Arm im Alter

Die Sonne scheint für alle kostenlos

Wann fängt Armut an? Reichen 850 Euro für ein anständiges Leben? Über die Bedeutung des Gefühls, eine Wahl zu haben.

Eine diesige Herbstlandschaft mit Sonnenstrahlen und einem einsamen Spaziergänger

Die Natur kostet nichts Foto: Imago/Westend61

DasZahnkonto ist Gisa Muthgangs Erfindung. Vor längerer Zeit schon hat sie Geld für ihre Zahnbehandlungen angelegt. Jeden Monat zahlt sie 100 Euro ein. Manche Menschen sparen auf ein Auto, Muthgang spart auf neue Backenzähne. Zähne hauen ins Budget, wenn man nur 850 Euro im Monat hat. „Man muss umdenken“, sagt die ehemalige Erzieherin, die mit 60 Jahren vorzeitig in Rente ging, „es ist ein neuer Lebensabschnitt“.

Muthgang empfängt zum Tee in ihrer kleinen Wohnung, zweieinhalb Zimmer mit Grünblick im Berliner Bezirk Charlottenburg. Nichts Überflüssiges steht herum, nur zwei Gitarren verraten, dass man sich in einem Haushalt mit Musikern befindet. Muthgang hat eine Zeit der kontrollierten Schrumpfung hinter sich.

Sie stammt aus der Mittelschicht, verbrachte ihre Kindheit im Einfamilienhaus am Grunewald, in einer Gegend, in der viele Berliner leben, die mehr Geld haben als der Durchschnitt. Der Vater war Abteilungsleiter in einem großen Medienkonzern. Er verließ die Familie mit drei Kindern früh, heiratete ein zweites Mal und ist jetzt im hohen Alter ein teurer Pflegefall. „Mit einem Erbe kann ich nicht rechnen“, sagt Muthgang.

Sie arbeitete als Erzieherin im Hort einer Ganztagsschule, Vollzeit, eine engagierte Pädagogin aus der linksalternativen Szene. Nach gesundheitlichen Krisen verminderte sie nach und nach ihre Arbeitszeit. Mit 60 ist sie raus, Burn-out. Sie lebt mit ihrem Lebenspartner zusammen, einem Musiker, der auch wenig hat. Die beiden führen getrennte Kassen. Ihren richtigen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen.

In zehn bis zwanzig Jahren könnte es viele Ältere geben, die so wie Gisa Muthgang mit wenig Geld auskommen müssen. Die Gefahr, arm zu werden, ist bei den über 65-jährigen Frauen und Männern laut Mikrozensus in den vergangenen Jahren gestiegen. Der Entwurf des 5. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung nennt Risikofaktoren für Altersarmut: lange Arbeitslosigkeit, Selbstständigkeit ohne Vorsorge, eine lange Familienphase, Teilzeitarbeit, Scheidung, Krankheit.

Auf neun Quadratmetern darf geraucht werden

Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) will deshalb eine Art Mindestrente in einer Höhe zwischen 850 oder 900 Euro einführen für jene, die lange gearbeitet haben. Das wäre etwa so viel Geld, wie Gisa Muthgang im Monat hat. Wie lebt es sich mit einem Einkommen in dieser Höhe? Wann stellt sich das Gefühl von Armut ein?

„Man bewegt sich eher in Bereichen, wo alles wenig oder nichts kostet“, sagt Muthgang, „aber arm will ich mich nicht fühlen.“

Welche Werte sind wichtig, wenn das Einkommen sinkt? Gisa Muthgangs Antwort lautet: Wahlfreiheit und Selbstbestimmung, das Gefühl, trotz eingeschränkter finanzieller Möglichkeiten die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten.

„Ich habe meine finanzielle Situation lange kommen sehen“, sagt die schlanke Sechzigerin mit den kurzen blonden Haaren und den großen Augen, „wir haben uns drauf vorbereitet“. Mit den Mietkosten fängt das kontrollierte Schrumpfen an. Das kinderlose Paar leistete sich vor Jahren noch eine Wohnung mit 100 Quadratmetern im Dachgeschoss. Die Freunde bewunderten die großzügigen Zimmer, die tolle Aussicht, den Wintergarten. Doch als Muthgang klar wurde, dass ihre Kraft nicht reichen wird bis zum gesetzlichen Rentenbeginn mit 66 Jahren, entschloss sich das Paar zu einer Verkleinerung.

