Medienkritik zum Mord in Freiburg

Ein Thema, das keins sein sollte

Politiker bewerten die Berichterstattung über den Mord in Freiburg. Das ist fatal und spielt den Rechtspopulisten in die Hände.

Blumen und Trauerschmuck an einem Baum befestigt

Freiburg trauert um die ermordete Studentin, Politiker diskutieren die Berichterstattung Foto: dpa

Freiburg ist das neue Köln. Zumindest medienethisch gesehen. Denn die Diskussion, die Anfang des Jahres über die Gewalt in der Silvesternacht in Köln geführt wurde, geht nun weiter am Beispiel von Freiburg.

Dort wurde am vergangenen Wochenende ein 17-jähriger Afghane festgenommen, der verdächtigt wird, eine Studentin vergewaltigt und ermordet zu haben. Einige Medien berichteten, die ARD hingegen in der „Tagesschau“ am Samstag erst einmal nicht. Das sorgt seitdem für Debatten. In den sozialen Medien fanden sich schnell die ersten „Lügenpresse“-Schreier zusammen, die der ARD unterstellten, sie würde die Tat verschweigen. Die „Tagesschau“-Redaktion reagierte erst bei Facebook, später erklärte „ARD-Aktuell“-Chef Kai Gniffke in einem Blogbeitrag, warum die ARD erst nicht berichtete: Es fehle die überregionale Relevanz, die „Tagesschau“ berichte generell selten über Morde. Am Montagabend hob „Tagesthemen“-Anchorman Ingo Zamperoni die Debatte schließlich doch in seine Sendung. So wurde ein Thema, das eigentlich keins sein sollte, zu einem, bei dem Verschwörungstheorien und ein fehlgeleiteter journalistischer Kompass durcheinandergeraten sind.

Das wissen auch einige Politiker für sich zu nutzen. Der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag zum Beispiel, Ansgar Heveling (CDU), beurteilte die Entscheidung der ARD, am Samstag nicht zu berichten, für falsch. Sie erwecke den Eindruck, man wolle nicht berichten, weil der Festgenommene ein unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber ist. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte am Montag in den „Tagesthemen“, es sei klar zu benennen, wer tatverdächtig sei, ohne auf eine ganze Menschengruppe zu schließen.

Der medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Martin Dörmann fände die Kritik an der „Tagesschau“ verständlich, der Fall sei ein „Grenzfall“. Doch das stimmt nicht. Der Fall war kein Grenz-, sondern ein klarer Fall. Die „Tagesschau“ hat am Samstag nicht nicht berichtet, weil sie den Mord verschweigen wollte. Wie viele andere seriöse Medien auch, berichtet sie über Morde und Vergewaltigungen nur, wenn sie überregionale Bedeutung haben.

Niemand will Mord und Totschlag von deutschen Tätern

Würde die „Tagesschau“ über jede schwere Straftat in Deutschland berichten, wäre die Sendung schnell voll mit Mord und Totschlag. Das will niemand sehen, zumindest so lange wie die Täter Deutsche sind. Die Schreie nach Berichterstattung kommen dann, vor allem aus der rechten Ecke, wenn die Täter einen Migrationshintergrund haben. Dann auf einmal will man genau wissen, wer der Böse ist. Das ist zynisch.

Und dann sind da natürlich noch die üblichen Verdächtigen. Die Berichterstattung über den Sexualmord in Freiburg sei ein Beispiel dafür, „dass nicht umfassend berichtet wird“, sagte Frauke Petry am Montag. Auch das stimmt nicht.

Der Pressekodex, eine freiwillige Selbstverpflichtung von Journalisten, besagt, dass die Herkunft eines Straftäters nicht genannt werden sollte, wenn sie mit der Straftat nichts zu tun hat. Diese Regelung soll all jene schützen, die der gleichen Nationalität angehören wie der Täter. Sie soll nicht den Täter schützen. Dazu kommt: Der Freiburger Tatverdächtige ist bislang auch nur das, ein Verdächtiger. Auch hier tragen Medien eine Verantwortung.

Damit kein falsches Bild entsteht: Medienkritik ist wichtig. Im besten Fall ist sie ein Korrektiv für Medien und deren Berichterstattung, denn auch die sind fehlbar. Dass nun aber Politiker bewerten, wann, was und wie Journalisten über den Mord in Freiburg hätten berichten sollen, ist fatal. Es spielt denen in die Hände, die der Meinung sind, Journalisten seien von oben gelenkt.

 

Einbrechende Einnahmen, Diffamierung als "Lügenpresse" und der Aufstieg von "Fake News" – Medien haben es derzeit nicht leicht.

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