denen ich noch gar nicht weiß, was da zu sehen ist – nur um dem Zuschauer das Gefühl zu geben, ich bin vor Ort? Wir wollen erst wissen, was man auf den Bildern sieht, die wir den Leuten zeigen.

Und das Programm anders zu füllen? Mit Einschätzungen von Experten etwa, wie in der Nacht von München, als der Journalist Georg Mascolo in der ARD befragt wurde?

Hähnel: Im konkreten Fall hätte das nicht viel genutzt, weil die Fakten fehlten. Herr Mascolo musste zum Teil mit nicht gesicherten Annahmen umgehen. Zum Beispiel hat er wiederholt von Terror gesprochen, weil das die Polizei nahegelegt hat – während sich später herausgestellt hat: Das war keiner.

Gniffke: Hinterher ist man natürlich immer schlauer. So wie bei München: Hätten wir gewusst, es ist ein Amoklauf, dann hätten wir nicht viereinhalb Stunden gesendet.

Warum diese Unterscheidung zwischen Terror und Amoklauf?

Gniffke: Ein Amokläufer ist ein Einzeltäter mit psychologischer Prädisposition, der über das Ereignis hinaus keine Wirkung entfaltet. Außerdem wissen wir, dass gerade bei Amoktätern das Ziel ist, Aufmerksamkeit zu erregen. Deswegen zeigen wir nie ein Bild des Täters, jedenfalls nicht unverfremdet. Denn da besteht die Gefahr der Ikonisierung.

In München war der Täter noch ein bis zwei Stunden flüchtig – wäre es da nicht legitim, das Bild zu zeigen, weil es darum geht, die Bevölkerung zu informieren?

Gniffke: Im Nachhinein wurde gesagt, man hätte den Täter ja so identifizieren können. Das überzeugt mich nicht. Wir sind da vielleicht konservativ, aber wir versuchen auch im Chaos, vorsichtig mit Bildern umzugehen. Es gibt dann Anweisungen an die Redaktionen. Damals habe ich zum Beispiel entschieden, dass wir bestimmte Bewegtbilder vom Parkdeck nicht zeigen. Da lief der Täter rum wie Django – reine Inszenierung.

Anna-Mareike Krause, 35, ist seit Anfang 2015 Social-Media-Koordinatorin von ARD-aktuell.

Oliver Hähnel, 52, entscheidet als Chef vom Dienst der Nachrichten bei ARD-aktuell über die Themen in der 20-Uhr-„Tagesschau“.

Kai Gniffke, 55, ist seit 13 Jahren Chefredakteur von ARD-aktuell. Dazu gehören „Tagesschau“, „Tages­themen“, tageschau.de und tagesschau24.

In den sozialen Medien sind die Bilder trotzdem unterwegs. Wie gehen Sie auf Ihren Plattformen damit um: ignorieren oder relativieren?

Krause: Diese Zurückhaltung, die im Fernsehen richtig ist, ist auch in den sozialen Medien richtig. Es stimmt, dass die Bilder trotzdem kursieren. Aber in so einer Nachrichtenlage muss man das aushalten. Das ist nicht einfach. Aber genau das ist dann unser Job. Eine Woche nach München gab es diesen Fall in Saarbrücken. Da hatte sich ein Betrunkener in einem Restaurant schlafen gelegt und daraus wurde ein Terroralarm. Ein Bild-Reporter hat das sogar live vom Handy gestreamt. Und wir haben trotzdem still gehalten. Am Ende stellte sich heraus, dass genau das die richtige Entscheidung war.

Angenommen, jemand gibt Ihnen in der Kommentarspalte einen Hinweis auf ein Ereignis, wie gehen Sie damit um?

Krause: Wenn jemand schreibt: „Ich habe gehört, am Stachus schießt einer“, würde ich sofort den Chef vom Dienst der „Tagesschau“ anrufen.

Gniffke: Oder wenn jemand schreibt: Das, was ihr da gezeigt habt, kann nicht sein.

Hat die Berichterstattung also durch Social Media gewonnen?

Krause: In solchen Fällen ja. Aber die große Mehrheit unserer Kommentare ist nicht zielführend.

Hähnel: Social Media sind auch wunderbare Wege für Falschinformationen. Die Perlen rauszupicken, die wirklich wahr und wichtig sind, ist eine unglaubliche Herausforderung. Es sind oft genug bei Anschlägen Bilder gepostet worden, die von einem anderen Ereignis stammten.

Krause: In den letzten Wochen haben wir täglich Hunderte Nachrichten bekommen, es würden am Köln-Bonner Flughafen heimlich Flüchtlinge ins Land gebracht. So etwas kommt viel häufiger vor als die Perlen. Nach denen müssen wir richtig tauchen.

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Einbrechende Einnahmen, Diffamierung als "Lügenpresse" und der Aufstieg von "Fake News" – Medien haben es derzeit nicht leicht.

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