Portrait

Vielleicht in vier Jahren präsidial? Michelle Obama Foto: reuters

Die Präsidentin der Herzen

Es ist die Rede, die aus diesem Wahlkampf hängen bleiben wird. Die Rede, in der Michelle Obama Mitte Oktober mit großer moralischer Kraft und zitternder Stimme Donald Trumps Prahlen über sexuelle Übergriffe auseinandernimmt: „Das ist nicht normal.“

Beeindruckend auch dieser eine Satz aus Michelle Obamas Rede beim Nominierungsparteitag der DemokratInnen: „When they go low, we go high.“ Dem niedrigen Niveau der RepublikanerInnen passe man sich nicht an. Ein geradezu präsidialer Satz – weshalb im Laufe des vergangenen Wahlkampfs immer wieder der Wunsch aufkam, Michelle Obama solle sich doch um das höchste Amt der USA bewerben.

Verantwortlich für solche markanten Sätze ist Michelle Obamas Redenschreiberin Sarah Hurwitz. An deren Arbeit bediente sich bekanntermaßen auch Melania Trump. Das Redenhalten wiederum ist eine Kunst – eine gelernte. Die zittrige Stimme, die persönlichen Anekdoten: Die Authentizität in Michelle Obamas Stimme im Oktober ist kein Zufall. So wie wir Michelle Obama jetzt lieben – so musste sie erst werden.

Zu Beginn ihrer Zeit als First Lady im Weißen Haus wurde Oba­ma immer wieder misstrauisch beäugt. Zu stark sahen ihre Oberarme aus. Etwas zu selten lächelte sie. Als 2012 eine Biografie der Obamas erschien und Michelle Obama darin als sehr fordernd beschrieben wurde, dementierte sie: Sie sei keine wütende schwarze Frau.

Wut – was bei Männern als willensstark gilt, macht Frauen unsympathisch. Gepaart mit Rassismus entsteht das Stereotyp der „angry black woman“. Diesem versuchte Michelle Oba­ma durch Lächeln, betonter Mütterlichkeit und moralischer Überlegenheit zu entkommen.

Die New York Times beschreibt Amerikas First Lady treffend als eine Frau, die acht Jahre lang die Luft angehalten hat, um so wenig wie möglich aggressiv zu wirken.

Michelle Obamas Rede im Oktober – sie war auch deshalb so stark, weil sie wie ein Ausatmen wirkte. Die Antwort auf die Frage, ob sie plane, als Präsidentinnenschaftskandidatin anzutreten, überrascht so gesehen überhaupt nicht: „No, nope, not going to do it.“

Katrin Gottschalk