Streit der Zeitungen um Silvester-Übergriffe

Verhärtete Fronten

Die Zeit und das Hamburger Abendblatt werfen sich gegenseitig Schlamperei bei der Berichterstattung über die Silvester-Übergriffe vor. Jetzt geht der Streit vor Gericht

Löst noch immer Diskussionen aus: Polizeieinsatz in der Silvesternacht Foto: dpa

HAMBURG taz | Wie sehr die Ereignisse der vergangenen Silvesternacht noch polarisieren, zeigt sich derzeit an einem Streit zwischen zwei großen Hamburger Verlagshäusern: Die Wochenzeitung Die Zeit hat angekündigt, gerichtlich gegen das Hamburger Abendblatt vorgehen zu wollen. Auf Facebook findet derweil eine Diskussion statt, in der sich Journalisten beider Häuser so wie LeserInnen und andere Unbeteiligte gegenseitig Vorwürfe machen und ebenfalls mit Klagen drohen.

Gegenstand der Kontroverse ist die Berichterstattung über einen Prozess um die Silvester-Übergriffe. Die Zeit -Autoren Sebastian Kempkens und Frank Drieschner hatten im November in ihrem Bericht „In die Enge getrieben“ die Ermittlungen nach den Übergriffen als Desaster bezeichnet und der Justiz Versagen vorgeworfen.

Kritik an Polizeiarbeit

Die Staatsanwaltschaft hatte im Frühjahr drei geflüchtete Männer beschuldigt, einer Frau in der Silvesternacht in der Großen Freiheit sexualisierte Gewalt angetan zu haben. Die Anklage stützte sich auf die Hauptzeugin, also das Opfer, die die Männer auf Fotos wiedererkannt haben will. Die Fotos entstanden allerdings, so stellte sich im Laufe des Prozesses heraus, zwar in der Tatnacht, nicht aber zu der Uhrzeit, zu der sie Opfer der Übergriffe wurde.

Damit sich die massenhaften sexuellen Übergriffe auf Frauen in der vergangenen Silvesternacht auf St. Pauli nicht wiederholen, plant die Polizei einen Großeinsatz:

530 PolizistInnen sollen im Rotlicht-Viertel und am Jungfernstieg Präsenz zeigen – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

Die Zahl der Zivilfahnder und Ermittler der Kriminalpolizei soll verdreifacht werden.

Eine mobile Polizeiwache soll auf dem Beatles-Platz an der Reeperbahn installiert werden, um Anzeigen aufzunehmen.

Hamburger Gitter sollen den Zugang zur Großen Freiheit begrenzen, falls der Andrang zu groß werden sollte.

Videokameras, die rund um die Reeperbahn installiert, aber normalerweise inaktiv sind, sollen am 31. Dezember wieder eingeschaltet werden.

PolizistInnen mit Bodycams sind ebenfalls unterwegs.

Ein „Power Moon“-Beleuchtungsballon soll die düstere Schmuckstraße aufhellen, die die Große Freiheit mit der Talstraße verbindet.

Quer gestellte Polizeifahrzeuge auf den Zufahrtsstraßen rund um den Kiez sollen zudem verhindern, dass Lkw in die Menge fahren.

Außerdem sei die Zeugin von den ErmittlerInnen suggestiv befragt und vor der Befragung mehrere Minuten mit den Bildern allein gelassen worden, schreiben Kempkens und Drieschner. Stimmt das, ist es ein unverantwortliches Vorgehen, das die Aussagen bezüglich der Fotos unbrauchbar macht. Die Polizei äußerte sich dazu auf taz-Anfrage nicht.

Zu genau diesem Urteil kam aber neben den Zeit -Autoren auch Richterin Anne Meier-Göring, die die Beschuldigten Anfang November frei sprach. In ihrer Urteilsbegründung kritisierte sie das Vorgehen der ErmittlerInnen und der Staatsanwaltschaft scharf: Sie sei persönlich schockiert, wie leicht sich der Rechtsstaat unter dem Druck der öffentlichen Meinung, der Medien und der Politik erschüttern lasse. Die Ermittlungspannen sähen schon fast nach einer Verschwörung aus.

Kempkens und Drieschner kommen in ihrem Artikel zwar zu dem Schluss, dass es keine Hinweise auf ein koordiniertes Vorgehen der Behörden gab, um die drei für unschuldig Befundenen hinter Gitter zu bringen. Allerdings habe eine „unbegreifliche Kette von Fehlleistungen der Polizei, der Staatsanwaltschaft und einer Strafkammer des Oberlandesgerichts“ dazu geführt, dass drei junge Männer sechs Monate lang unschuldig in Untersuchungshaft saßen. Dazu schrieb der Strafrechtler Johann Schwenn einen Kommentar, in dem er das Vorgehen der Behörden „laienhaft“ nennt.

Beim Abendblatt regte man sich offenbar so über die Berichterstattung der Zeit auf, dass man ihr eine ganze Seite widmete: Der Redakteur Holger Schöttelndreier schrieb, die Autoren seien „von der Kette gelassen worden“ und hätten eine Recherche geliefert, deren Ergebnisse „von Qualitätsjournalismus so weit entfernt wie der Silvester-Mob von einvernehmlichem Sex.“ Die Zeit habe frei mit der Wahrheit jongliert und zum Teil erfundene Behauptungen aufgestellt. Die Sonderermittlungsgruppe der Polizei sei hingegen „streng nach Vorschrift vorgegangen“.

Daraufhin konterte die Zeit mit dem Artikel „Wie das Abendblatt mit der Wahrheit umgeht“. Die Zeit -Redaktion wirft der Lokalzeitung darin unter anderem vor, sie nicht ein einziges Mal mit den Vorwürfen konfrontiert zu haben. „So geht's nicht“, sagte der stellvertretende Ressortleiter der Zeit Hamburg Kilian Trotier.

Es handele sich nicht um eine Meinungsverschiedenheit, sondern um einen Angriff und um Fakten, die nicht der Wahrheit entsprächen. „Das ist rufschädigend“, sagte Trotier der taz. Man habe das Abendblatt vergeblich zur Unterlassung aufgefordert und sehe sich jetzt gezwungen, wegen Falschaussagen vor Gericht zu gehen.

Streit eskaliert auf Facebook

Das Abendblatt wollte sich auf taz-Anfrage nicht zu Details äußern. Ein Sprecher der Funke-Mediengruppe sagte lediglich: „Wir haben kein Interesse daran, mit dem Fall Gerichte zu beschäftigen. Sollte dieses Interesse auf der anderen Seite bestehen, sehen wir einer möglichen juristischen Auseinandersetzung entspannt entgegen.“

Zu einer Klärung bei einem Glas Wein, wie anfangs im Zuge der Facebook-Diskussion vorgeschlagen, wird es nun wohl nicht mehr kommen. Der Hamburg-1 -Moderator Herbert Schalthoff hatte vorgeschlagen, das Gespräch in seiner Sendung fortzuführen. Auf seinem Profil spielte sich auch die Debatte ab, bei der sich die beteiligten Protagonisten gegenseitig Lügen, schlampige Recherche und falsche Beschuldigungen vorwerfen. Die Autoren der Artikel haben sich mittlerweile aus der Diskussion verabschiedet. Ein gewisser Popcorn-Faktor bleibt.

 

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