Agentin liebt Agenten

Spionage Vorbild „Casablanca“: Robert Zemeckis’Spielfilm „Allied“ mit Brad Pitt und Marion Cotillard schwankt zwischen Spionagethriller und Liebesdrama

Spion (Brad Pitt) auf Tuchfühlung mit Spionin (Marion Cotillard) Foto: PPG

Casablanca mitten im Zweiten Weltkrieg. Evokativer kann das Setting eines Films mit zwei Spionen als Protagonisten kaum sein. Seit Humphrey Bogart inmitten des Gewirrs zwischen Exilanten, Spionen und dem Vichy-Regime im nächtlichen Nebel einem abhebenden Flugzeug mit Ingrid Bergmann hinterherblickte, ist Casablanca ein Mythos. Ausgerechnet diese Stadt hat sich Regisseur Robert Zemeckis als Ausgangspunkt von „Allied“, seinem Crossover von Spionagethriller und Liebesdrama, ausgesucht. Der kanadische Spion Max Vatan (Brad Pitt) trifft per Fallschirm in Nordafrika ein und nimmt Kontakt mit der französischen Spionin Marianne Beausejour (Marion Cotillard) auf. Gemeinsam sollen sie den deutschen Botschafter in Marokko töten.

Mit erkennbarer Freude am Schwelgen inszeniert Zemeckis das Setting: Tagsüber schlürft sich das Paar durch die Cafés von Casablanca und lässt Treffen mit Nazifunktionären über sich ergehen. Abends ziehen die beiden von Empfang zu Empfang, bei denen jeweils das Art-déco-Interieur der Ballsäle und die Garderobe der Schauspielerinnen im Mittelpunkt stehen; und nachts besucht Marianne „ihren Mann“ auf dem Dach, um die Legende der beiden vor den deutschen Nachbarn aufrechtzuerhalten.

Selbst das Schießtraining in der Wüste scheint eigens in den Film hineingeschrieben worden zu sein, um Marion Cotillards Hosenkombination zeigen zu können. Die beiden Spione verlieben sich ineinander, das Attentat gelingt, und beide werden nach London ausgeflogen.

In zäher Länge zeigt uns Zemeckis das Kriegsleben ­unter den kanadischen und britischen Geheimdienstlern, die Treffen in Pubs und Partys, den Alltag des Paars in Hampstead bei London und die Geburt der gemeinsamen Tochter im deutschen Bombenhagel. Dann – soviel verrät schon der Trailer – schleicht sich ein Verdacht in die Idylle: Was, wenn Marianne Beausejour gar nicht ist, wer sie vorgibt zu sein, sondern eine deutsche Spionin?

Was Zemeckis im Sinn hatte, als er „Allied“ inszenierte, wird am fertigen Film überdeutlich: einen glamourösen Historienschinken im Geheimdienstmilieu des Zweiten Weltkriegs, aufgepeppt durch eine Liebesgeschichte. Auf den ersten Blick scheint dieser Film mit Marion Cotillard und Brad Pitt auch perfekt besetzt zu sein. Auf den zweiten Blick fällt jedoch auf, dass Pitt und Cotillard ihre gesamte Karriere lang das klassische Glamourkino auf Distanz gehalten haben. So staksen beide erkennbar unbehaglich durch ihre Rollen ohne Tiefgang und durch einen Film, der sich vor lauter Versatzstücken klassischer Hollywoodfilme nicht entscheiden kann, worauf der erzählerische Schwerpunkt liegen soll.

Mit dem Wechsel von Casa­blanca nach Hampstead weichen der strahlende Glamour und die bunten Abendkleider dem gedämpften Olivgrün und Backsteinrot des Alltags. Parallel dazu verschiebt sich der Film vom Spionage-Actionfilm zum Liebesdrama und kann sich, als die Entscheidung durch den Zweifel an Marianne Beausejours Identität ansteht, nicht entscheiden, zum Spionagethriller zu werden. Im ersten Teil des Films fehlt der Esprit, der aus „Casablanca“, gedreht vom österreichisch-ungarischen Exilanten Michael Curtiz, mehr machte als eine beliebige Exilantengeschichte im Zweiten Weltkrieg. Im zweiten Teil fehlt „Allied“ jede Spannung.

Auf den ersten Blick scheint dieser Film mit Marion Cotillard und Brad Pitt perfekt besetzt zu sein

Leidlich unterhaltsam

ZemeckisFilm zeigt, dass die oft genannte Krise des Hollywoodfilms mit mittlerem Budget nicht nur ein Problem der Produktionspolitik der großen Studios ist, die statt auf Risiko lieber auf die hundertste Superheldenfortsetzung setzen. Auch Routiniers wie Robert Zemeckis oder Barry Levinson drehen bisweilen ganz schöne Gurken zusammen. Anders als Levinsons unsägliches Machwerk „Rock the Kasbah“ ist Zemeckis „Allied“ trotz all der Fehler in der Anlage leidlich unterhaltsam. Das nämlich ist das Schöne an der Hollywoodroutine: Ausstattung, Stars und solide Dialoge tragen die Filme meist genug. Wer ein Faible für Kostüme und Setdesign hat, könnte an dem Film sogar Gefallen finden.

Im Übrigen dürfte der Rückgriff auf die Opulenz des klassischen Hollywoodkinos vor dem Beginn von Zemeckis’Karriere mit den Blockbustern der 1980er Jahre eher eine manieristische Sackgasse bleiben. In der Hollywoodkrise der 1980er Jahre versuchten sich Regisseure wie Lawrence Kasdan an Genrefilmen mit Nähe zum Hollywoodkino der 1940er Jahre. Kasdan drehte nach seiner Arbeit als Drehbuchautor an den Star-Wars-Filmen Teil zwei und drei sein Regiedebüt „Body Heat“ – ein noch immer sehenswerter schwülstiger Neonoir –und den liberalen Messagewestern „Silverado“. Wenige Jahre später endete der Erfolg von Kasdans Regiearbeiten. Merke: Etwas mehr an Idee als die sterile Kopie klassischer Vorlagen braucht es dann doch. Dieses Mehr hat „Allied“ leider nicht.