SZENE Persiflage auf den Kunstbetrieb und voller cooler Leute: Niña Weijers Debütroman „Die Konsequenzen“

Durchbruch, Baby

Sie heißt Minnie – und ist so sonderbar wie ihr Name. Zart und zäh, kindlich und erwachsen, ernsthaft, leichtsinnig, ein Mädchen wie ein Fisch: längst weggerutscht, wenn man meint, es zu fassen. Mit den Eigenschaften ­fortgeschwommen, an die man sich gerade gewöhnt hatte. Ende zwanzig und eine Künstlerin, die sich über Kunstbetrieb, Leben und den eigenen Erfolg wundert, als gehöre nichts von all dem zu ihr.

Kaum hat Minnie eine Weile ihren Müll fotografiert, Essensreste, Rasierklingen und Haarbüschel dokumentiert, stellt sie schon in den Museen Europas aus; Starkult inklusive. Während sie auf bizarr geformte Proseccogläser schaut und den Gesprächen aufgekratzter Partygäste lauscht, scheint sie sich zu fragen, wie sie dort gelandet ist. Auf Lederpolstern, inmitten des Vernissage-Chichis, einen Agenten zur Seite, der seiner Begeisterung gern auf Englisch Ausdruck verleiht: „This is it, baby! Das wird dein Durchbruch.“

This is it: „Die Konsequenzen“, Debütroman der niederländischen Autorin Niña ­Weijers, für den sie in ihrer Heimat – wo er vor zwei Jahren erschien – mehrere Literaturpreise erhielt. ­Weijers Buch ist vor allem ein großes Rätsel – und ähnelt damit der Person, die es trägt.

Worum geht es hier eigentlich außer um: Minnie? Die sich der Klischees bewusst ist, wenn sie mit ihrer Affäre in Amsterdam, „dem Fotografen“, einem „interessanten Bettpartner“, nach dem Sex einen halben Liter Ben & Jerry’s leert. Die sich mit dem Alleinsein auskennt, ein Verhältnis zur Mutter pflegt, als sei ihr diese zufällig zugeteilt worden, da haben Sie Ihr Kind; und Freundschaften gleich überhaupt nicht pflegt. Allenfalls ein Bekannter ruft mal an, namenslos, hat ein Modelabel, hat ein Koksproblem. Kommt gerade aus dem Club geschwankt. „Darling! What the fuck!“

Die einzige Bindung, die Minnie unterhält, schafft sie sich selbst. In Form einer übergroßen, Wochen andauernden Inszenierung: „der Fotograf“, so sieht es ihre Kunstperformance vor, mietet sich in den Räumen gegenüber ihrer Wohnung ein. Anschließend darf er sie verfolgen und Schnappschüsse von ihr fertigen; einem gewandten, die Heimlichkeit beherrschenden Paparazzo gleich. Sie nagelt ihn fest, förmlich und vertraglich geregelt.

Leicht größenwahnsinnig, leicht verloren

Klar, das kann nichts werden. Jedenfalls nichts Echtes. Minnie verliert sich in Gedanken und verschneiten, ins Leere laufenden Wintertagen, den Konsequenzen ihrer Arbeit. Und den Konsequenzen ihrer Kindheit: Hierhin nämlich führt der Roman nach gut zwei Dritteln, Schnitt, rewind, Niña Weijers springt zurück ins Jahr 1984 und erzählt den bislang verschluckten Anfang. Davon, dass Minnie als Säugling nicht schreit. Wie die Mutter Ärzte aufsucht, die sie zum Weinen bringen sollen. Und dem Vater, der sich aus Erziehungsfragen offenbar raushält. Wo ist er überhaupt?

Dass die Schilderung jener Familienvergangenheit dann leicht ins Obskure, bisweilen Esoterische driftet, Minnie, siebenjährig, Stimmen hört und sie ein Taoist mit fragwürdigen Methoden therapieren will, sogar den Mayakalender anführt; und ausgerechnet die Dialoge innerhalb der Kunstszene, die Weijers persifliert, mitunter unglaubwürdig geraten sind – „Künstler, die in Museen für ,den Nächsten‘ kochen. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie demnächst mit der Strickliesel Kondome für Äthiopien stricken“ – na ja.

Unnötig, aber Nebensache angesichts der Rasanz dieses Romans und der Präzision, mit der Niña Weijers ihre Figuren beschreibt. Taumelnde um die dreißig: lauter coole, von sich überzeugte Leute, leicht größenwahnsinnig, leicht verloren, „sie wollten einen geliebten Partner, eine Karriere, ein Haus, ein Kind“. Beim Prosten stehen sie zusammen. Leben tun sie allein. Annabelle Seubert

Niña Weijers: „Die Konsequenzen“. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp, Berlin 2016, 359 Seiten, 22 Euro