Zwei LebenWie das Leben die Farbe verändert: Lea Streisands Roman „Im Sommer wieder Fahrrad“

Die Biene, die in Eimer kotzt

von Katrin Bettina Müller

Ein Leben zieht sich zusammen, ein anderes dehnt sich aus. In ihrem Roman „Im Sommer wieder Fahrrad“ verknüpft die Autorin Lea Streisand die Geschichte von Lea und deren Großmutter, Mütterchen genannt. Leas Welt schrumpft, seitdem sie von einem Tumor an ihrem Rücken weiß und Untersuchungen, Operation sowie Chemotherapie ihrem Leben den Takt vorgeben. Das Leben der Großmutter aber, das sie aus Erinnerungen und einem Koffer voller Briefe nach und nach rekons­truiert, führt weit in die Vergangenheit hinein und in das Nachdenken über Geschichte.

Der Titel, „Im Sommer wieder Fahrrad“, ist angelehnt an eine Aussicht, die die junge Patientin mit viel Charme, Angst und Überredungskunst einem Arzt entlockt hat, der sich wie alle Ärzte eigentlich nicht auf zeitliche Prognosen einlassen will. Wann sie denn wieder Fahrrad fahren könne, war ihre Frage, und seit der Antwort gibt das Warten auf den Sommer ihrem Leben und dem Buch einen Zeitrahmen vor. Noch aber ist Frühling, Lea sitzt in ihrem Zimmer und schaut die Blumen auf dem Balkon an. „Sieht aus wie Oralsex, oder?“, kommentiert ihre Freundin Frieda, als sich eine dicke Hummel in eine winzige Blüte stürzt. Lea beobachtet eine Biene, „die ihren geringelten Oberkörper halb in eine Petunie versenkt hatte“, und sagt: „‚Ich weiß nicht. Für mich sieht es aus, als würden sie in Eimer kotzen.‘“

Wie alles unter dem Vorzeichen der Erkrankung die Farbe verändert, davon erzählt die Autorin genau und pointenreich. Lea Streisand ist als Lesebühnenautorin bekannt und beliebt wegen ihrer witzigen Kurzprosa. Dass diese oft auf einer Analyse des Alltags beruht, bestätigt ihr erster Roman. Sie erzählt zum Beispiel, wie Leas Krankheit auch alle Beteiligten verändert, wie sich das Verhalten von Freunden und Verwandten dreht, denen die Erkrankte selbst oft über die auf Hilflosigkeit beruhende Verlegenheit im Gespräch hinweghelfen muss. Detailreich, fast wie in einem Theatersketch, berichtet sie über den Tonfall und die Umgangsformen von Ärzten, Pflegepersonal und Mitpatienten und wie damit der Patientin Lea eine bestimmte Stellung zugeschrieben wird, die sie groß oder klein macht, ihr gerecht wird oder sie entmündigt. In diesen Passagen zeichnet sich das Buch durch eine große Klarheit aus.

Die zweite Hauptfigur ist „Mütterchen“. Über sie hat Lea Streisand, die auch für die taz Geschichten geschrieben hat, schon in Fortsetzungen im taz.plan, der wöchentlichen Beilage der Berliner Ausgabe, erzählt, eine Vorarbeit für den Roman. Ihre 1912 geborene Großmutter setzte als junge Frau durch, Schauspielerin werden zu können. Eine der Geschichten, für die sie bewundert wird, ist, wie es ihr mit viel Mut und Tricks gelingt, ihren Bräutigam aus einem Arbeitslager der Nazis ­her­auszuschmuggeln und damit womöglich sein Leben zu retten.

Aber die Großmutter bleibt nicht einfach Leas Heldin, die Arbeit an ihrer Geschichte wird zu mehr als einer Liebeserklärung an eine starke Frau. Die Perspektive verändert sich. Da gibt es erst die kindliche Begeisterung über eine originelle Großmutter, dann das Durchforsten des Nachlasses, das Lesen der Briefe, Programmhefte, Notizbücher. Lea Streisand erzählt, wie Lea sich zuerst ein Wunschbild von dieser Großmutter zimmert, als witzig, präsent, mutig, emanzipiert. Vielleicht muss sie auch erst mal so sein, um Lea aus ihrer eigenen, sich verengenden Welt herausführen zu können. Aber dann bekommt dieses Bild allmählich Risse. Dass Mütterchens schönes Absehen von den Konventionen in Liebesdingen, die vielen Liebhaber zum Beispiel, auf die die Enkelin zunächst durchaus stolz ist, auch mit Rücksichtslosigkeit zu tun hatte, ist ein Schluss, der Lea zwar nicht gefällt, zu dem sie aber doch kommen muss.

Die Autorin ergänzt ihr Springen zwischen den Generationen mit historischer Recherche und Statistiken. Sie hält das Private gegen diese nüchterne Skala, um sich jene Veränderungen zu vergegenwärtigen, die man mit Blick auf das eigene Leben oft nicht mitbekommt. Da geht es um Haushaltsgeld, den Anspruch auf Bildung, das Privileg, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen. Das ist eine angenehme Relativierung der eigenen Geschichte und Bedeutung.

„Im Sommer wieder Fahrrad“ zehrt von der anekdotenreichen Erzählweise der Autorin, geht über dieses Talent aber hinaus, wo das Entstehen der Geschichte selbst zum Gegenstand des Erzählens wird. Streisand breitet ihr Material aus, lässt uns an der Arbeit ihrer Fantasie teilhaben, was ebenso sehr ein Vergnügen ist wie deren Ergebnisse.

Lea Streisand: „Im Sommer wieder Fahrrad“. Ullstein, Berlin 2016, 270 Seiten, 20 Euro