Haiti Nach Hurrikan „Matthew“ sind Millionen Menschen mittellos und ganze Landstriche unzugänglich. Zahl der Toten geht in die Hunderte

Schlamm, Regen, Verwüstung

Les Cayes, an Haitis Südküste: das Ehepaar Dutervil in den Ruinen seines Hauses Foto: Dieu Nalio chery/ap

Nur langsam klart der Himmel über Haiti auf. Nur langsam wird das Ausmaß der Katastrophe offenbar, die das bitterarme Land erneut ins Elend gestürzt hat. Am Freitag, drei Tage nach dem verheerenden Durchzug von Hurrikan „Matthew“ über den Karibikstaat, stieg die Zahl der bestätigten Toten auf mindestens 572. Doch vermutlich sind es noch viel mehr, denn einige der am schwersten getroffenen Gebiete sind nach wie vor kaum zugänglich und die Telefonverbindungen sind in weiten Teilen des Landes zusammengebrochen.

Laut dem UN-Büro für humanitäre Hilfe (Ocha) ist die Hälfte der 11 Millionen Haitianer betroffen. Nach Angaben des Bündnisses Entwicklung hilft sind in den am schwersten betroffenen Regionen mehr als 90 Prozent der Häuser beschädigt, es sei von einem Ernteverlust von bis zu 90 Prozent auszugehen.

Besondere Sorgen machen sich Behörden und Helfer um den Süden des Landes, der vom Rest Haitis jetzt weitgehend abgeschnitten ist. „Der Schlamm in den Straßen ist so hoch und dick, dass selbst Autos mit Vierradantrieb stecken bleiben“, berichtet John Hasse, Direktor von World Vision Haiti. „Unsere Mitarbeiter sind nun mit Booten auf den reißenden Flüssen in entlegenen Regionen unterwegs.“

„Die Verbindung zum Südwesten Haitis ist aufgrund des Einsturzes einer Brücke abgerissen“, berichtet Bernd Pastors, Vorstandsvorsitzender des deutschen NGO-Bündnisses Aktion Deutschland hilft unter Bezug auf den Kooperationspartner des Hilfswerks action medeor in der Hauptstadt Port-au-Prince. „Das Wetter ist weiterhin stürmisch und verhindert selbst den Einsatz von Hubschraubern.“

Das Département Grand’Anse an der äußersten Südwestspitze Haitis „wurde extrem hart getroffen“, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. In der 30.000 Einwohner zählenden Provinzhauptstadt Jérémie seien 80 Prozent der Häuser zerstört.

Wo die Hilfsmannschaften hingelangen, sehen sie Zerstörung und bittere Not. Im Ort Aquin stochern Cenita Leconte und ihre Nachbarn in den Trümmern herum, die einst ihre Häuser waren. „Wir haben alles verloren, was wir besitzen“, sagt die 75-Jährige. Aber zumindest sei sie mit dem Leben davongekommen, weil sie in letzter Minute doch der Aufforderung zur Evakuierung nachgekommen sei. Wie sie leben dort auch die meisten Menschen in einfachen Verschlägen mit Blechdächern, die keinem Sturm standhalten.

Ganz in der Nähe, in der Stadt Les Cayes, sieht es nicht besser aus. Bewohner irren durch die Hafenstadt an der Südküste, um sie gibt es nur Zerstörung. Menschen tragen Matratzen durch die Straßen, legen völlig durchnässte Kleider zum Trocknen aus und suchen nach Essen und sauberem Trinkwasser.

„Das Hochwasser hat all das Essen in unserem Haus weggespült. Jetzt verhungern wir“, sagt der Bauer Antoine Louis aus Léogâne. In seiner Betonhütte steht ihm das Wasser bis über die Knöchel. Zumindest ein paar Maiskolben konnte er noch für sich und seine Familie retten.

„Selbst Autos mit Vierradantrieb bleiben stecken. Unsere Mitarbeiter sind mit Booten unterwegs“

John Hasse, World Vision Haiti

So wie bei ihm macht sich auch bei vielen anderen Bewohnern Verzweiflung breit. „Das wenige Geld, das wir hatten, hat das Wasser geholt“, klagt die Lehrerin Jardine Laguerre.

Haiti wird immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht, unter anderem im Januar 2010 von einem Erdbeben, das 300.000 Tote forderte. Der UN-Sondergesandte für Haiti, Mourad Wahba, bezeichnet „Matthew“ bereits als die verheerendste Katastrophe seit dem Erdbeben.

Haiti ist das am schwersten vom Hurrikan getroffene Land. Die benachbarte Dominikanische Republik meldet vier Tote, Kuba keinen einzigen, nachdem 1,3 Millionen Menschen rechtzeitig evakuiert werden konnten. In den USA brachten sich 2 Millionen Menschen in Sicherheit, bevor der Sturm auf die Küste Floridas treffen sollte. Unterwegs hat er sich abgeschwächt.

Die USA schickten neun Militärhubschrauber nach Haiti und wollen einen Flugzeugträger, ein Krankenhausschiff und ein weiteres Marineschiff in die Katastrophenregion verlegen. Deutschland hat Hilfswerken 600.000 Euro Soforthilfe bereitgestellt. (ap, afp, rtr, taz)