Ästhetische Wissenschaft

Theorie Artistic Research ist ein vages Diskurs-Zauberwort. Judith Sigmund versammelt Beiträge zur Frage „Wie verändert sich Kunst, wenn man sie als Forschung versteht?“

Auch Friedrich Nietzsche ging es um die Leidenschaft der Erkenntnis Foto: Theodor Barth/laif

von Ingo Arend

Ein Kontinent als Farbenstrudel. Drei Jahre nach dem Militärputsch in Chile 1970 reiste der Künstler Juan Downey von New York zur Südspitze Südamerikas. Er filmte die verschiedenen Kulturen. Am Ende seiner Reise kartierte er den Kontinent aber nicht mit nationalen Grenzen, sondern als buntes Streifenbündel auf einer Landkarte. Ist „Map of America“, sein Werk von 1975, nun Forschung – oder doch eher Kunst?

„Artistic Research“, das Zauberwort, das seit gut zehn Jahren seinen Siegeszug durch Museen, Biennalen und Art-Spaces angetreten hat, passt zu Downeys Arbeit, so wie er wissenschaftliche und sinnliche Methoden mischt.

Ganz neu ist die Debatte darum nicht. Schon 2010 gründeten Wissenschaftler und Künstler aus der ganzen Welt in Bern eine „Society for Artistic Research“, die eine Zeitschrift gleichen Namens herausgibt. Die Legion seither publizierter Aufsätze steht in umgekehrtem Verhältnis zur Vagheit des Begriffs.

Wenig verwunderlich daher, dass ein Symposium der Berliner Universität der Künste (UdK) im vergangenen Jahr kaum über den Minimalkonsens von „Artistic Research“ hinauskam, den die Kunstwissenschaftlerin Kathrin Busch bereits 2011 in einer Themenausgabe der Zeitschrift Texte zur Kunst formulierte: „recherchebasierte und auf Erkenntnis zielende künstlerische Praktiken“.

Die Positionen bewegten sich in dem bekannten Paradox: Einerseits wird Kunst als der Wissenschaft ebenbürtige Reflexion verteidigt. Auch sie entstehe schließlich, so Herausgeberin Judith Siegmund, Juniorprofessorin an der UdK, aus einer „Absicht des Forschens“.

Doch wenn Kunst sowieso eine „Form des „Experimentierens“ und „Versuchsanordnung“ (Reinold Schmücker) wäre, deren Ergebnisse sich im Werk „verkörpern“ (wie Bernadette Collenberg-Plotnikov mit Rückgriff auf einen Begriff des Kunsthistorikers Edgar Wind argumentiert), so würde sich Kunst gar nicht, wie der Buchtitel fragt, „verändern, wenn man sie als Forschung versteht“. „Künstlerische Forschung“ wäre dann ein Pleonasmus – und die ganze Diskussion überflüssig. Andererseits soll „Künstlerische Forschung“ auf keinen Fall ein „analogon scientiae“ sein.

Leider bieten die Referierenden keine konkreten Alternativen zu dem artistischen Szientismus, der sich durch viele, heute so beliebte Gentrifizierungskartierungen und postkoloniale Recherchen zieht. Die „Spurkunst“, die der Kulturhistoriker Lutz Hengst in Christian Boltanskis Erinnerungsarbeiten sehen will, ist kein wirklich überzeugendes Beispiel.

Dieses Dilemma auflösen will Kathrin Busch. Dass Kunst in die Philosophie einwandert (wie bei Jean-François Lyotard) und Theorien in die Kunst (wie bei Andrea Fraser) ist für die UdK-Professorin ein Indiz für die „generelle Bedeutungszunahme von Wissen innerhalb der Gesellschaft“. Sie sieht den Begriff „Forschung“ aber kritisch, weil er Gefahr laufe, Kunst wissenschaftlich einzuhegen.

Wenn sie die „Konzepte eines anderen Wissens“ beschwört, die ihre Kraft aus dem Unbewussten, Dunklen und Wilden des Denkens bezögen, will sie eine bestimmte Form von Hegemonie überwinden: „Kunst“, argumentiert sie, „ist nicht das andere des Denkens, dessen ästhetischer Überschuss die Offenheit von Kunst bedingt, sondern in ihr artikuliert sich ein anderes Denken, das über die Beschränkungen eines rationalistischen Wissensbegriffs hinausgeht.“

Als ideales Medium des „ästhetisches Denkens, das nicht von der Kunst theoretisch, sondern von konkreten Phänomenen künstlerisch handelt“, macht Busch den Essay aus. Folgt man ihr, müssten die Kulturverwaltungen und Universitäten nicht hektisch Projektförderungen für „Künstlerische Forschung“ aus dem Boden stampfen, wollten sie einer „Kunstform der Theorie“ zum Vorschein verhelfen, „die quer zu den Gattungen und Medien verläuft und die Unterscheidung zwischen Kunst und Theorie verschwimmen lässt“. Sie müssten dann auch Essays fördern.

Damit wäre „Künstlerische Forschung“ aber bei einer Form, die genau die „rationalistische Transparenz“ und die „Hierarchisierung zwischen Kunst und Wissenschaft“ festschreibt, die es aufzulösen gilt. So bilanziert die Konzeptkünstlerin Cornelia Sollfrank ihre Erfahrungen mit der Förderung in Schottland – einem der wenigen Länder, das solche Ansätze zulässt. Es sei denn, man schriebe wie Friedrich Nietzsche. In seiner „Fröhlichen Wissenschaft“, einer Art Vorläuferin von Buschs Vision, legte er die Grundlage für den heute etwas verkniffen daherkommenden Hype. Es gehe, schrieb er am Ende des 19. Jahrhunderts, um die „Leidenschaft der Erkenntnis“.

Judith Siegmund (Hg.): „Wie verändert sich Kunst, wenn man sie als Forschung versteht?“. Transcript Verlag, Bielefeld 2016, 217 Seiten, 29,99 Euro