Krieg in Syrien

Keinen kümmert unser Tod

Wie schön wäre Normalität. So bleibt nur der Traum, wenigstens als Romanfigur posthum die Herzen der Menschen zu berühren.

Menschen auf einem Markt beim Einkaufen

Markt in Damaskus: Auf den ersten Blick scheint alles normal zu sein Foto: dpa

Jeden Tag aufs Neue verbreiten Journalisten weltweit Informationen über die Tragödie in Syrien und die Notwendigkeit internationaler Bemühungen mit dem vermeintlichen Ziel, den Krieg zu beenden. Aber darum geht es in Wirklichkeit nicht.

Was wir stattdessen beobachten, ist ein tragisches Theaterstück, um dessen Verlogenheit die meisten Syrer sehr genau wissen – angefangen vom „Theater“ des UNO-Sicherheitsrats, der sich mit Russland als ständigem Mitglied (natürlich) nicht auf ein Einschreiten verständigen kann, bis hin zum „Theater“ der Menschenrechtsorganisationen, die ebenso wie die Politiker der Weltgemeinschaft nicht in der Lage oder willens sind, tatsächlich etwas zu bewegen. Was sie stattdessen tun, ist: reden. Und das pausenlos.

Dieser vielsprachige Lärm hindert die Syrer nicht daran, ihren Alltag – und ihre Tragödie – fortzusetzen. Via Facebook und WhatsApp schicken mir meine Freunde Bilder aus Damaskus. Dort läuft der Alltag weiter, geprägt jedoch von surreal anmutenden Gegensätzen, die meist parallel verlaufen und sich nur bei einem Ritual kreuzen, dem Tod.

Auf manchen Straßen, die noch unter Kontrolle des Regimes stehen, wirkt das Leben auf diesen Bildern auf den ersten Blick trivial; die Straßen sind voller Menschen, doch keiner weiß, wohin sein Weg eigentlich führt. Würde man die Passanten ansprechen, man würde merken: Die meisten sind geistig abwesend und irren ziellos umher, nicht in der Lage, einander in die Augen zu blicken. Wie Zombies aus „The Walking Dead“.

Auf Kosten der Unschuldigen

Auf den Märkten glaubt der Betrachter zunächst, die Händler seien von der Anstrengung, die Wünsche ihrer Kunden zu befriedigen, erschöpft. Doch die Wahrheit sieht anders aus: Obwohl sie sich die Seele aus dem Hals schreien, bleiben sie auf ihrer Ware sitzen, die sich kein Mensch mehr leisten kann.

Nur das Geschäft der Waffenhändler floriert, auf Kosten der Unschuldigen. Was die Menschen auf die Straße treibt, ist die Furcht davor, in ihren Häusern herumzusitzen und auf den Tod zu warten, der ihnen ihre Kinder in Särgen von der Front bringt oder ihr Leben durch eine Rakete beendet und sie damit vom Warten auf die Särge befreit.

Im Norden Syriens weiß niemand mehr, wer was kontrolliert, geschweige denn, wer unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung auf Zivilisten schießt: ob es die syrische Armee mit ihren Verbündeten oder die Opposition mit ihren vermeintlichen Verbündeten ist. Diese Situation lässt sich durch keine Metapher beschreiben, es sei denn, man hat eine Vorstellung von der Hölle.

Ich erhalte regelmäßig E-Mails von Freunden, die noch in Syrien leben, die meine Erinnerungen wachrütteln und meine Sehnsucht nach der Vergangenheit entfachen. Ein Freund schrieb: „Der Krieg tötet auch den Menschen in uns!“

Trümmerfrauen

Er erinnerte mich daran, wie wir damals in Damaskus – in der Zeit vor dem Krieg in Syrien – mit einigen Freunden regelmäßig Kinoabende bei uns zu Hause veranstalteten. Die meisten von uns schauten am liebsten europäische Filme über den Zweiten Weltkrieg. Wir freuten uns immer, wenn die Soldaten unversehrt zu ihren Müttern und Geliebten heimkehrten.

