Werkstätten für Behinderte

„Beim Arbeitsmarkt soll Schluss sein?“

Werkstättenplätze kosten viel Geld, aber für die Behinderten kommt finanziell wenig bei rum, kritisiert Sozialarbeiterin Anne Gersdorff bei BIS e.V.

Arbeiten in der Behindertenwerkstatt: „Für das Selbstwertgefühl ist das gar nicht so toll.“ Foto: DPA

taz: Frau Gersdorff, was halten Sie von Werkstätten für Menschen mit Behinderung?

Anne Gersdorff: Nicht so viel. Aus zwei Gründen: Zum einen reden wir zurzeit ganz viel von Inklusion: Im Kindergarten klappt das schon ganz gut, in den Schulen immer besser. Und beim Arbeitsmarkt soll dann Schluss sein? In den Werkstätten arbeiten Menschen mit Behinderung nur mit anderen Menschen mit Behinderung. Und dann bekommen sie auch noch unglaublich wenig Geld dafür: 80 bis 160 Euro Taschengeld für bis zu 8 Stunden Arbeit täglich!

Insgesamt gelten die Werkstätten aber doch als Errungenschaft, vor allem Menschen mit geistiger Behinderung haben die Möglichkeit zu arbeiten und sich gebraucht zu fühlen.

Für das Selbstwertgefühl ist das aber gar nicht so toll. Gesellschaftlich schwingt da immer ein negativer Klang mit. Es ist etwas anderes, ob ich sage „ Ich arbeite in einer Bäckerei“ oder „Ich arbeite in einer Behindertenwerkstatt.“

Zumindest sollten die Werkstätten ein geschützter Raum sein, mit weniger Leistungsdruck als in der freien Wirtschaft.

Auch das stimmt nur zum Teil. Häufig erledigen die Beschäftigten Fließbandarbeit und müssen bestimmte Stückzahlen schaffen. Wer das nicht leistet, darf dann auch nicht in der Werkstatt arbeiten. Inzwischen arbeiten viele Menschen mit psychischen Erkrankungen in den Werkstätten. Menschen mit schwereren geistigen Behinderungen oder Mehrfachbehinderungen kommen dann in sogenannte Fördergruppen, werden also noch einmal aussortiert.

Ihr Verein vermittelt Menschen, die sonst in Werkstätten arbeiten auf den ersten Arbeitsmarkt. Wie gelingt das?

Bis zu 1.750 Euro bekommt ein Werkstattträger monatlich von der Agentur für Arbeit für jeden Beschäftigten. Überlegen Sie sich mal, was man damit alles machen kann! Wir setzen uns dafür ein, dass dieses Geld im Sinne eines persönlichen Budgets dafür genutzt wird, dass Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt Beschäftigung finden. Das Geld kann zum Beispiel für einen Arbeitsassistenten oder zur Unterstützung des Arbeitgebers verwendet werden.

Und das klappt?

Wir machen das seit acht Jahren und betreuen aktuell 60 Menschen, die lieber im Kindergarten, im Café oder in der Hauswirtschaft arbeiten wollen als in einer Werkstatt für Behinderte. Wir suchen dann nach geeigneten Arbeitgebern und haben in den letzten Jahren viele positive Erfahrungen gemacht. Gerade mittelständische Unternehmen sind häufig sehr aufgeschlossen und wissen gar nicht, welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt. Unserer Ansicht nach wäre das noch für sehr viel mehr Menschen ein gute Alternative zur Arbeit in einer Werkstatt. Leider stellen sich die Arbeitsagenturen häufig quer.

Inwiefern?

Die Berater entscheiden immer individuell, ob sie die Unterstützungsleistungen genehmigen oder nicht. Das ist auch von Bezirk zu Bezirk sehr unterschiedlich. In der Regel wird auch nur der sogenannte Berufsbildungsbereich unterstützt – die ersten Arbeitsjahre in einem Betrieb. Dann ist wieder Schluss. Aktuell klagen sechs der von uns Betreuten auf die Zahlung eines persönlichen Budgets, damit sie ihre Arbeit weiterführen oder überhaupt aufnehmen können. Und der Ausgang ist noch ungewiss.

Da zahlen die Arbeitsagenturen lieber das Geld für die Werkstatt als für die Integration im ersten Arbeitsmarkt?

Offensichtlich ist das so.

Das Interview ist Teil eines mehrseitigen Schwerpunktes zum Thema „Werkstätten für Behinderte“, taz.Berlin-Printausgabe vom 10./11. Dezember 2016

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