Michael Lezius über seinen Kinderschutz-Preis

„Ich will Mut belohnen“

Die Yagmur-Gedächtnis-Stiftung hat einen Preis für Zivilcourage ausgerufen. Allein: Es fehlt noch an Bewerbungen.

Viele Menschen zeigten ihr Mitleid: Yagmurs Grab am 18. Dezember 2014, ihrem ersten Todestag. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

taz: Herr Lezius, Sie haben die Yagmur-Gedächtnis-Stiftung gegründet und loben jetzt einen mit 2.000 Euro dotierten Kinderschutzpreis aus. Was wollen Sie belohnen?

Michael Lezius: Er ist ein niedrigschwelliger Preis. Es geht mir nicht nur um Institutionen oder Organisationen. Ich will Menschen belohnen, die sich persönlich einmischten, als sie feststellten, dass ein Kind in Gefahr war. Das kann ein Lehrer, eine Sozialarbeiterin oder ein Nachbar sein. Oder ein Mensch, der auf der Straße eingreift, wenn ein Kind geschlagen wird.

Und Sie haben zu wenig Bewerbungen, hörte ich?

Wir haben etwa 20 Vorschläge. Nur die meisten sind von Institutionen, die mittelbar etwas für Kinderschutz tun. Für einzelne Menschen haben wir nur drei, vier Vorschläge. Und die kamen durch Dritte.

74, war früher der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft (AGP). Im Dezember 2015 gründete er dann die Yagmur-Gedächtnis-Stiftung.

Ist der Preis zu schwierig?

Dass das ein schwieriger Ansatz ist, war mir klar. Wenn Sie den Kinderschutzbericht von Hamburg anschauen: Wir hatten 2015 etwa 1.000 Inobhutnahmen von hier lebenden Kindern. Es gab 12.000 Hinweise auf Kindeswohlgefährdung, davon sind 701 anonym erfolgt. Das heißt, sich öffentlich hinzustellen und sich dafür prämieren zu lassen, dass man die Zivilcourage bewies, ein Kind zu schützen, scheint den Bürgern nicht leicht zu fallen. Andere Preise für Kinderschutz bekommen 200 Bewerbungen – von Institutionen.

Es hat aber auch eine denunziatorische Komponente, wenn man den Nachbarn beim Jugendamt meldet.

Das ist nicht denunziatorisch, es ist etwas, was jeder Staatsbürger machen muss. Es steht seit 2000 im Bundesgesetzbuch, dass man Kinder nicht mit Gewalt erziehen darf. 2015 wurden in Deutschland 130 Kinder getötet, 50 haben versuchten Totschlag überlebt, 4.000 wurden krankenhausreif geschlagen. Das dürfen wir nicht hinnehmen.

Mit der Meldung beim Jugendamt wird eine Maschinerie in Gang gesetzt. Ist es nicht manchmal besser, überforderten Eltern persönlich als Nachbar mit den Kindern zu helfen?

Ich meine auch, man sollte zunächst versuchen, persönlich zu helfen. Das Jugendamt reagiert auch oft unsensibel auf Melder. Aber man muss nicht dorthin gehen, es gibt auch andere Kinderschutzstellen. Und es ist ja auch geplant, dass es unabhängige Ombudsstellen geben soll. Dann können sich Bürger an eine Stelle wenden, wo die Sache achtsam behandelt wird.

Kindern, die aus Familien genommen werden, geht es auch nicht gut.

Aber es muss manchmal sein, wie der Fall der von ihrer Mutter getöteten Yagmur zeigt. Viele Beteiligte beim Jugendamt und in anderen Institutionen hätten die Mutter stoppen können, allein wenn sie sich einfach nur an die Regeln gehalten hätten.

Nimmt das Jugendamt ein Kind in Obhut, ist es formal auf der sicheren Seite. Trotzdem geht es dem Kind nicht gleich gut. Besteht nicht auch die Gefahr, dass zu viele Kinder aus Familien genommen werden?

Ich bin auch dafür, dass man Eltern unterstützt, damit sie ihre Kinder behalten können. Aber das Jugendamt macht zu oft den Fehler, nur auf die Eltern zu schauen und zu wenig aufs Kind. Von den 1.000 Fällen in 2015 waren es 178 Kinder, die nicht zu den Eltern zurückkehrten. Um die geht es. Die Übrigen bekamen ihre Kinder zurück. Etwa ein Prozent der Eltern ist erziehungsunfähig, deshalb müssen Kinder vor Gewalt und Vernachlässigung geschützt werden.

Auch Ihre Stiftung kritisiert die Jugendämter. Ist das nicht ungerecht, weil selbst die besten Regeln nicht verhindern können, dass ein Kind stirbt?

Wir wollen die Qualität des Kinderschutzes überprüfen und analysieren und geben dazu jährlich zum Todestag Yagmurs einen wissenschaftlichen Bericht raus. Aber Sie haben recht, es müsste auch über die erfolgreichen Fälle des Jugendamtes berichtet werden. Die brauchen eine ganz andere Pressearbeit. Viel transparenter.

Wenn sich ein Leser angesprochen fühlt, weil er sich für Kinderschutz einsetzt, kann er sich noch für den Preis bewerben?

Ja, bis Mitte nächster Woche. Es reicht eine halbe Seite Begründung, schon ist er im Verfahren.

Ihre Stiftung ist nach der 2013 getöteten Yagmur benannt, deren Eltern in Haft sitzen. Haben Sie Kontakt zu Angehörigen?

Bisher nicht. Ich habe Kontakt zu ihren früheren Pflegeeltern. Und ich habe im Gericht Verwandte gesehen. Wenn diese wünschen, würde ich gern in Kontakt treten.

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