„Wir können uns nicht mehr lieben“

Am Mittwoch streiten die Nationalteams Bosniens und Serbiens um die Qualifikation für die Fußball-WM 2006. Zwei bosnische Serben treffen in diesem brisanten Match aufeinander: Zvjezdan Misimovic und Savo Milosevic

Er lebte mit seinen Eltern im Münchner Norden, vormittags Schule, nachmittags Fußball beim SV Nord-Lerchenau, als sie ihm sagten, jetzt ist Krieg. Er war neun, geboren in München, die Eltern eingewandert aus Jugoslawien. Er hörte, wie sie mit den Großeltern telefonierten, die Angst in ihren Stimmen, er schaute Fernsehen, Jugoslawen hießen plötzlich Kroaten, Bosnier oder Serben. Er fragte: „Papa, was bin ich eigentlich?“

Sein Vater hat versucht, es Zvjezdan Misimovic zu erklären: Wir sind Serben aus Bosnien. Aber 14 Jahre nachdem der Völkerkrieg Jugoslawien zu zerreißen begann, kann Misimovic selbst die Frage noch immer nicht eindeutig beantworten: Was bist du? „München ist meine Heimat – und Jugoslawien, auch wenn es das Land nicht mehr gibt. Bosnien ist meine Heimat. Serbisch meine Herkunft, ich bin alles ein bisschen.“

Am morgigen Mittwoch wird Zvjezdan Misimovic, 23, Spielmacher des Zweitligisten VfL Bochum, für Bosnien-Herzegowina in Belgrad in der WM-Qualifikation gegen Serbien-Montenegro spielen, für eine Heimat, gegen seine Herkunft. Gewinnt Serbien, ist es für die WM qualifiziert, siegt Bosnien, erreicht es die Ausscheidung der Gruppenzweiten; für den Verlierer wird eine starke Qualifikationskampagne wertlos gewesen sein.

Es sind die Reflexe der Massenmedien, anlässlich des brisanten Spiels danach zu suchen, was Serben und Bosnier noch immer trennt, ein Jahrzehnt nachdem sie sich gegenseitig umbrachten. Und vermutlich wird, wer sucht, finden: Beim Hinspiel in Sarajewo entrollten bosnische Fans ein Plakat „Wir haben 250.000 Gründe, euch zu hassen“. Jeder wusste, dass die Toten des Kriegs gemeint waren. Einige serbische Fans antworteten mit Lobgesängen auf den Kriegsverbrecher Radovan Karadžić. Doch warum will niemand sehen, dass die große Mehrheit im Stadion und auf dem Spielfeld noch immer mehr verbindet, als sie trennt?

„Unterscheide nur zwischen guten und schlechten Menschen“

„Zu vergessen ist unmöglich. Aber den Krieg hinter uns zu lassen ist unsere Pflicht. Wir müssen, wenn wir uns schon nicht mehr lieben können, uns erinnern, dass wir jahrzehntelang in Jugoslawien friedlich zusammenlebten. Es muss daher auch heute wieder möglich sein, gut zusammenzuleben“, sagt mit seiner vor Melancholie rauen Stimme ein anderer bosnischer Serbe: Savo Milosevic, der Kapitän Serbiens, Torschützenkönig der EM 2000.

Für die Außenwelt scheint es ein Politikum, dass der eine bosnische Serbe für Serbien spielt, der andere für Bosnien. Doch Misimovic’ und Milosevic’ Gründe, sich für das eine oder andere Land zu entscheiden, sind so banal, so unpolitisch. Savo Milosevic, der mit 32 heute in Spaniens erster Liga für Osasuna spielt, verließ die bosnische Provinzstadt Bijeljina mit 14, allein, er durfte ins Fußballinternat von Partizan Belgrad. Belgrad wurde seine Heimat. Deshalb wählte er Serbien. Zvjezdan Misimovic ärgerte sich über einen Trainer, deshalb wählte er Bosnien.

In der U21 spielte er noch für Serbien, 2002, in einer Partie gegen Frankreich, wechselte ihn der Trainer erst sieben Minuten vor Ende ein, es stand schon 0:3, sie spielten zu zehnt, die Zahlen hat er im Kopf, sieben Minuten, 0:3, zu zehnt, das tut man einem von sich überzeugten Offensivspieler nicht an. Er beschwerte sich. Trainer Vladimir Petrovic schimpfte ihn arrogant. Misimovic stand damals in der Reserveelf von Bayern München. Hasan Salihamidzic aus Bayerns A-Team sagte ihm, komm doch zu uns, in die bosnische Nationalelf.

Jede Ferien fährt Misimovic zu seinem Bruder Vitomir aufs Dorf bei Banja Luka in der Republika Srpska, der serbischen Teilrepublik Bosniens. Da ist nicht viel los, sagt er. Nur ein paar Leute kommen ihm immer wieder doof. „Sie nennen mich Verräter. Manche sagen es im Spaß, aber ich weiß, in jedem Spaß steckt auch Ernst.“

Doch so professionell sei er schon, sagt Misimovic, dass er die Sprüche aushalte. Er will nicht wissen, „was dahintersteckt“, welche Kriegserlebnisse die bosnischen Serben gemacht haben, die ihn für den Wechsel zu Bosnien beschimpfen. Er ist „froh, jetzt für Bosnien zu spielen: Wir im Team sind Bosnier, Kroaten, Serben und alles Freunde. Ein kleines Jugoslawien.“

Wenn Milosevic und Misimovic am Mittwoch gegeneinander gespielt haben, werden sie sich die Hand geben, auch im Gefühl, dass sie, für die Jugoslawien eine Heimat war, auf gewisse Art immer noch zusammengehören. „So bin ich erzogen worden: Unterscheide nicht zwischen Nationalität oder Religion, allenfalls zwischen guten und schlechten Menschen“, sagt Milosevic. Wenn Zvjezdan Misimovic über Bosnien oder Serbien spricht, ist auch ein Jahrzehnt nach der Staatstrennung kein Unterschied zu erkennen: Er nennt beide Länder, in seinem bayerischen Akzent, einfach „dort unten“.