Sie bewegt sich in Bereichen, wo alles wenig oder nichts kostet. Arm will sie sich trotzdem nicht fühlen. Sie hat ihre Situation lange kommen sehen. Sie hat sich vorbereitet

56 Quadratmeter groß ist ihre Zweieinhalbzimmerwohnung mit Balkon und Blick auf einen Wald. Vor dem Umzug haben sie viele Bücher und Klamotten verschenkt und verkauft. „Man wirft auch Ballast ab“, sagt Muthgang. Sie hört sich für einen Moment an wie eine der Minimalisten, die es als Lebensstil begreifen, nicht zu viel zu besitzen. Muthgang setzt sich ihre Maßstäbe selbst. Sie versucht es zumindest.

Durch den Umzug sparte das Paar 600 Euro Miete. Muthgang und ihr Lebenspartner zahlen jetzt zusammen 600 Euro Warmmiete. Sein Zimmer ist neun Quadratmeter groß. „Wer will, darf darin rauchen“, sagt sie.

Die verschämte Armut

Die Freunde, die sich anfangs noch besorgt erkundigen, ob die Zweisamkeit infolge der neuen räumlichen Enge keinen Schaden nehme, sind verstummt. Von Neumietern der gleichen Wohnungen im Komplex fordert der Eigentümer jetzt eine um 400 Euro höhere Miete. Ein Nachbar mit dem gleichen Wohnungsschnitt habe sein 9-Quadrameter-Zimmer jahrelang untervermietet, erzählt sie. „Das geht ja auch.“ Sie kann sich Maßstäbe nicht nur selbst setzen, sondern sie auch ändern, wenn es nötig ist.

Der Gedanke, dass ihr Partner nicht mehr da sein könnte, beunruhigt sie hin und wieder. „Allein könnte ich mir die Wohnung nicht leisten“, sagt Muthgang. Eine kleinere bezahlbare Wohnung wäre in dieser Lage kaum zu finden. Viele Ältere leben in einer Art verschämten Armut, um in ihren Wohnungen bleiben zu können, nachdem der Partner gestorben ist. Bei Alleinlebenden im Rentenalter liegt die Mietbelastung in Westdeutschland durchschnittlich bei 44 Prozent des Einkommens, zeigt der neue Armutsbericht. Das ist ein Rekord im Vergleich unter allen Altersgruppen.

Bisher kann Muthgang ihre Wohnkosten bezahlen. Von 850 Euro Rente gehen 300 Euro für ihren Mietanteil ab. Mit 100 Euro schlagen die Energie­kos­ten, Fernsehen, Telefon, Handy, Internet, zu Buche. 70 Euro kostet die Monatskarte für Bus und Bahn. Bleiben noch 380 Euro für Essen, Getränke, zum Ausgehen, für Freizeitkurse, Klamotten, Schuhe, Drogeriewaren, Medikamente, Zeitungen, Friseur, homöopathische Präparate, Zugfahrten zu den alten, geschiedenen Eltern. Und fürs Zahnkonto.

Wer sich die Posten vorrechnen lässt, versteht, warum man bei 850 Euro Rente durchaus von Armut reden könnte. Und warum Muthgang erwägt, auf Zahnimplantate künftig zu verzichten und das fürs Zahnkonto vorgesehene Geld lieber anderweitig zu verwenden. Mit ihrer kleinen Rente kann sie einen Antrag als „Härtefall“ bei der Kasse stellen. Die Kassen zahlen dann eine Mindestversorgung mit Zahnersatz; das sind aber nur Teilprothesen, keine Implantate. Sie könnte sich natürlich auch die Monatskarte für den Nahverkehr sparen, schließlich fährt sie viel Fahrrad. Aber was ist im Winter und mit den weiten Strecken?

Sie schlich um den Seniorentreff

„Man bewegt sich in einer Sphäre des Niedrigkonsums“, sagt Gisa Muthgang. Sie will nicht in Selbstmitleid verfallen, das ist ihr wichtig. „Niedrigkonsum“ klingt mehr nach Öko, nach selbst gewähltem Lebensstil und nicht nach Absturz und Ausschluss. Dass sie nahe am Wald wohne, sei ihr „großes Glück“, sagt sie. Spaziergänge im Sonnenuntergang sind die Rettung für Tausende von Altersarmen, denn die Natur kostet nichts. Ihr anderes Hobby ist nicht teuer: Muthgang spielt und singt seit Jahren in einer Band. Da fallen nur 18 Euro im Monat für den Übungsraum an.

