Cybergewalt bei Beziehungsende

Wenn Intimes als Waffe dient

Gewalt in Partnerschaften kann sich in der Androhung von Bloßstellungen äußern. Eine Konferenz in Berlin beschäftigte sich mit den Opfern.

Ein Schlafzimmer im Dunkeln

Was hier passiert, sollte nicht zur Diffamierung genutzt werden Foto: imago/Michael Eichhammer

Saskia Werner will nicht mehr. Ihr Freund macht ihr Eifersuchtsszenen, wenn sie sich mit Arbeitskollegen trifft. Wenn sie zum Yoga geht, spioniert er ihr hinterher. Sie könnte dort ja eine Affäre haben. Er checkt ihr Handy und ihren Kalender. „Ich fühle mich gestalkt“, sagt die 37-Jährige, die aus Sicherheitsgründen in der Zeitung ihren richtigen Namen nicht nennen will.

Als die Kostümbildnerin aus Berlin ihrem Freund die Trennung ankündigt, droht er: Wenn du gehst, stelle ich Nacktfotos von dir ins Netz. Auf Facebook erzähle ich deinen Freunden, was für eine Schlampe du bist. Ich veröffentliche deine Adresse und hetze dir die Russenmafia auf den Hals.

Das, was Saskia Werner erlebt, ist eine relativ neue Form von Gewalt gegen Frauen und Angriffen innerhalb von Partnerschaften: Cybergewalt. „Sie ist kein abstraktes Internetproblem, sondern stellt die Fortsetzung von Gewalt im realen Raum mit digitalen Mitteln dar“, sagt Anja Kofbinger. Die Grüne im Berliner Abgeordnetenhaus engagiert sich seit Jahren gegen Gewalt an Frauen.

Ein Drittel der Opfer sind PartnerInnen

Digitale Delikte wie Diffamierung, Beleidigung, Rufschädigung und Verleumdung werden zwar gleichermaßen von Frauen und Männern begangen. Härtere Vergehen wie Stalking, Identitätsklau, Passwortdiebstahl und das Installieren von Spionagesoftware auf Handys und Computern hingegen werden vor allem von Männern verübt. Studien zufolge sind 80 Prozent der Opfer Frauen, 80 Prozent der Täter sind Männer. Ein Drittel der von Cybergewalt Betroffener, die sich beim Brandenburger Kriminologen und Cyberexperten Thomas-Gabriel Rüdiger melden, sind BeziehungspartnerInnen.

Trotzdem sei Cybergewalt kein breit debattiertes Thema, sagt Jennifer Wörz vom Frauenberatungszentrum Köln auf der europäischen Konferenz WAVE (Women Against Violence Europe). Die Konferenz, die Ende der vergangenen Woche in Berlin stattfand, ist ein Zusammenschluss europäischer NGO-Aktivistinnen gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Zum 18. WAVE-Treffen reisten diesmal auch Frauen aus China und Chile an.

Bedrohte Frauen reagieren mit Rückzug

Im Kölner Beratungszentrum haben „wir regelmäßig mit Cybergewalt zu tun“, sagt Sozialarbeiterin Wörz: „Aber sie wird eher als Privatangelegenheit und nicht als gesellschaftliches Problem behandelt.“ Viele Frauen, die von ihren Partnern und Expartnern digital bedroht werden oder Hasstiraden im Netz gegen sich lesen, reagieren mit Rückzug: Sie schalten das Handy ab, stellen den Computer nicht mehr an, lesen keine Facebook-Einträge mehr.

Mit einer fatalen Wirkung: Der Täter gewinnt noch mehr Macht über sein Opfer, das sich zunehmend isoliert. Darüber hinaus verliert das Opfer den Überblick, welche Mails, Daten und Passwörter der Täter weiterhin abschöpft.

Hin und wieder wenden sich Opfer an Beratungsstellen. Diese raten dazu, zur Polizei zu gehen. Die Anzeigen häufen sich, erlebt auch Kriminologe Rüdiger. Aber mit den „Kommunikationsdelikten“, wie der Lehrbeauftragte an der Brandenburgischen Polizeifachhochschule digitale Übergriffe nennt, sind alle überfordert: Betroffene, Behörden, Juristen. Bei der Cyberkriminalität werde häufig nur die technische Seite betrachtet, aber kaum die Folgen für die Opfer.

Cybergewalt ist strafbar. Und man kann sich wehren, lautet die Botschaft auf der WAVE-Konferenz: SIM-Karten, Telefonnummern und Passwörter wechseln, Firewalls installieren, ExpertInnen Rechner und Handy nach Spionagesoftware durchsuchen lassen.

 

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