Diejenigen, die nicht zurückkehrten oder ihre Familien verloren, beweinten wir bitterlich. Wie fühlten mit den Trümmerfrauen, besonders mit jenen, die ihre Männer und Kinder, ihr ganzes Hab und Gut im Krieg verloren hatten. Uns beschäftigte das Schicksal der Gefallenen, der Verschollenen und der Abwesenden. Der Mensch in uns empfand Freude über das Gute und Schmerz für das Leid!

Nach jedem Film debattierten wir und saßen bis in die frühen Morgenstunden zusammen. Wir wiederholten unsere Gefühle und Eindrücke ständig. Und keiner wäre auf den Gedanken gekommen, dass wir eines Tages auch die Menschen aus dem Film sein könnten, die wir heute tatsächlich sind.

Mein Freund fragte mich, ob die Welt auf uns blickt und uns beweint, wenn sie die realen Filme sieht, die wir in die Welt hinausschmuggeln? Ich bestätigte ihm, was er bereits wusste: dass unser Tod keinen kümmert. In einer sarkastischen E-Mail verlangte ein Freund, ich solle, falls er stürbe, einen Roman über ihn schreiben, um sämtliche Frauen auf der anderen Seite der Welt dazu zu bringen, ihn zu beweinen und um ihn zu trauern. Bevor wir darüber lachten, fiel das Internet aus. Das Internet ist dort ein Luxusgut, das immer nur kurz vorhanden ist.

Kugeln unterscheiden nicht

Was die Syrer also verbindet, ist der Tod. Dies gilt für alle Syrer: sowohl für die Anhänger des Regimes als auch für die Opposition. Und auch für diejenigen, die weder auf der einen noch auf der anderen Seite stehen, für Muslime, Christen, Atheisten.

Die Kugel unterscheidet nicht zwischen der politischen, religiösen oder nationalistischen Gesinnung. Auch wir, die wir das Land verließen, haben erlebt, wie das Meer, die mörderischen Schlepperbanden und die politischen Hetzer in den Ländern, in denen wir nun leben, mitsamt ihren Mitläufern, die die Balance und die „Demokratie“ in ihren Gesellschaften bewahren wollen, uns zu schaffen machen.

Die Syrer warten nicht mehr auf das Erbarmen von irgendjemandem; sie sind inzwischen überzeugt, dass die Welt stillschweigend alles hinnimmt, was ihren politischen und wirtschaftlichen Interessen dient. Manche Satiriker schreiben, die Syrer sollten sich bei der Menschheit dafür entschuldigen, dass sie seit fünf Jahre um Hilfe betteln. Die Welt habe endlich genug von den tragischen Geschichten der Syrer.

Alle Syrer, die ich kenne, sind sich einig, dass der in ihrem Land tobende Krieg ein Stellvertreterkrieg ist, geführt von Russland, Saudi-Arabien, dem Iran, Katar, der Türkei, den USA und ja, auch Frankreich, Deutschland und all jenen EU-Staaten, die ihre Waffen an die Kriegsparteien verkaufen. Ein Stellvertreterkrieg, bei dem sie, die Syrer, sinnlos sterben.

Alles Heuchler

Sie sind davon überzeugt, dass die Weltgemeinschaft, die Vereinten Nationen und die Menschenrechtsaktivisten Heuchler sind, die die Werte und Gesetze, die sie einst beschlossen haben, längst verraten haben.

Welches düstere Schicksal erwartet die Syrer noch, und aus welchem Himmel erhoffen sie noch Erbarmen?

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Wie fängt man ein neues Leben an, wenn man muss? Die taz hat immer wieder Geflüchtete aus Syrien porträtiert. Was ist aus Ihnen geworden? Dem Exsoldaten, dessen Beine zerschossen waren? Der Journalistin, die schwanger war? Oder dem Zahnarzt, der hier vergeblich nach einem Job suchte? Wir haben drei SyrerInnen erneut getroffen.

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