Gisa Muthgang trägt gerne Naturfaser, kocht viel Bio und legt Wert darauf, auch beim Konsum wählerisch zu sein. In Secondhandklamotten würde sie sich unwohl fühlen, vom Billig­angebot der 1-Euro-Shops hält sie wenig. Das Bioregal bei Aldi allerdings schätze sie inzwischen. Und sie findet, es ist ein Politikum, „dass die großen Biomärkte meist viel zu teuer sind für Leute mit geringem Einkommen“. Dann ist da die Seniorenfreizeitstätte. Okay, da musste sie sich überwinden.

„Es ist hilfreich, ein paar Vorurteile abzulegen“, sagt sie.

Einkommen: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stellt fest, dass die einkommensstärksten 10 Prozent der Bevölkerung von 1991 bis 2014 reale – also unter Berücksichtigung der Preisentwicklung – Einkommenszuwächse von 27 Prozent zu verzeichnen hatten. In den mittleren Einkommensgruppen betrug der reale Zuwachs nur 9 Prozent. Die ärmsten 10 Prozent der Bevölkerung haben in dieser Zeit reale Einkommensverluste von 8 Prozent erlitten, sagt DIW-Forscher Markus Grabka.

Vermögen: Bei den Vermögen hat sich nach den Daten aus dem Entwurf des 5. Armuts- und Reichtumsberichts, der in den kommenden Wochen offiziell vorgestellt werden soll, die Ungleichheit zwischen den Bevölkerungssegmenten in jüngster Zeit nicht erhöht. Das reichste Zehntel der Bevölkerung besaß nach der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe von 2013 rund 52 Prozent des gesamten Nettovermögens aller Haushalte. Das ärmste Zehntel hingegen war mit Schulden in Höhe von 1,5 Prozent des gesamten Nettovermögens belastet. Im Jahr 2008 hatte das reichste Zehntel einen geringfügig höheren Anteil des Nettovermögens besessen und das ärmste Zehntel einen geringfügig niedrigeren Anteil an den Schulden.

Muthgang schlich ein paarmal am Seniorentreff vorbei, dann wagte sie sich hinein. Der Feldenkrais-Kurs, eine Art Bewegungstherapie, kostet dort nur 20 Euro im Monat. Die Truppe entpuppte sich als muntere Überlebensgemeinschaft. Man redet nicht ausführlich über die eigenen Krankheiten, aber „wir tauschen Tipps aus über Ärzte, die naturheilkundliche Behandlungen ohne Mehrkosten anbieten“, erzählt Muthgang. Der Älteste im Kurs ist 80 Jahre alt, kommt aber noch runter auf die Schaffellmatte.

Wenn man Muthgang beim Chai-Tee zuhört, erinnert man sich an die sparsame Lebensweise der Kriegsgenerationen, die Meisterinnen darin waren, Gemeinschaft herzustellen, ohne dass es viel kostete. Wandern, Singen, Hausmusik, Vereine, Besuche, Kaffeeklatsch – die Rentnerinnenkultur der 60er Jahre war konsumfern. Rechnet man die Rente einer Angestelltenwitwe aus den 60er Jahren um und zieht die Miete ab, dann verfügten Rentnerinnen damals über eine Kaufkraft von nur 340 Euro. Diese Subkultur der Damen in ihren beigen Anoraks, breiten Schuhen und dicken Brillen entwickelte sich für die Nachkommen zum Inbegriff der Spießigkeit. Aber vielleicht hat man da etwas übersehen.

Reiche Erben, verarmte Künstler

Denn die Spartricks dieser Rentnergenerationen und der konsumferne Lebensstil vieler Studentenmilieus tauchen vielleicht in neuen Varianten bei den konsumschwachen Älteren wieder auf.

Muthgang verfügt über eine weitere Voraussetzung, die beim Leben in der Sparsamkeit hilft: einen sozial gemischten Freundeskreis. Sie kennt etliche alte Künstler, die ärmer sind als sie. Schauspieler und Musiker sind es, die früher als Freiberufler nicht viel verdienten und jetzt im Alter darum kämpfen, nicht beim Grundsicherungsamt anklopfen und auf den Anträgen den Wert ihrer Musikin­strumente oder einer Datsche im Berliner Umland als verwertbaren Besitz angeben zu müssen.

