Ausstellungsempfehlung für Berlin

Den Raum im Bild suchen

Kulturtipp der Woche: Mit dynamischen Gesten bringt Tamina Amadyar Farbe auf die Leinwand. Die taz sprach mit der Künstlerin

Tamina Amadyar: „10,000 hours“. Ausstellungsansicht Galerie Guido W. Baudach. Courtesy Galerie Guido W. Baudach Foto: Roman März

Woran erkennt man einen Raum? Beim Zeichnen genügen drei Striche, in der Malerei sind es Flächen, die die Leinwand ins Dreidimensionale öffnen. Tamina Amadyar schafft Tiefe, indem sie energisch gestisch mit breitem Pinsel ihre Farben aufträgt, je zwei pro Bild.

Fast akrobatisch muss man sich das vorstellen, mit der Leinwand auf dem Boden. Weniger als in früheren Serien ist Amadyar für die aktuelle, ausgestellt bei Guido W. Baudach, von konkreten Räumen oder Orten ausgegangen, vielmehr hat sie versucht, diese im Bild zu finden.

Beim Betrachten kann man das ebenso tun, wenn man will, ergeben sich Ecken oder Wege. Nimmt man die Titel hinzu, erweitert sich die Perspektive noch: „turnhalle“ – Mattenblau am oberen Rand grün überpinselt, „warschau“ – dunkelroter Schwung auf wie unter Blau. Aus Bildräumen werden Denkräume.

Einblick (657): Tamina Amadyar, Malerin

taz: Welche Ausstellung in Berlin hat dich zuletzt an- oder auch aufgeregt? Und warum?

Tamina Amadyar: Die aktuelle Sonderausstellung „Hieb und Stich – Dem Verbrechen auf der Spur“ im Medizinhistorischen Museum der Charité. Die Ausstellung zeigt Techniken der Spurendeutung der Rechtsmedizin und Kriminalpolizei. Was mich begeistert, ist die anschauliche Vermittlung der Inhalte.

Galerie Guido W. Baudach, Di.–Sa., 11–18 Uhr, bis 4. 3., Potsdamer Str. 85

Gleich beim Betreten der Ausstellung sieht man einen nachgestellten Tatort: ein liebevoll dekorierter Raum, mit Tapete, Landschaftsmalereien an den Wänden und Muster auf dem Boden, auf dem Beweismittel markiert sind. Das wirkt wie ein Bühnenbild. Weitere Tatorte werden als Modelle dargestellt – entzückend!

Welches Konzert oder welchen Klub in Berlin kannst du empfehlen?

Tommy Genesis im Urbanspree. Die kanadische Rapperin hat 2015 ein großartiges Debütalbum hingelegt, ihre Bühnenperformance hat die Erwartungen noch übertroffen. Nach dem Auftritt waren wir wie verliebt.

Ich gehe gerne tanzen, aber ironischerweise habe ich in Berlin das Interesse an Klubs verloren. Stattdessen möchte ich die Geschichten der Stadt und ihrer Bewohner erfahren. Es gibt fantastische alte Kneipen, deren Wirte einem ganz nebenher 30 Jahre Geschichte servieren.

Welche Zeitschrift/welches Magazin und welches Buch begleitet dich zurzeit durch den Alltag?

Tamina Amadyar (*1989 in Kabul) studierte an der Kunstakademie Düsseldorf Malerei. Gruppenausstellungen bei KIT – Kunst im Tunnel (2011), Contemporary Fine Arts (2015), Eduardo Secci Contemporary (2016), Einzelausstellungen bei Guido W. Baudach (2015), Farbvision (2016). 2016 wurde sie auf die Forbes-Liste „30 under 30“ gewählt. Zurzeit ist ihre zweite Einzelausstellung bei Guido W. Baudach zu sehen.

Ich habe gerade „Es war einmal – oder nicht“ von Roger Willemsen gelesen, eine Dokumentation seiner Afghanistanreisen in Essays, Interviews, Briefen und Kinderzeichnungen. Sehr empfehlenswert.

Was ist dein nächstes Projekt?

Ein dauerhaftes Atelier finden. In einem Jahr in Berlin habe ich in vier Ateliers gearbeitet. Das bedeutet viele Umzüge und ständiges Einarbeiten in neuen Räumen. Im Frühjahr/ Sommer stehen neue Ausstellungen an.

Welcher Gegenstand/welches Ereignis des Alltags macht dir am meisten Freude?

Wenn mir nach einem langen Studiotag aus der gut duftenden und geheizten Küche mein Freund mit einer Flasche Rotwein entgegenkommt.

Text und Interview erscheinen im taz.plan. Mehr Kultur für Berlin und Brandenburg immer Donnerstags in der Printausgabe der taz

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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