„Die andern in der Band hielten mich immer für reich“, erzählt Muthgang, „die sagten, du arbeitest im öffentlichen Dienst, das ist doch ein gut bezahlter, sicherer Job. Die hatten völlig falsche Vorstellungen von den Gehältern.“

Aber sie trifft sich auch viel mit einer Freundin, die früher einmal Lehrerin war und eine gute Pension bezieht. Diese Freundin ist seit Kurzem Erbin und sucht sich jetzt die Ayurveda-Hotels in Sri Lanka sehr sorgfältig aus. Sie hat ihre Freundin Gisa eingeladen zur Wellnesswoche ins Biohotel nach Österreich, sie wolle alles zahlen. Muthgang lehnte ab. „Ich will mich innerlich unabhängig fühlen können und zu nichts verpflichten“, sagt sie.

Die reichen ErbInnen und die verarmten Künstler – Muthgang steht gewissermaßen in der Mitte, und das scheint ein Trost zu sein.

Männer im Übrigen reden höchst ungern über ihre Armut. Das stellt auch fest, wer männliche Interviewpartner zu dem Thema sucht. Solange es privat bleibt, erzählen Männer ähnliche Geschichten wie Gisa Muthgang, aber sie würden lieber aus dem Fenster springen, als sich in einem Zeitungsartikel als Altersarme zitiert zu sehen. Frauen sind da eventuell pragmatischer und verknüpfen ihr Selbstwertgefühl nicht so stark mit ihrer finanziellen Situation.

Früher half sie Armen

Auch Muthgang kämpft hin und wieder mit Gefühlen des Verzichts. Nicht lange und weit in Urlaub zu fahren, das ließe sich aushalten. Auch kein Auto zu haben sei kein Problem. „Aber die homöopathischen Behandlungen, die fehlen mir“, sagt sie. Für die Konsultationen bei der Homöopathin mangelt es an Geld. Auch die Felden­krais-Einzelbehandlungen wegen ihrer Rückenschmerzen kann sie nicht mehr besuchen. Ihre langjährige Krankengymnastin rechnet inzwischen nur noch privat ab – für Muthgang ist das nicht bezahlbar.

Manche mögen das für Luxussorgen halten, so wie es Menschen gibt, die nicht verstehen, wieso sich Hartz-IV-Empfänger auch mal in ein Café setzen wollen oder Niedrigverdiener rauchen. Aber das Gefühl von Wahlfreiheit und Selbstbestimmung beinhaltet eben genau das, sich wenigstens ein oder zwei Dinge zu leisten, die nicht nur dem bloßen Überleben dienen.

Muthgang würde zwei von neun Kriterien „materieller Entbehrung“ erfüllen, die aus der europäischen Sozialberichterstattung stammen: Sie kann sich kein Auto und keinen Urlaub leisten. Das ist noch relativ komfortabel. Im Vergleich zu Sabine Buchholz.

Die Quote: Armut wird in Deutschland unter anderem anhand der Armutsgefährdungsquote gemessen. Sie bezeichnet den Anteil der Bevölkerung, der weniger Einkommen zur Verfügung hat als 60 Prozent des mittleren Einkommens. Der Anteil der Bevölkerung unterhalb dieser Schwelle lag im Jahre 2015 bei 15,7 Prozent. Zur Ermittlung von Armut gibt es verschiedene Verfahren. Wir beziehen uns auf die Zahlen des Mikrozensus. Die Armutsgefährdungsquote ist relativ. Wenn das Gesamteinkommen der Bevölkerung steigt, hebt sich die Einkommensschwelle für die „Armutsgefährdung“. Es kann passieren, dass mehr Haushalte unterhalb der Schwelle liegen, obwohl das Einkommen der ärmeren ­Milieus nicht gesunken ist.

Die Entbehrungen: Im Gegensatz zur relativen Armutsgefährdungsquote gibt es neun unveränderliche EU-weite Kriterien für „materielle Entbehrung“: Zahlungsrückstände bei Konsumentenkrediten; man kann es sich nicht leisten, die Wohnung warm zu halten, unerwartete Ausgaben von mindestens 980 Euro aus eigenen Mitteln zu stemmen, eine Woche Urlaub, Auto, Wasch­maschine, Farbfernseher oder Telefon zu finanzieren oder jeden zweiten Tag Fleisch zu essen. In Deutschland erfüllten 62 Prozent der Bevölkerung keines dieser Kriterien. Wer 4 dieser Kriterien erfüllt, leidet unter materieller oder erheblicher materieller Entbehrung.

Wer Buchholz in ihrer Einzimmerwohnung in Berlin-Wedding besucht, begreift, was es heißt, wirklich eingeschränkt zu sein durch die Armut und um einen Rest von Wahlfreiheit, um Selbstbestimmung hart kämpfen zu müssen. Der Unterschied lässt sich beziffern: „200 Euro im Monat mehr, das wäre eine andere Welt“, sagt die 64-Jährige, die mit ihrer Katze in ihrem kleinen Apartment lebt.

Buchholz bezieht Hartz IV. Seit einer Krebserkrankung kann sie nicht mehr arbeiten. Bald geht sie in Rente, eine sehr kleine Rente mit aufstockender Grundsicherung. Sie wird also ein Einkommen in Höhe von Hartz IV bekommen und gehört dann zu den offiziell Altersarmen.

600 Euro zum Leben

Auch Buchholz, die in Wirklichkeit anders heißt, stammt aus der Mittelschicht, einem Beamtenhaushalt in Hessen. Sie hat Sozialpädagogik studiert. Auch sie wird nichts erben, und es würde ihr auch nichts nützen: Jedes zufließende Vermögen muss verbraucht werden, bevor es Grundsicherung gibt. Buchholz hat als Sozialpädagogin in der Obdachlosenhilfe gearbeitet, ganz früher mal. Sie war immer kränklich. „Ich dachte damals: Es kann leicht passieren. und du stehst selbst auf der anderen Seite“, erzählt sie.

Sie wurde arbeitslos, es folgten ABM-Stellen, Kurse, ein paar Anläufe, einen neuen Job zu finden, Beschäftigungsmaßnahmen, bei denen nichts eingezahlt wird in die Rente. Sie trat eine Stelle über den Bundesfreiwilligendienst an, im Büro einer Wohlfahrtseinrichtung. Sie bekam 200 Euro an Aufwandsentschädigung, obendrauf auf den Regelsatz von Hartz IV. 200 Euro mehr bedeuten 600 Euro im Monat zum Leben plus Miete. Es entspricht einem Arbeitseinkommen von mehr als 900 Euro.

„Mit dem Geld von der Stelle beim Bundesfreiwilligendienst konnte man einigermaßen leben“, sagt Buchholz, „ich konnte auch mal einen Kaffee trinken gehen, mir was Neues kaufen.“ Doch es war eben kein richtiger Job. Die Stelle war auf neun Monate befristet. Und dann kam der Krebs. Und dann wieder Hartz IV. Sicher, während ihrer Studentenzeit hat sie auch nicht mehr gehabt, „aber es ist ein Riesenunterschied, wenn du weißt, diese Armut, die bleibt für immer“.

409 Euro Regelsatz hat Buchholz im Monat, davon gehen Kosten ab für Haushaltsenergie, Telefon, Handy, Internet, die Brille, das Monatsticket, Katzenfutter, Essen, Klamotten, Drogeriewaren. Auch Buchholz kocht lieber Bio, erst recht nach dem Krebs. Die Waschmaschine ging neulich kaputt. Buchholz kaufte eine gebrauchte vom Regelsatz, für 50 Euro. Das Ding funktioniert nicht richtig, ständig fließt Wasser aus.

Jeden Monat im Dispo

Dabei hat sie nicht mal den vollen Regelsatz zur Verfügung. 20 Euro muss sie monatlich an das Jobcenter zurückzahlen, das hängt mit dem Krankengeld von der Stelle beim Bundesfreiwilligendienst zusammen, das sie zwischenzeitlich bezog. Sie wusste nicht, dass sie das nicht darf: Krankengeld beziehen plus Hartz IV. Das Jobcenter fordert nun einige hundert Euro zurück, häppchenweise. Und dann ist da noch der Dispo. Viele Hartz-IV-Empfänger überziehen den Dispo und zahlen lebenslang allmonatlich Zinsen an die Bank, ohne den Kredit jemals tilgen zu können. Buchholz zahlt 25 Euro im Monat.

Auch Sabine Buchholz kennt die Subkultur des Niedrigkonsums, die 1-Euro-Shops, Billigklamottenläden, Flohmärkte. Sie schätzt öffentliche Räume, in denen man sich bewegen kann, „ohne Geld bezahlen zu müssen“, erzählt sie. Der Besuch irgendwelcher Shoppingmalls, wo der Latte drei Euro fünfzig kostet, kommt für sie nicht infrage. Parks ohne Eintritt, Nachbarschaftszentren, Stadtteilbi­blio­theken, Flohmärkte – die sind überlebenswichtig für die Menschen, die im Alter arm sind.

Sabine Buchholz wohnt in der Nähe eines Parks, und wenn die Stimmung und das Wetter gut sind, picknickt sie auf dem Rasen. So wie die migrantischen Familien, die am Wochenende kommen. Zeitungen liest sie gratis in der Stadtteilbibliothek, und sie geht gern auf Flohmärkte und in Secondhandläden.

Eine gewisse Wahlfreiheit hat sich Buchholz bewahrt. Die Läden von KiK zum Beispiel würde sie nicht betreten, wegen der Arbeitsbedingungen der Menschen, die die Kleidung für den Discounter herstellen. Sie besitzt ein iPad samt Vertrag, eine langjährige Freundin hat es ihr geschenkt, als Buchholz ins Krankenhaus musste zur Krebs­ope­ration. Das mit dem Schenken „ist kein großes Thema zwischen uns“, sagt sie. Wer mehr hat, gibt ein bisschen was ab.

Die Tafel wird normal

Sie hat ebenfalls manche Vorurteile abgelegt. „Bei der Tafel gibt es auch nette Momente“, sagt sie, „da herrscht keine Atmosphäre von Absturz. Nur die Vordrängler, die nerven.“ Dienstags geht sie zur Ausgabestelle für Lebensmittel in einer Kirche. Man muss sich als Empfänger von Grundsicherung registrieren lassen und bekommt für einen Euro wöchentlich von Supermärkten gespendetes Gemüse, Obst und Brot.

Eigentlich spart man dadurch nicht viel Geld, nur so um die 30 Euro im Monat, sagt Sabine Buchholz. Wenn sie ehrlich sei, gehe sie zur Tafel auch wegen der Abwechslung, wegen der Ansprache. Die Krebserkrankung raubt viel Kraft, oft kommt sie kaum noch aus dem Haus. Doch bei der Tafel trifft sie auf freundliche Freiwillige, meist Frauen, die Zucchini, Kohl und Brot ausgeben. Als Buchholz nach der Chemotherapie mit einem Kahlkopf auftauchte, waren einige Freiwillige besonders nett zu ihr. Menschen in Grenzsitua­tionen ist man bei der Tafel gewöhnt.

Dass normale Leute kommen, ist ihr wichtig. Viele Jüngere, Alleinerziehende sind dort. Eine alte Dame mit Rollator hat sie schon öfter gesehen, die grüßt immer freundlich. Auch ein Mann in orange Kleidung, vielleicht ein Buddhist, holt sich bei der Tafel Gemüse und Obst ab.

Dann kauft sie eine Hollywoodschaukel

Sabine Buchholz kann ihre früheren Klienten jetzt gut verstehen, die von damals, als sie selbst als Sozialpädagogin in einer Suppenküche arbeitete. Wie rasend einen das macht, nichts kaufen zu können. „Und dann kamen die Leute plötzlich mit einem brandneuen Handy an und hatten schon ihr Geld für den halben Monat verbraten“, erzählt sie. „Jetzt kann ich das nachfühlen. Manchmal will man eben auch ein schickes Handy oder Markenturnschuhe, man will dazugehören. Das macht einen verrückt.“

Ihr verrücktester Kauf war eine Hollywoodschaukel, ein Sonderangebot beim Discounter. „Es war plötzlich so eine Fantasie von Geborgenheit und Urlaub, als ich mir vorstellte, wie das Ding in meiner Wohnung steht und ich drin liege und schaukle“, erzählt Buchholz. Mit einer Freundin baute sie die Hollywood­schaukel in ihrer Einzimmerwohnung auf. Sie war sperriger als erwartet.

Man kam nicht mehr ans Bett und konnte auch nicht mehr bequem am Esstisch sitzen. Und auch nicht richtig doll schaukeln. Nach einer Woche bauten sie die Schaukel wieder ab. Es fanden sich Käufer über eBay. Sie holten die zerlegte Schaukel auf dem Fahrrad ab. „Die sahen auch irgendwie arm aus“, sagt Sabine Buchholz. Es war ein älteres Paar.

 

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